Tauchpraktikum in Südafrika - Erfahrungsbericht

Hammer. Walhai! Tauch-Praktikum in Sodwana: Eine andere Welt zwischen Rochen, früh aufstehen und Zebrawurst. Lesen, wie es wirklich ist: Lorenz erzählt aus Südafrika.

4 Uhr morgens. Der Weckel klingelt. Scheiße, ist das früh. Ich quäle mich aus dem Bett, normale Tauchschulen-Aufsteh-Zeit in der Hochsaison.

Vier Monate Zeit, Neugierde und ein bisschen Taucherfahrung – das war’s, was ich im Gepäck hatte, als ich am Flughafen in Richard’s Bay landete. Warum gerade dort? Natur, Tellerrand, Tauchen. Ich wollte möglichst günstig meinen Dive-Master machen, um mir künftige Semesterferien zu finanzieren und: Afrika war komplettes Neuland für mich.

Ich wurde netterweise abgeholt von der mir völlig unbekannten Charmaine, die in der Nähe meiner Tauchschule, dem Sodwana Bay Lodge Scuba Center, eine Lodge betreibt. Und lernte damit schon eine der herausragendsten südafrikanischen Eigenschaften kennen: Hilfsbereitschaft. Vorbei ging es, unter der glühenden südafrikanischen Sommersonne, an buschartiger Steppe, kaputten Stromleitungen, runtergekommenen Blechhäusern und kaputten Autos. Ab und zu eine Giraffe, ausgemergelte Kühe auf ausgetrockneten Steppenwiesen. ›Malerisch‹ geht anders.

4:30 Uhr, wir sind zu Fuß auf dem Weg zum Diving Center. Wir, das ist die Tauchcrew rund um Ben, den Chef vom Scuba Center, drei Holländer, ein Ukrainer, ein Australier und allerlei wechselnde Belegschaft aus anderen Teilen der Welt. Alle sind supernett, nehmen mich sofort in die Tauchfamilie auf und machen mir das Eingewöhnen ganz leicht. Ich fühl mich weniger einsam als befürchtet.

›Praktikum‹ beim Scuba Center heißt: Schuften und dafür umsonst Tauchen. Schuften heißt: früh aufstehen, zur Tauchschule laufen, Equipment und Flaschen fertig machen, die Flaschen auf Traktoren packen, die Boote klarmachen, alles zum Strand fahren, dort abladen, alles auf die Boote schleppen und ins Wasser lassen. Anschließend fahren wir mit den Tauchgästen raus zu den unendlich eindrucksvollen Riffen.

Sodwana Bay ist Naturschutzgebiet. Die Tauchschule ist nicht direkt am Strand. Am Strand ist nichts. Außer Sand und Brandung. Alles, was wir am Strand und zum Tauchen brauchen, müssen wir aufwändig hinbringen. Per Traktor, denn um zum Strand zu kommen, geht es über Buschland, Urwald und Dünen runter zur Bucht. Unser Traktor ist übrigens mehr oder weniger kaputt, so wie vieles in diesem Teil Südafrikas. Kein Auto mit intakten Scheiben, jeden zweiten Tag kein Strom, die Häuser ohne Dach, die PickUps komplett vom Rost zerfressen – die Leute hier haben andere Herausforderungen. Das Leben funktioniert trotzdem, irgendwie, und ich erfahre nach deutschem Überfluss und deutscher Perfektion das erste Mal, wie wenig man eigentlich braucht. Und wie improvisiert ein Alltag sein kann. Aufpassen müssen wir, hat Ben uns zu Anfang erklärt, denn die Leute hier sind arm. Lieber nicht alleine rumlaufen. Überfälle sind an der Tagesordnung. Die Polizei schert sich nicht. Eine ganz neue Erfahrung für mich: sich nicht ›frei‹ zu fühlen.

6 Uhr, der erste Bootslaunch. Zehn Gäste. Die Brandung ist stark, die Skipper, alles Schwarze, lenken die Boote mit traumwandlerischer Sicherheit durch die Wellen. Unter Wasser gibt es eine zweite Welt, mit Rangordnungen, den kuriosesten Lebewesen und unfassbarer Schönheit. Das fasziniert mich so am Tauchen: die Erkenntnis, dass da unten ein völlig eigener Kosmos herrscht. Das relativiert das Leben über Wasser ungemein. Wenn wir nicht mit rausfahren zum Tauchen, bleiben wir am Strand. Warten auf den nächsten Launch, die nächsten Taucher, die nächste Schlepperei. Sitzen zusammen, quatschen über Gott und die Welt, rauchen und essen ungesunde Sachen: Sandwich, Pommes und Oreos. Plaudern mit schwarzen Jugendlichen, die am Strand rumhängen, sehen wie ungerecht die Welt ist und wie ungleich die Chancen. Ob und wer hier zur Schule geht, kümmert keinen. Mir wird klar, wie behütet wir sind. Zu Hause, in dieser anderen Welt, in der sogar die Flaschencontainer Öffnungszeiten haben und zum Radfahren ein Helm aufgesetzt wird.

14:30 Uhr, der letzte Launch ist wieder am Strand angekommen. Jetzt heißt es: Boote, Ausrüstungen und Flaschen, alles zurück zum Camp. Die Arbeit ist anstrengend, eine Tauchflasche wiegt 15 Kilo, in der Highseason schleppen wir 40 davon am Tag und machen acht Boote startklar. Ab dem frühen Morgen heißt es voller Körpereinsatz – ich bin nicht der Sportlichste. Alles tut mir weh. Nach zwei Wochen ist das vorbei, ich gewöhn mich dran und mag den Job: Abends weiß ich, was ich geschafft hab. Und: das Tauchen entschädigt sowieso. Für alles.

16 Uhr: Wir sind fertig. Ab zum Bier im Scuba Center. Den Tag Revue passieren lassen. Wir planen noch die nächsten Launches, dann geht es zurück zum Tauchcamp, wo wir grillen. Der Chef hätte ein Zebra geschossen und Wurst daraus gemacht. Sagen die anderen. Vielleicht verarschen sie mich aber auch. Schmeckt irgendwie – würzig. Um 21 Uhr sind alle völlig platt und fallen ins Bett. Bis 4 Uhr. Scheiße, ist das früh. 


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