Suppenschussel mit Buchstaben darin und Löffel daneben

Aktuar: Mit Risiken rechnen?

Aktuare sind die menschlichen Taschenrechner der Versicherungen und für Berechnungen zuständig.

Versicherungen werben damit, den Kopf von der eigenen Angst zu befreien. Damit das aber für beide Seiten ein lohnendes Geschäft und kein Spiel mit dem Feuer wird, gibt es Aktuare. So wird am Ende auch ein Risiko irgendwie berechenbar.

»Man gewöhnt sich ein Stück weit daran, über Sterblichkeit und Naturkatastrophen zu reden. Ein Rückversicherer sieht an einem schönen Strand dann typischerweise eher die Szenarien, die über ihn hereinbrechen könnten«, erzählt Dr. Thorsten Fink, Aktuar bei der Hannover Rück, »dabei ist der Beruf selbst sehr vielfältig: Ich kann neben Naturkatastrophen auch Sterblichkeit modellieren – Daten aufbereiten und analysieren, programmieren, verschiedene Wahrscheinlichkeiten, das Risikokapital oder den Unternehmenswert ausrechnen«.

Wer jetzt nur an das Wälzen von Formelsammlungen denkt, liegt falsch: »Wir gucken jetzt nicht in ein Buch und sagen ›Seite 37, die Formel, die passt‹, sondern uns liegen bestimmte Wahrscheinlichkeiten vor und daraus leiten wir dann alles ab, was wir brauchen. Ein Modell kann dann schon mal ein paar hundert Formeln enthalten.« Je nachdem, wie komplex diese Berechnungen sind, dauert es ein paar Stunden oder auch zwei Monate bis man zu einem Ergebnis kommt. »Teamarbeit ist schon sehr wichtig«, unterstreicht Dr. Fink, »alleine bekommt man das durch die Komplexität gar nicht hin«.

Der Mathematiker mit dem Wirtschaftssinn

Ganz unbeeinflusst vom Beruf geht man nicht durch den Alltag: »Wenn ich selbst für mich privat Versicherungen benötige, betrachte ich die Leistungen und Prämien jetzt ganz anders. Zum Beispiel frage ich mich, wie die Prämien zustande kommen. Ich kenne natürlich die Berechnungsweise, aber nicht die zugrunde liegenden Statistiken.«

Neben der reinen Mathematik ist auch die betriebswirtschaftliche Interpretation wichtig. Denn ein Mathematiker sieht Zahlen in erster Linie neutral. Für den Geschäftsmann sind Zahlen aber auf ganz andere Art und Weise existenziell. Der Mathematiker verrechnet sich und benutzt das nächste Mal einen Taschenrechner – der Betriebswirt muss stattdessen mit Konsequenzen für sein Unternehmen rechnen. »Was man im mathematischen Studium gemacht hat, braucht man zum großen Teil erst mal nicht, weil das Studium weit über Risikoberechnung hinausgeht. Die praktische Anwendung wie die Programmierung muss man allerdings erst lernen«, so Dr. Fink.

Dabei ist Mathematik nicht die einzige Einstiegsmöglichkeit. Einige Aktuare haben auch andere Fachrichtungen wie Physik, Statistik, Betriebswirtschaftslehre oder Informatik studiert. Um anschließend den Titel ›Aktuar DAV‹ beziehungsweise ›Aktuarin DAV‹ zu erlangen, muss zum einen das zumeist dreijährige, berufsbegleitende Ausbildungsprogramm der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) absolviert werden und zum anderen praktische Berufserfahrung im aktuariellen Umfeld nachgewiesen werden.

Besonderheiten der deutschen Aktuarsausbildung

»Die Besonderheit der deutschen Aktuarsausbildung ist, dass diese nach einem einschlägigen Hochschulstudium berufsbegleitend meist zu Beginn der Karriere absolviert wird. In Großbritannien oder den USA gibt es hingegen eigenständige ›Actuarial Science‹-Studiengänge an den Hochschulen«, erklärt ein Sprecher der Deutschen Aktuarvereinigung. »In der Regel dauert eine Aktuarsausbildung in Deutschland drei Jahre und teilt sich in zwei Stufen: Das sogenannte Grundwissen vermittelt den Grundkanon an Wissen, den angehende Aktuare für ihre spätere Berufspraxis benötigen. Im Spezialwissen fokussieren sich die Prüflinge auf eine Fachrichtung, zum Beispiel Lebensversicherungsmathematik, Schadenversicherungsmathematik oder Pensionsversicherungsmathematik. Dabei erhalten sie auf Deutschland und ihr Spezialgebiet zugeschnittenes Know-how zu gesetzlichen Vorgaben, Marktbesonderheiten oder Produktspezifika.«

Ein breites Berufsfeld

Dabei muss es am Ende gar nicht die Versicherung sein, so ein Sprecher der DAV: »Aktuare arbeiten inzwischen nicht mehr nur für Erst- und Rückversicherungen und Träger der Altersversorgung wie Pensionskassen, sondern auch für Banken und Bausparkassen sowie Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmen. Immer häufiger sind auch Verbände, Ministerien und Aufsichtsbehörden Arbeitgeber von Aktuaren.«

Aktuelle Entwicklungen nicht ausschließen

Aktuelle Entwicklungen spielen für Aktuare immer eine Rolle: Niedrige Zinsen wirken sich auf die Berechnung einer Versicherung aus, die demographische Entwicklung fällt ins Gewicht, genauso wie neue Vorschriften wie die ab Anfang 2016 geltenden ›Solvency II.‹-Beschlüsse, mit der die europäische Versicherungsaufsicht das Thema Risikomanagement in Unternehmen eine noch größere Rolle zukommen lassen möchte.

Das Gehalt lässt sich sehen

Der Beruf des Aktuars ist einer der abwechslungsreichsten, den Studierende der Mathematik ergreifen können. Auf die sehr guten Karriere- und damit Verdienstmöglichkeiten weißt ein Sprecher der DAV hin: »Im Versicherungsaufsichtsgesetz ist geregelt, dass jedes Lebensversicherungsunternehmen einen sogenannten Verantwortlichen Aktuar zu bestellen hat. Dieser leitet in vielen Fällen das gesamte Aktuariat mit den entsprechenden Mitarbeitern. Häufig ist der Verantwortliche Aktuar sogar selbst Mitglied des Vorstands oder in der Hierarchieebene direkt darunter angesiedelt. Darüber hinaus sind viele Aktuare auch Geschäftsführer von Beratungsunternehmen, Vorstandsmitglieder von Versicherungsunternehmen oder Einrichtungen der betrieblichen Altersvorsorge oder Mitglied von Aufsichtsräten der Versicherungen. Auch finanziell lohnt es sich, die anspruchsvolle Ausbildung zum Aktuar zu absolvieren. Ein Aktuar verdient laut der Ende 2014 veröffentlichten vierten DAV-Gehaltsstudie, die zusammen mit den Personalexperten der Kienbaum Management Beratung durchgeführt wurde, durchschnittlich 80.000 Euro pro Jahr. Die Einstiegsgehälter liegen bei 51.000 Euro. Ein Aktuar auf Spezialisten-/ Referentenebene verdient 68.000 Euro jährlich. Führungskräfte erhalten im Durchschnitt 115.000 Euro pro Jahr. Die Gehälter von als Vorstand oder Geschäftsführer tätigen Aktuaren liegen je nach Unternehmenserfolg, Größe des Konzerns oder Mitarbeiterzahl noch deutlich darüber.«

Beispiel universitäre Angebote: Universität Ulm

Ein Universitätsabschluss inklusive Promotion zahlt sich dabei aus. Möglichkeiten dazu gibt es zum Beispiel an der Universität Ulm, hier wurde der Schwerpunkt Aktuarwissenschaften 1990 eingeführt. Dabei bietet die gemeinsame Fakultät für Mathematik und Wirtschaftswissenschaften mit ihrem Studienfach Wirtschaftsmathematik die ideale Studiengrundlage für angehende Aktuare.»Gleichzeitig ergab sich auch sehr rasch ein erheblicher Weiterbildungsbedarf für bereits in der Versicherungsbranche tätige Mathematiker im Hinblick auf die neuen Anforderungen, die mit der Deregulierung des deutschen Versicherungsmarktes 1995 aufkamen. Da hierfür keine universitären Angebote existierten, wurde die Gesellschaft für Finanz- und Aktuarwissenschaften gegründet, um die Unterstützung der berufstätigen Versicherungsmathematiker durch Weiterbildung und Beratung zu ermöglichen«, führt Prof. Dr. Hans-Joachim Zwiesler aus. Er selbst war maßgeblich am Aufbau des Schwerpunktes Aktuarwissenschaften an der Universität Ulm beteiligt. Die Gesellschaft für Finanz- und Aktuarwissenschaften selbst ist ein völlig eigenständiges Unternehmen und unabhängig von der Universität Ulm.

Prof. Dr. Zwiesler sieht in Deutschland viele Vorteile bei der Ausbildung von Aktuaren: »Grundsätzlich ist die Ausbildung von Aktuaren weltweit nach einheitlichen Standards der International Actuarial Association geregelt. Insofern sind die Ausbildungsinhalte weltweit sehr ähnlich. In Deutschland gibt es allerdings eine viel stärkere Verzahnung zwischen der berufsständischen Ausbildung und den Hochschulen, als dies in vielen anderen Ländern der Fall ist. Diese Verzahnung von grundlegendem fachspezifischen Wissen im Studium und seiner Anwendung im Beruf ist eine große Stärke des deutschen Ausbildungssystems.«

Herausforderungen im Aktuarwesen

»Die größten Herausforderungen liegen dabei zweifellos aktuell darin, angemessene Methoden zu entwickeln, die zu den systemischen Risiken in einer globalisierten Welt passen. Hierfür ist ein stärkeres Denken in Netzwerken erforderlich. Zudem müssen Modelle entwickelt werden, wie Anreizsysteme und aufsichtsrechtliche Rahmenbedingungen am besten ein nachhaltiges, am Gemeinwohl orientiertes Wirtschaften sicherstellen«, so Prof. Dr. Zwiesler weiter, »das Verständnis einer immer komplexer werdenden Welt und ein verantwortungsbewusstes Umgehen mit den daraus resultierenden Risiken ist die zentrale Herausforderung an jeden jungen Absolventen in diesem Bereich«.

Ein Beispiel aus der Praxis

Welche Berechnungen mit einer solchen Ausbildung angestellt werden können, führt Dr. Thorsten Fink von der Hannover Rück anhand eines Beispiel zur Versicherung eines Arbeitsausfalls eines Redakteurs eindrucksvoll vor: »Angenommen, ich arbeite in einer Abteilung von 20 Aktuaren, von der ich weiß, dass im letzten Jahr mindestens drei eine Woche krank waren. Also liegt die Wahrscheinlichkeit, dass eine beliebige Person im nächsten Jahr mindestens eine Woche krank sein wird, bei sieben Prozent. Nehmen wir nun mal an, ich habe eine Statistik gefunden, die besagt, dass Journalisten eine um zehn Prozent höhere Krankheitsrate haben als Aktuare. Außerdem nehme ich zur Vereinfachung an, dass die Krankheit zwischen 20 und 40 unabhängig ist vom Alter, typischerweise steigt das Risiko ja sonst mit dem Alter. Damit haben wir eine Wahrscheinlichkeit von 7,7 Prozent dafür, dass in der Redaktion jemand mindestens eine Woche krank sein wird. Die Versicherungsgesellschaft muss natürlich auch ihre eigenen Kosten decken, hat Kapitalkosten und Verwaltungskosten, die ich in diesem Beispiel mit einem Wert von fünf Prozent ansetze. Möchte der Arbeitgeber eine Versicherung abschließen, die ihm 100 Euro zahlt, wenn jemand mindestens eine Woche krank ist, müsste er eine Prämie von 8,09 Euro zahlen.« n sdr


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