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Warum wir mit Plastik Schluss machen sollten

Dr. Georg Mehlhart ist Senior Researcher am Öko-Institut. Als erfahrener internationaler Projektleiter unterstützt er nationale und internationale Institutionen und Unternehmen bei der Umsetzung einer nachhaltigen Wasser- und Abfallwirtschaft.

 

Dr. Georg Mehlhart rät uns von Plastik ab, unter anderen aus den folgenden Gründen.

Herr Dr. Mehlhart, ist die Verschmutzung durch Plastik wirklich so schlimm wie in den Medien berichtet wird?

Global ist der Plastikeintrag in die Meere dramatisch – genauso wie die Effekte auf die Meeresumwelt. Vögel und Säugetiere verenden aufgrund von Plastik, aber das meiste davon sinkt auf den Boden ab und verändert die dortige Biozönose sehr stark. In Hinblick auf Mikroplastik lernen wir in Deutschland gerade dazu, wo die Quellen dafür liegen – nämlich beispielsweise im Reifenabrieb sowie in Farben und Lacken von Hausfassaden. Aufgrund der aktuellen Mikroplastikdebatte wird derzeit noch mal genauer hingeschaut.

Wie sieht es denn hierzulande mit der Umweltbelastung durch Plastik aus?

In Deutschland würde ich die Situation nicht als dramatisch bezeichnen – so wie ich das global tue –, sondern als besorgniserregend. Ich fände es zum Beispiel unverantwortlich, eine Apokalypse heraufzubeschwören, weil Kunststoffe im Darm von Menschen nachgewiesen wurden. Denn es steht bisher nicht fest, dass diese Stoffe toxisch oder gefährlich sind.  Sie sind erst einmal einfach nur da.

Welche Theorien zur Wirkung gibt es denn bislang?

Es könnte sein, dass diesem Mikroplastik Schadstoffe anhaften oder sich diese sogar anreichern und ebenfalls in die Zelle gelangen. Es ist aber auch möglich, dass diese Partikel inert sind, also wie ein Stückchen Sand in den Körper hinein- und wieder hinauswandern.

Lässt sich sagen, wo in der Welt die Belastung durch Mikroplastik besonders groß ist?

Es geht nicht nur um Mikro-, sondern auch um Makroplastik, das zuerst ins Meer gelangt und irgendwann zum Mikroplastik wird. Makrokunststoffe werden im Wesentlichen in Asien, speziell in Südostasien, eingetragen. Dort befinden sich die größten Eintragsquellen. Daneben gibt es auch noch ein paar große in Afrika und Südamerika.

Plastik hat viele Gesichter. Welche Produkte werden denn besonders häufig gefunden?

Global gesehen stehen Plastikflaschen, -tüten und behälter – etwa für Reinigungsmittel oder Farbe – sowie Folien an erster Stelle. Zigarettenkippen sind natürlich auch relevant. Zudem werden alle möglichen Schnipsel aus Restbestandteilen angespült, die schon kleingerieben sind.

Eine unglaubliche Belastung für Tiere und Umwelt.

Ja, denn Säugetiere, Schildkröten und Vögel verwechseln Plastik häufig mit Nahrungsmitteln. Dadurch kommt es unter anderem zur Verwicklung im Darm. Das ist vor allem während des Wachstums ein Problem. Die Tiere sind satt, weil ihr Magen gefüllt ist, doch es kann weder eine Nährstoffaufnahme noch eine Verdauung stattfinden. Auch problematisch ist, dass bestimmte Vogelpopulationen ihre Nester gerne mit Fischernetzen bauen. In diesen verheddern sie sich oft, kommen nicht mehr weg und verenden auf ihren Nistplätzen.

Die Folgen der Plastikverschmutzung sind dramatisch. Dennoch heißt es, dass eine Plastiktüte besser sein kann als eine aus Papier. Warum?

Der Vorteil an Kunststoffen ist, dass sie unglaublich effizient in der Herstellung sind. Verglichen zum Beispiel mit einer Papiertüte, die nur einmal benutzt wird, ist die aus Kunststoff einmal verwendet energieeffizienter. Daher ist es sinnvoll, Wege zu finden, wie sich Stoffe und Produkte öfter benutzen lassen: Jeder einzelne könnte zum Beispiel die Papiertüte zweimal zum Einkaufen hernehmen und anschließend für den Kompost, oder die abbaubare Baumwolltüte hundertmal verwenden – dann stimmt die Ökobilanz auch wieder.

Was halten Sie vom Verbot von Einwegplastikprodukten?

Es ist eine unglaubliche Verkürzung, sich bei der EU-Einwegplastik-Richtlinie nur auf die Verbote zu fokussieren. Bei diesen zehn verbotenen Stoffen handelt es sich um solche, die an den europäischen Meeresküsten am häufigsten gefunden werden und die sich am einfachsten ersetzen lassen. Aber die Einwegplastik-Richtlinie tut so viel mehr: Sie macht Vorschriften für ganz Europa, etwa dass 90 Prozent der Getränkeflaschen in Zukunft eingesammelt werden müssen. Sie sorgt dafür, dass der Markt für Sekundärstoffe richtig in Gang kommt. Und sie stellt Regulierungen vor, wonach die Hersteller für die Kosten bei der Einsammlung ihrer Produkte aus der Umwelt beteiligt werden können.

Was kann jeder Einzelne tun, um Plastikmüll zu vermeiden?

Mich hat einmal jemand gefragt: Was ist denn die Alternative zu einem Plastikstrohhalm? Meine Antwort lautete: In erster Linie kein Strohhalm! An vielen anderen Stellen lässt sich auch über folgende simple Frage nachdenken: Brauche ich das wirklich? Jeder sollte sich zum Beispiel fragen, wie er mit Lieferdiensten umgeht, was er geliefert bekommt und wie viel Müll dabei ist. Niemand kommt darum herum, seinen eigenen Lebensstil zu überdenken –  auch angesichts der Energie- und Mobilitätsdebatten. Denn eines zeigen alle Überlegungen, die mehr als nur einen Sektor betreffen: Der Lebensstil, den wir uns leisten und geleistet haben, lässt sich in dieser gedankenlosen Art und Weise nicht weiterführen.

Glauben Sie, wir werden es schaffen, das weltweite Müllproblem weitgehend einzudämmen?

Ich weiß gar nicht, ob ich das beantworten kann und will. Ich mache mir schon Sorgen, dass das mit den konventionellen Ansätzen nicht so gut klappt – denn damit probieren wir es auch schon seit 30 Jahren. Tatsache ist, dass wir mehr auf die Produkte schauen müssen, die wir global in die Welt setzen. Ohne diesen Blick stärker in die Lösungsstrategien zu integrieren, werden wir das Müllproblem nicht in den Griff bekommen.

Einige Absolventen wollen dem Problem auch beruflich begegnen. Was sollten sie dafür mitbringen?

Meine Erfahrung zeigt mir, dass es gut ist, eine solide fachliche Basis zu haben – und nicht gleich nur auf Umweltthemen zu springen: Zum einen, weil sich relevante Themen ändern. Zum anderen können Absolventen erst mit solidem Fachwissen bei Umweltthemen in die Tiefe gehen und zu haltbaren Aussagen kommen. Sie sollten zum Beispiel in der Lage sein, eine repräsentative von einer nicht-repräsentativen Befragung zu unterscheiden – sonst nützt es auch nichts, wenn dabei tolle Sachen für die Umwelt herauskommen.

Welche Soft Skills brauchen Absolventen neben dem fachlichen Know-how?

Eine wunderbare Vorbereitung ist alles, was mit Organisation, Management und dem Blick über den Tellerrand zu tun hat. Ich selbst war zum Beispiel als Umweltreferent im AStA aktiv. Solche Erfahrungen sind sehr wertvoll.


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