Arbeitsmarkt für Naturwissenschaftler

Naturwissenschaftler: Die Profiteure der Fachkräftelücke

Glaubt man aktuellen Prognosen, gehören Naturwissenschaftler zu den begehrtesten Kräften auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft. Doch auch Biologen, Physiker und Chemiker dürfen sich nicht auf ihrem Fachgebiet ausruhen: Querschnitt-Profile gewinnen immer mehr an Bedeutung.

Wie eine übergroße, ohrenbetäubend schellende Alarmglocke mutet sie an, die jüngste Studie des Stifterverbandes der Deutschen Wirtschaft: Unter dem Titel ‘Nachhaltige Strategien für mehr MINT-Absolventen’ analysiert sie den aktuellen Bedarf an Fachkräften aus Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) – und kommt dabei zu dem beunruhigenden Ergebnis: »Der Bedarf an MINT-Fachkräften ist hoch und steigt, doch die aktuellen Absolventenzahlen entsprechen diesem Bedarf nicht. In Deutschland droht eine wachsende Fachkräftelücke!«

Was in den Ohren der Wirtschaft und Unternehmenslenker wie ein Fanal klingt, ist Musik in den Ohren von studierenden Naturwissenschaftlern, Absolventen und Berufseinsteigern. Denn wo der Mangel groß ist, sind die Jobangebote massig. »Der Arbeitsmarkt ist in einem technologischexportorientierten Land wie Deutschland auf sehr gut ausgebildete Naturwissenschaftler angewiesen «, bestätigt Prof. Dr. Axel Griesbeck, Dekan der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät an der Universität zu Köln. »Dies wird sich durch die Strukturentwicklungen der nächsten Jahre nicht ändern, sondern eher noch weiter zunehmen.«

Zwar würden seit einem Jahr die industriellen Arbeitgeber krisenbedingt sehr zögerlich einstellen, doch dadurch hätte sich nun ein noch stärkerer Nachholbedarf ergeben, sagt Griesbeck. »Zurzeit nehmen die Einstellungen deut lich zu und speziell die Absolventen der Fächer Physik, Mathematik und Ingenieurwissenschaften haben exzellente Berufsaussichten – die aus der Chemie und den Geowissenschaften ha - ben sehr gute.« Warum sind Naturwissenschaftler auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft so heiß begehrt? Die Bedarfsstudie des Stifterverbandes der Deutschen Wirtschaft macht als Antwort drei entscheidende Trends aus: Erstens gibt es einen Strukturwandel hin zu einer forschungs- und wissensintensiveren Wirtschaft und Gesellschaft, der in Deutschland einen zusätzlichen Fachkräftebedarf von über 50.000 Arbeitskräften jährlich generiert.

Zweitens gewinnen in Deutschland – anders als in vielen vergleichbaren OECD-Ländern – wieder jene Industriezweige Anteile an der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung, die überwiegend Naturwissenschaftler beschäftigen. Und drittens scheiden durch den demographischen Wandel bis zum Jahr 2020 jährlich bis zu 18.000 Naturwissenschaftler aus dem Erwerbsleben aus – und müssen durch Absolventen ersetzt werden. Obwohl die Arbeitsmarkt-Prognosen für Naturwissenschaftler also insgesamt positiv ausfallen, lohnt sich ein genauer Blick auf die vier klassischen Teilbereiche dieses Fachgebietes: Biologie, Physik, Chemie und Geologie. Rund 64 Prozent aller Biologen arbeiten in der Forschung & Entwicklung, und in diesem Arbeitsbereich werden in Zukunft wohl auch die meisten Stellen entstehen: »Voraussichtlich wird sich die Biomedizinische Forschung trotz Unkenrufen aus dem Gesundheitsministerium weiterhin als DIE Jobmaschine erweisen, vor allem wenn Megathemen wie die neurodegenerativen Erkrankungen oder Krebs angegangen werden müssen«, schätzt Carsten Roller vom Ressort Ausbildung und Karriere im Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO).
















Aufgrund der komplexen Fragestellungen, die aber eine hohe gesellschaftspolitische Relevanz haben, werde in Zukunft der Markt für biowissenschaftliche Forscher groß bleiben. Doch VBIO-Experte Roller weist auch auf wachsende Konkurrenz hin: »Da die benachbarten Disziplinen die hohe Relevanz biologischer Fragestellungen erkannt haben und andere naturwissenschaftliche Forschungsthemen an Bedeutung verlieren, drängen nicht nur medizinische und naturwissenschaftliche Fakultäten in den Bereich der Biowissenschaften. Selbst die Ingenieure sehen ihre Zukunft in der Biologie.« Auch Physiker haben weiterhin gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt, obwohl sich die Wirtschaftskrise auch für sie bemerkbar macht: Zwar stieg die Zahl der Jobsuchenden im vergangenen Jahr auf bundesweit über 1.000 – der erste Zuwachs der Arbeitslosigkeit seit sechs Jahren –, gleichzeitig geht die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) jedoch von rund 4.900 offenen Stellen aus. »Wegen der Konjunkturflaute ist der Arbeitsmarkt angespannter. Die Aussichten auf einen Job sind aber weiterhin gut«, sagt Lutz Schröter, der im Vorstand der DPG für Berufsfragen zuständig ist. »Nach wie vor haben wir einen Mangel an Fachkräften. Der aktuelle Bedarf entspricht fast zwei kompletten Jahrgängen an Physikabsolventen.

Und auch in Zukunft werden Physikerinnen und Physiker gefragt sein.« Die DPG ist von der Zukunftsfähigkeit ihres Berufsstandes überzeugt, vor allem aufgrund eines Studienergebnisses des Instituts der deutschen Wirtschaft: Danach haben nahezu 80 Prozent der Unternehmen, die Physiker und Mathematiker beschäftigen, in den vergangenen zwei Jahren neue oder merklich verbesserte Produkte oder Dienstleistungen hervorgebracht. Weniger innovativ waren hingegen Unternehmen, die in ihren Reihen weder Physiker noch Mathematiker aufzuweisen haben: Nur etwa die Hälfte dieser Firmen hatte innerhalb der vergangenen zwei Jahre Innovationen entwickelt. Dies lege den Schluss nahe, so die DPG, dass Physiker die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens maßgeblich befördern. Mit einer zunächst stabilen Stellenlage rechnet man auch beim Verband der Chemischen Industrie (VCI): »In den vergangenen Jahren hat unsere Branche durchschnittlich rund 400, meist promovierte, Chemiker jährlich eingestellt«, sagt Gerd Romanowski, Geschäftsführer Wissenschaft, Technik und Umwelt im VCI. »Wir schätzen, dass dies auch in den kommenden Jahren so sein wird.« Man erwartet allerdings auch, dass im Zuge der wirtschaftlichen Erholung die Nachfrage nach Chemikern in Spezialgebieten künftig wieder anziehen wird. »Zum Beispiel in der Toxikologie, der Elektrochemie, der Makromolekularen Chemie, den Materialwissenschaften, der angewandten heterogenen Katalyse und in der Grenzflächenchemie und -physik«, berichtet VCI-Experte Romanowski. »Letzteres spiegelt den wachsenden Bedarf in der Nanotechnologie wider, einem Technologiefeld, in dem deutsche Chemieunternehmen weltweit eine führende Rolle spielen.«
Die Internationalität der Branche werde an die Nachwuchskräfte von morgen aber auch erhöhte Anforderungen stellen: »Unsere Branche ist nicht nur mit Produktionskapazitäten schon längst an den wichtigen Chemiestandorten der Wachstumsregionen in Asien und Lateinamerika präsent«, sagt Romanowski. Die Unternehmen investierten vor Ort auch in Forschung und Entwicklung. »Deshalb sind gute Fremdsprachenkenntnisse, Mobilität, Interesse an anderen Kulturen und Auslandserfahrungen heute wichtige Faktoren, auf welche die Unternehmen zunehmend Wert legen.« Auch der Berufsverband Deutscher Geowissenschaftler (BDG) vermeldet eine hohe Nachfrage nach Absolventen seines Fachbereiches: Oft würden Absolventen noch während ihrer – in der Branche nach wie vor obligatorischen – Promotion abgeworben.

Um den Berufseinsteig zu erleichtern, bietet der BDG seit 2003 ein Mentoring- Programm an. Studenten, Absolventen und Berufs einsteigern werden dabei berufserfahrene Experten vermittelt, die diese für zwölf Monate bei der Karriereplanung oder der Einführung in Netzwerke unterstützen. »Gefragt sind besonders häufig Mentoren aus der Versorgungswirtschaft, der Rohstoffindustrie und Ingenieurbüros«, berichtet Tamara Fahry-Seelig vom BDG. »Bisher haben 83 Prozent der Mentees ihr oberstes Ziel – nämlich den Berufseinstieg – erreicht.« Trotz rosiger Aussichten geht der Kelch der Weiterbildung auch an Naturwissenschaftlern nicht einfach so vorüber: »Bedingt durch die steigende Komplexität der Technik werden interdisziplinäre Felder, die verschiedene Fachbereiche verknüpfen, den größten Stellenzuwachs haben«, prophezeit Tom Wiegand von der naturwissenschaftlichen Karriereplattform jobvector. »Wer Fachkompetenz in verschiedenen Bereichen mitbringt, kann besser über den Tellerrand sehen und dadurch Synergien freisetzen.«

Dies gelte nicht nur für die entsprechenden Fachbereiche von Bioinformatikern, Biophysikern oder Chemieingenieuren, sondern insbesondere auch für betriebswirtschaftliche Aspekte: »Top-Positionen in der Wirtschaft erhält man mittlerweile nur noch, wenn man neben seiner naturwissenschaftlichen Kompetenz auch BWL-Grundlagen versteht und anwenden kann«, sagt Tom Wiegand. »Der Boom, diese Kenntnisse zum Beispiel im Rahmen eines MBA-Zweitstudiums zu erwerben oder im MINT-Studium auch BWL-Kurse zu belegen, hält an.«

Text: Florian Vollmers

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Stellenangebote für Naturwissenschaftler

Interview: Arbeitsmarkt für Naturwissenschaftler

Interview mit Ralf Beckmann, Experte der Bundesagentur für Arbeit, über die Chancen von Naturwissenschaftlern.

Herr Beckmann, wie wird sich die Stellenlage für Naturwissenschaftler längerfristig entwickeln?
Wie wird Karl Valentin gern zitiert? »Prognosen sind schwierig, vor allen Dingen, wenn sie die Zukunft betreffen. « Aber schaut man sich die Alterstruktur der heute beschäftigten Naturwissenschaftler an, kommt man zu dem Schluss, dass schon allein demographiebedingt gute Chancen bestehen – ist doch etwa jeder sechste beschäftigte Chemiker oder Physiker über 55 Jahre alt. 

Wie hat sich denn die Krise bei Naturwissenschaftlern bemerkbar gemacht?
Am Arbeitmarkt für Biologen hat sich der positive Trend des Jahres 2009 trotz Wirtschaftskrise fortgesetzt. Die Arbeitslosigkeit ging sogar weiter zu - rück. Die gemeldeten Stellen lagen leicht im Plus. Insbesondere in den Fachrichtungen Biotechnologie, Molekularbiologie oder Gentechnologie wurden Fachkräfte gesucht. Bei Physikern, Chemikern und Mathematikern ist die Arbeitslosigkeit hingegen leicht gestiegen. Gerade Absolventen ohne Berufserfahrung bekommen derzeit die Zurückhaltung der Firmen bei Neueinstellungen zu spüren. Dennoch handelt es sich zumeist nur um eine kurze Phase der Arbeitslosigkeit, denn auch in der Krise sind Naturwissenschaftler grundsätzlich gefragt. 

Wo liegen die Arbeitsfelder der Zukunft?
Globale und interdisziplinäre Zusammenarbeit und der ‘Blick über den Tellerrand’ werden immer wichtiger. Dies findet auch seinen Niederschlag in den verschiedensten Kombinationsstudien - gängen, die zwei verschiedene Schwerpunkte beinhalten, wie die Wirtschaftinformatik oder auch Biophysik, medizinische Physik, Geoinformatik. Im weitesten Sinne bietet sich für Naturwissenschaftler ein breites Betätigungsfeld, an der Bewältigung von großen Zukunfts-Herausforderungen mitzuwirken: Knapper werdende Ressourcen, nachhaltige Energieversorgung so - wie Klima- und Umweltschutz. 

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Interview mit Prof. Dr. Heinz Schuler zum Arbeitsmarkt für Naturwissenschaftler

Du bist auf Arbeitssuche – und das mitten in Krisenzeiten? Prof. Dr. Heinz Schuler, Experte für Berufspsychologie, gibt Ratschläge, wie du dabei ruhig und zuversichtlich bleibst.

Herr Professor Schuler, angenommen, ich bin kurz vor Studienabschluss und angesichts der Krise sehr verunsichert, was meinen Berufseinstieg angeht: Was raten Sie mir?
Ich hoffe, Sie haben ein Fach studiert, das Sie interessiert und das Sie auch als Beruf mit Freude und Engagement betreiben können. In gleicher Weise sollten Sie an die Stellensuche herangehen: Welche Branche, welche Firma, welche Stelle interessiert mich? Wie sehen die Anforderungen aus? Entsprechen sie meinen Fähigkeiten? Dann stellen Sie eine Rangliste Ihrer Favoriten auf und bewerben sich bei diesen Organisationen.

Was halten Sie für die beste Strategie, um auch nach mehreren Absagen zuversichtlich bei der Jobsuche zu bleiben? Wie kann ich die Krise als Chance sehen?
Wenn Ihre Prüfung ergeben hat, dass Sie und die Stelle gut zusammenpassen, ist für die Absagen vielleicht die Art Ihrer Bewerbung verantwortlich, und Sie sollten sich hierbei um Unterstützung bemühen. Falls Sie sich über Ihre Interessen und Fähigkeiten nicht ausreichend im Klaren sind, können Ihnen so genannte Self-Assessments weiterhelfen, die im Internet oder von Diagnostikinstituten vor Ort angeboten werden, zum Beispiel www.berufsprofiling.de.

Wie behalte ich nach zahlreichen Absagen das nötige Selbstbewusstsein, um mich in Bewerbungen und Vorstellungsge sprächen gut zu verkaufen?
Wenn Sie die genannten Empfehlungen befolgt haben, sollten Sie nicht mehr zu viele Absagen bekommen. Aber der Arbeitsmarkt ist derzeit nicht einfach, da kann vieles passieren. Informieren Sie sich gut über das Unternehmen, bei dem Sie sich bewerben: Welche Produkte stellt es her, welche Stellung hat es im Markt, wie unterscheidet es sich vom Wettbewerb, mit welchen Ideen könnten Sie zum Unternehmenserfolg beitragen? So schaffen Sie sich Klarheit, wie gut Sie und diese Organisation zusammenpassen, und beim Vorstellungsge - spräch machen Sie einen guten Eindruck.

Was raten Sie Studenten, die unter großem Leistungsdruck stehen, zum Beispiel seitens der Eltern, und Angst haben, deren Erwartungen nicht zu erfüllen?
Kommt der Leistungsdruck wirklich von den Eltern, dann sollte man mit ihnen sprechen und die emotionalen Karten offenlegen; allerdings nicht als Vorwurf ausgesprochen, sondern als Bitte um Rat und Unterstützung. Vielleicht stellt sich dabei auch heraus, dass der Druck selbstgemacht ist. Auch in diesem Fall ist ein Abgleich von Berufsanforderungen und eigenem Potenzial von Nutzen. Eventuell kann man beruflich etwas bescheidener als in der Traumstelle anfangen, um nach einiger Zeit des Erfahrungssammelns sich weiterzuentwickeln und dann aufzusteigen.

Inwiefern sollte man sich in der Phase der Jobsuche überhaupt mit Statistiken und Arbeitslosenzahlen auseinandersetzen?  Das ist doch vermutlich noch demotivierender ...?
Mit den Statistiken ist es wie mit den halbvollen oder halbleeren Gläsern. Die wichtigste statistische Zahl für Hochschulabsolventen zeigt, dass junge Menschen mit dieser Qualifikation die besten Beschäftigungsaussichten von allen Gruppen haben. Wenn Sie sich überhaupt mit solchen Zahlen beschäftigen, dann nur in der chancenbezogenen Form: In welcher Branche oder Region gibt es für mich die interessantesten Möglichkeiten?

Welche Erfahrungen machen Sie an der Uni Hohenheim im Umgang mit Ihren Studenten: Herrscht hier Krisenstimmung?
An der Uni Hohenheim ist, soweit ich es erkennen kann, die Stimmung gut, und die Beschäftigungsquote der Absolventen ist hoch im Vergleich zu anderen Universitäten. Einen Beitrag hierzu leistet ein aktives und qualifiziertes Team am ‘Career Center’ der Universität, das Absolventen durch Tipps und Trainings unterstützt, zum Beispiel durch die Möglichkeit, probeweise an einem Assessment Center teilzunehmen. Diese Selbsterfahrung erhöht die Sicherheit im Bewerbungsprozess.


Heinz Schuler ist Professor für Psychologie an der Universität Hohenheim und befasst sich schwerpunktmäßig mit den Bereichen Arbeits- und Organisationspsychologie. Zu seinen Publikationen gehören zum Beispiel Beiträge zur Berufsfindung, zur Berufseignungsdiagnostik und zur Qualität von Assessment Centern.

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