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Berufsaussichten für Mathematiker

Ob Versicherungen, Unternehmensberatungen oder Krankenkassen: Die Jobchancen von Mathematikern sind vielfältig. Wie ihr Arbeitsalltag aussieht, erfährst du hier. Plus: 5 Expertentipps zum Berufseinstieg als Mathematiker

»Wirst mal Lehrer, mmh?« lautet oft der Kommentar, wenn Studenten erzählen, dass sie Mathe studieren. Dies mag in vielen Fällen zwar zutreffen, aber dass ein Mathe-Studium einiges mehr an Möglichkeiten bietet, zeigt sich an Krankenkassen, Unternehmensberatungen und Versicherungen, die auf die Expertise von Mathematikern angewiesen sind: »Sie sind immer vorne mit dabei, wenn es um die Gestaltung neuer Tarife, Produkte, Prozesse und Geschäftsfelder geht«, erklärt Jörg Rheinländer, der bei der HUK-Coburg das Aktuariat für die Schaden- und Unfallversicherung leitet. Wer auf der Suche nach dynamischen Prozessen ist, Kreativität und Marktgespür hat und mit modernster Datenarchitektur arbeiten möchte, ist bei der Versicherung gut aufgehoben. Vorausgesetzt, er kann mit einem sehr guten Studienabschluss in Mathe, Informatik oder Physik aufwarten. Auf dieser Basis können Spezialkenntnisse gezielt aufgebaut werden, wie Rheinländer beschreibt. Punkten können Bewerber mit Erfahrungen im Business Analytics Bereich. Mathematiker müssen heute mehr bieten als analytischen Scharfsinn. Rheinländer fasst unter den Stichpunkten ›Gestaltung‹, ›Management‹, ›Strategie‹, ›Visionen‹, ›Weitblick‹ und ›kommunikative Fähigkeiten‹ die Anforderungen zusammen, die an Mathematiker gestellt werden.

Mathematiker erwartet ein inderdisziplinäres Arbeitsfeld

Dafür warten vielfältige, vor allem interdisziplinäre Aufgaben. Rheinländer gibt ein Beispiel aus der klassischen Aktuariatsarbeit: »Eine neue Tarifentwicklung ist sehr eng mit der Produktgestaltung verbunden. Diese wird von Juristen vorangetrieben, worin Marketing und Vertrieb stark eingebunden sind. Die technische Implementierung ist mit den Betriebsabteilungen und der IT anzugehen und schließlich müssen Tarife, Produkte und die Leistungserbringung durch die Schadenabteilung aus einem Guss sein.« Diese Interdisziplinarität ist auch der Grund, warum Mathematiker nie auslernen. Dies kann Marcel Wiedemann, Versicherungsmathematiker bei der HUK-Coburg nur bestätigen: »Ich werde täglich aufs Neue herausgefordert.« Der 30-Jährige entwickelt moderne aktuarielle Methoden und Modelle für die Bereiche Unternehmenssteuerung und Risikomanagement. Dabei muss er sich täglich mit den entwickelten Modellen und Methoden – mit denen er die Welt der Versicherung zu beschreiben versucht – der Wirklichkeit stellen und sich daran messen lassen, wie Wiedemann beschreibt. Sein bislang spannendstes Projekt war der Aufbau eines unternehmensweiten internen Modells: »Dabei handelt es sich um ein hochkomplexes stochastisches Simulationsmodell, mit dem man in die Zukunft zu schauen versucht«, beschreibt er.

Um bei der Zukunft zu bleiben: Mancher Bachelorabsolvent mag sich nun fragen, ob sein Abschluss reicht, um als Mathematiker bei einem Versicherungsunternehmen einzusteigen. Jenny Naujokat, Diplom-Mathematikerin und Aktuarin, bei der Hannover RE erklärt, dass das Unternehmen grundsätzlich Masterabsolventen bevorzugt: »Wir haben aber auch Kollegen mit Bachelorabschluss, die berufsbegleitend den Master absolvieren.« Naujokat, die zudem als Underwriter im Bereich Life&Health Southern Europe, Middle East tätig ist, räumt vor allem kommunikationsstarken Mathematikern mit guten Fremdsprachenkenntnissen beste Chancen ein. Sollte es in einem Bereich noch ein wenig hapern: Das Unternehmen bietet Sprachkurse, Softskill-Kurse, Kurse zu Arbeitstechniken und die Ausbildung zum Aktuar in Zusammenarbeit mit der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) an.

Mathematiker haben vielfältige Jobchancen

Dementsprechend ausgebildet ist eine Karriere in fast allen Bereichen des Rückversicherers möglich. Ob im Underwriting als Risikobewerter in einer bestimmten Sparte oder in mathematischen Abteilungen, die sich mit Quotierungen, Modellierungen oder Risikomanagement befassen. Inhaltlich geht es dabei um die Erstellung von Rückversicherungsangeboten, Analysen von Risiken und Portfolios, Modellierung der Geschäftsentwicklung, Kundenkontaktpflege, Analyse von gruppenweiten Geschäften und weltweites Reisen zu den jeweiligen Kunden. Auch Naujokat ist viel auf Dienstreisen und Seminaren in Europa und weltweit unterwegs. Genau diesen Punkt schätzt sie sehr an ihrer Tätigkeit – neben der Analyse von weltweiten Risiken und Geschäftsvorfällen und der Mischung von analytischen Aufgaben und Kommunikation.

Wie sehr manche Menschen ihre Arbeit schätzen, ist auch an Susanne Borchard zu sehen. Seit 18 Jahren arbeitet die 44-jährige Aktuarin bei der HDI Kundenservice AG. »Ich musste mich beruflich nicht verändern, um täglich vor neuen Herausforderungen zu stehen. Die Vielfalt meiner Arbeit und die stets neuen Themen faszinieren mich heute genauso wie zu den Anfangszeiten«, sagt Borchard, die an der Uni Dortmund Mathematik und Informatik auf Diplom studiert hat und bei der damaligen Gerling Konzern Lebensversicherung AG in der Abteilung ›Mathematik Entwicklung‹ eingestiegen ist. Heute leitet sie die Abteilung ›Bestandsmanagement‹ mit zehn Mitarbeitern und drei Werkstudenten im Ressort Mathematik: »Wir begleiten die Tarife von der aktuariellen Seite, legen beispielsweise die jährliche Gewinnbeteiligung und die Rechnungsgrundlagen sowohl für die Reservierung als auch die Leistungsberechnung fest«, erklärt Borchard und führt weiter aus, dass auch durch die Änderung von rechtlichen Rahmenbedingungen beispielsweise durch Urteile des Bundesgerichtshofs, Änderungen an den Bestandstarifen nötig ist. Ihre Arbeit ist zusätzlich geprägt von organisatorischen Aufgaben, sei es die Einsatzplanung oder die fachliche Unterstützung der Mitarbeiter.

Hinzu kommen Teilnahmen an Steuerungsgremien für Projekte, die Leitung des jährlichen Projekts zur Gewinnbeteiligung, Mitarbeiter- und Einstellungsgespräche, die Zuständigkeit für den Bereich ›Mathematik Leben‹ für die Akquise und die Einsatzplanung der Praktikanten und Werkstudenten. Aufgaben, die im ersten Moment nicht gerade typisch für eine Mathematikerin erscheinen. Aber dies zeigt doch, wie vielfältig dieser Beruf ist. Bildhaft gesprochen vergleicht Borchard ihre Aufgaben mit denen eines Zehnkämpfers in der Leichtathletik, weil sie zwischen den unterschiedlichen Themen »hin- und herspringen« und sich mit verschiedenen Bereichen im Unternehmen auseinandersetzen muss. Das bedeutet viel Arbeit, denn bei Versicherungen gibt es kaum einen Bereich ohne Mathematik: »Für viele mag es unerwartet sein, dass Mathematiker große Teile der Versicherungsbedingungen schreiben – das würden Außenstehende vermutlich eher den Juristen zuschreiben«, erklärt die Aktuarin.

Ohne Mathematiker läuft's nicht rund

Genauso wie es ohne Mathematiker keine Versicherungen gäbe, würde auch bei Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen ohne sie nichts laufen. Das kann Stefan Lell nur bestätigen: »Ohne Mathematiker könnten einige Mandate nicht bearbeitet werden. Beratungsunternehmen sind auf ihre Unterstützung und ihr Know-how angewiesen«, sagt der 32-jährige Diplom-Mathematiker und zählt weiter auf, dass sich Mathematik auch in der Bilanzierung findet, da der Wert eines Derivats, also ein an Ereignisse oder bestimmte Preise gekoppelter Vertrag, mittels mathematischer Modelle ermittelt wird. Ebenso basieren die Quantifizierung von Risiken auf stochastischen Modellen und werden Mathematiker im Bereich von Unternehmensbewertungen eingesetzt.

Lell ist als Senior Associate bei KPMG tätig. Speziell arbeitet er im Financial Institution Risk Management (FIRM), einem Team von Spezialisten bei der Audit Financial Services: »Wir werden im Rahmen der Jahresabschlussprüfung eingebunden, um zu beurteilen, ob der Mandant regulatorische Vorgaben an das Risikomanagement erfüllt«, beschreibt Lell und erklärt weiter, dass dieses Prüfungsgeschäft sehr saisonal sei, weswegen er und sein Team in der prüfungsfreien Zeit im Sommer öfters für Beratungsgeschäfte eingesetzt werden. Im Rahmen dieser Prüfungstätigkeiten zählt dabei das Lesen von Konzepten von Banken, in denen diese darlegen, wie Risiken gemessen und gesteuert werden. In direkten Gesprächen mit den Mandanten klärt er weitere Fragen. Anschließend folgen die Dokumentation der Prüfungshandlungen und Berichte über die Ergebnisse.

Herausforderungen im Arbeitsalltag von Mathematikern

Der Mathematiker ist ein Beispiel dafür, dass Einsteiger nicht sofort alles wissen müssen: »Bis zu meinem Einstieg bei KPMG wusste ich sehr wenig über das Risikomanagement, so dass ich quasi bei Null angefangen habe. Wegen der Projektarbeit eigne ich mir aber permanent Zusatzqualifikationen an – beispielsweise lerne ich bei Fragen in Zusammenhang mit der Bilanzierung oder dem Aufsichtsrecht ständig dazu. Im Mittelpunkt steht für mich aber immer die Weiterentwicklung meiner Kenntnisse in der mathematischen Modellierung«, erläutert Lell, der die größte Herausforderung darin sieht, sich relativ schnell ein Verständnis für unterschiedliche Konzepte anzueignen.

Für Jakob Müller sind es das Verstehen und die Umsetzung von Kundenwünschen, Teamführung, das internationale Umfeld und der Kontakt zum C-Level, die erste Führungsebene, was ihn jeden Tag aufs Neue herausfordert. Der 26-Jährige, der Mathematik mit Nebenfach BWL auf Diplom studiert hat, ist als Advisory-Risk-Consultant bei der Ernst&Young GmbH tätig. Von Projektsteuerung und -management über Durchführung von Kundenterminen, Prüfung und Implementierung von internen Kontrollsystemen bis zur Erstellung von quantitativen Analysen, Risikomatrizen, Angeboten und Ergebnispräsentationen – Müllers Aufgabenbereich umfasst eine sehr große Bandbreite. Nach seinem spannendsten Projekt gefragt, antwortet er, dass das zum einen die operative Projektleitung bei der Erstellung eines Risikoassessments und Analysen zur Aufdeckung eines Abrechnungsfehlers in Millionenhöhe darstellte. Sein gutes Verständnis für Zahlen und logische Zusammenhänge unterstützen ihn bei interdisziplinären Fragestellungen: »Der Mathematik-Hintergrund hilft im Allgemeinen, aber auch besonders bei quantitativ geprägten Projekten«, sagt Müller, der zusätzlich zur täglichen Arbeit sein Wissen bei der Entwicklung von quantitativen Methoden zur Risikobewertung und -steuerung einbringen kann.

Als Mathematiker beim Versicherer arbeiten

Doch sind Mathematiker nicht nur sehr gut bei Unternehmensberatern und Versicherungen aufgehoben – auch Krankenkassen sind auf die Expertise von Mathematikern wie beispielsweise Nina Steiner angewiesen. Die 29-Jährige hat Mathematik mit Schwerpunkt Finanzmathematik und Nebenfach BWL studiert und ist als Sachbearbeiterin Fachkoordination Strategisches Controlling bei der AOK Hessen tätig. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, die ökonomische Bewertung von Wahltarifkalkulationen insbesondere im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen und wirtschaftliche Stabilität zu überprüfen. Daneben unterstützt sie ihre Kollegen bei der Erstellung der Geschäftsplanung sowie bei unternehmensinternen Projekten bezüglich statistischer Fragestellungen: »Um diese lösen zu können, ist es notwendig, mit vielen in der AOK Hessen vertretenen Spezialisten wie Ökonomen, Medizinern, Apothekern, Vertriebsmitarbeitern oder IT-Spezialisten zusammenzuarbeiten«, sagt Steiner, die mittels einer Weiterbildung zur Aktuarin ihre versicherungsmathematischen, statistischen und ökonomischen Kenntnisse vertiefen konnte. Zusätzlich dazu erweisen sich bei einer Tätigkeit bei einer gesetzlichen Krankenversicherung auch Kenntnisse über Spezifikationen der Sozialversicherung und ein medizinisches Grundverständnis als vorteilhaft. Steiner beschreibt ihre Arbeit als sehr abwechslungsreich – was mitunter auch daran liegen könnte, dass Mathematik auch in den Bereichen bei Krankenkassen zu finden ist, die auf den ersten Blick nicht unbedingt für jeden ersichtlich sind: »Wir wenden beispielsweise bei der Planung des aktuellen Geschäftsjahres sowie bei der Planung und Prognose der Folgejahre Mathematik in Form von Simulationen an«, erklärt Steiner. Außerdem basiert das System des Gesundheitsfonds, aus dem die Kassen ihre Einnahmen erhalten, auf mathematischen Modellen.

Dabei gilt es, die stetig verändernden gesetzlichen Rahmenbedingungen wie die Ende 2012 eingeführten Unisex-Tarifen bei Versicherungen umzusetzen. Dieses Reagieren auf aktuelles Zeitgeschehen und das vielseitige Aufgabenspektrum hinsichtlich mathematischer, rechtlicher, betriebswirtschaftlicher und technischer Aspekte mit den vielen Schnittstellen sind für Florian Christa besonders herausfordernd. Der 25-jährige Diplom-Wirtschaftsmathematiker schätzt in seiner Tätigkeit als Versicherungsmathematiker im Aktuariat Private Krankenversicherung bei der HUK-Coburg den hohen praktischen Bezug. Momentan arbeitet er an der Umsetzung von Solvency II. Ein Projekt, das mit tiefgreifenden Veränderungen für die Versicherer bei sich ändernden Zeitplänen und zum Teil unklaren Anforderungen verbunden ist, wie Christa betont. Mag es manchmal auch schwierig sein – ohne Mathematiker geht es nicht. Dies bringt Christa kurz und prägnant auf den Punkt: »Ohne sie wären Versicherungen einfach aufgeschmissen.«

 

5 Expertentipps zum Berufseinstieg als Mathematiker

Nischen suchen

»Jeder sollte sich darüber klar werden, was er im Beruf wirklich machen möchte. Mathematiker mit IT-Kenntnissen sind gefragt und können es sich leisten, wählerisch zu sein. Mein Tipp: ­Jenseits der üblichen Verdächtigen im Finanz- und Beratungsbereich oder der Softwareentwicklung gibt es viele Nischen mit fachlich ­interessanten Tätigkeiten. Danach muss man ein bisschen suchen, aber es lohnt sich.« Dr. Christian Berghoff, Referent, Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik

Praxiserfahrung sammeln

»Ein fundiertes Mathematikstudium ist eine sehr gute Basis für den Berufseinstieg. Noch leichter fällt dieser, wenn Absolventen  ihren Horizont bereits während des Studiums über Praktika oder auch andere (außer)universitäre Aktivitäten erweitern. Denn die dort erworbenen kommunikativen und sozialen Fähigkeiten tragen im Berufsleben entscheidend zum Projekterfolg bei.« Dr. Mirko Kötter, Leiter Mathematik, Hannoversche Lebensversicherung

Spezialkenntnisse aneignen

»Im Bereich Versicherungen erleichtern Kenntnisse in der Wahrscheinlichkeitstheorie sowie in den mathematisch-statistischen Methoden der Versicherungsmathematik den Berufseinstieg – ­insbesondere Modellierung, Bewertung und Steuerung von Risiken. Eine Vielzahl von Hochschulen bieten versicherungsmathematische Kurse an, deren erfolgreiche Teilnahme für die berufsständische Ausbildung als Aktuar angerechnet werden kann.« Marin Dominkovic, Manager im Actuarial Services, Assurance Financial Services, PwC

Programmiersprachen lernen

»Die Welt wird durch die Digitalisierung immer mathematischer, aber nicht alle Mathematiker sind ausreichend auf die Digitalisierung vorbereitet. Gute bis sehr gute Programmierkenntnisse – sowohl in Hochsprachen als auch in effizienten, maschinennahen Sprachen – sind unerlässlich. Auch innerhalb der ›reinen‹ Mathematik gibt es Algorithmen und algorithmische Fragestellungen. Daher ist vermutlich der beste und wichtigste Ratschlag für Mathematiker auf dem Weg ins Berufsleben: frühzeitig Erfahrung im algorithmischen Denken sammeln und Dinge selber implementieren.« Thomas Dullien, Information Security Engineer, Google Deutschland

Interessiert bleiben

»In unserem Umfeld ist es wichtig, Spaß am Umgang mit Daten zu haben. Daher empfiehlt es sich, ein gewisses Maß an Interesse im Umgang mit IT, Datenbanken und SQL zu haben. Der analytische Zugang zu Daten ist aber ebenso wichtig, um spannende Ableitungen zu entwickeln und auf diese Weise einen Mehrwert für das Unternehmen zu schaffen.« Fred Türling, Senior Vice President Information Science, CTS Eventim

 

 


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