Teil eines Taschenrechners, Brille und Blätter

Mathematiker in Versicherungen

Ohne Mathematiker hätten Versicherungen nicht nur ein zahlenmäßiges, sondern auch ein finanzielles Problem

›Du wirst also Lehrer‹. Diese Aussage haben wohl bereits viele Mathematik-Studenten gehört – die bevorzugt von jenen weitschichtig Verwandten gestellt wird, die sich nur dann blicken lassen, wenn es Kaffee und Kuchen für umme gibt. Während die wirklichen Mathelehrer in spe einfach nur nicken müssen, haben die anderen Mathestudenten zwei Möglichkeiten: Sie könnten der Tante in aller Ausführlichkeit erklären, dass sie Mathe nur studieren, um ein Alibi zu haben. Denn eigentlich sind sie an ein ganz großen Sache dran, die so geheim ist, dass sie selbst das eigen Fleisch und Blut töten müssten, sollten ihnen ein einziges Wort über die Lippen kommen. Mag ein wenig drastisch klingen, aber für manch Studenten vielleicht das einzige probate Mittel, der so oft formulierten Antwort etwas Abwechslung zu verpassen. Allerdings wäre es für die Tante vielleicht schon Verwirrung genug, wenn ihr der Neffe sagen würde, dass er eine Karriere bei einer Versicherung anstrebt. ›Mathematiker und Versicherungen – was die da wohl machen‹, mag sie sich denken und weitere Antworten einfordern. Geben können ihr diese Lars Eiserbeck von der Barmenia Lebensversicherung a. G., Markus Fährenkemper von der R+V Versicherung und Frank Hahn von der HDI Kundenservice AG, einem Unternehmen des Talanx-Konzerns.

Alle drei sind Mathematiker, haben Mathematik beziehungsweise Wirtschaftsmathematik studiert und sich aus unterschiedlichen Beweggründen heraus für eine Tätigkeit bei einer Versicherung entschieden: »Mich haben die vielfältigen Arbeitsgebiete fasziniert, in die Mathematiker ihre Fähigkeiten einbringen können«, erklärt Hahn und nennt versicherungsmathematische Aufgaben beispielsweise im Rahmen der Produktentwicklung, finanzmathematische Aufgaben im Umfeld der Kapitalanlagen oder Programmiertätigkeiten bei der Implementierung von Bestandführungssystemen oder Hochrechnungssystemen. Außerdem kommen stochastische Unternehmensmodelle hinzu, die vor allem im Bereich von Solvency II immer mehr an Bedeutung gewinnen. Der 36-jährige Aktuar und Abteilungsleiter ›Versicherungstechnische Hochrechnungen‹ im Ressort Mathematik und Risikomanagement hat Mathematik und Physik auf Diplom an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn studiert. Für seinen Einstieg musste Hahn, der während seines Studiums nicht mit Versicherungsmathematik in Berührung kam, einiges mitbringen: Einsatzfreude, Zielorientierung, eigenverantwortliches Arbeiten, Kenntnisse in einer modernen Programmiersprache und in den gängigen Office-Produkten, die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte zu verstehen sowie verständlich darstellen zu können.

Solvency II stellt auch für Markus Fährenkemper ein beherrschendes Thema dar: »Hierfür müssen zukünftig unter anderem umfangreiche aufsichtsrechtliche Anforderungen an die Risikobewertung und den Risikomanagementprozess erfüllt werden.« Vor allem in den ersten Wochen des Jahres hatte der 26-jährige Aktuar viel zu tun, denn es stand die aktuarielle Bewertung bilanzieller Schadenrückstellungen an. Dabei ging es in einem über mehrere Wochen laufenden Prozess um Datenaufbereitung und -analyse, Anwendung mathematischer Schätzverfahren, Erstellung eines Berichts und Ergebnispräsentationen. Da er nicht alleine an diesem Prozess beteiligt war, galt es zudem, die Aufgaben mehrerer Mitarbeiter zu koordinieren. Nun ist es zudem nicht so, dass jeden Tag die Arbeit gleich ist und sich keinerlei Herausforderungen bieten. Wenn beispielsweise bisher verwendete Verfahren und Methoden nicht angemessen sind oder die Datengrundlage nicht zufriedenstellend oder noch nicht vorhanden ist, müssen während eines Prozesses schnelle Lösungen gefunden werden: »Diese sind zu validieren und müssen weiter abgestimmt und kommuniziert werden. Im Anschluss sollte sich dann eine Weiterentwicklungsphase anschließen, um noch genauere Untersuchungen zu ermöglichen.«

Ebenso verantwortungsvoll ist Lars Eiserbecks Aufgabenbereich: Der Versicherungsmathematiker ist bei der Barmenia Lebensversicherung unter anderem für die Programmierung des Bestandsverwaltungssystems wie auch für die Implementierung und Programmierung dieser Prozesse und Produkte in das Bestandsverwaltungssystem zuständig. Die Unterstützung bei der Fehlersuche in Testläufen sowie deren Korrektur gehört mitunter zu einer der wichtigsten Aufgaben des Versicherungsmathematikers: »Fehler bei der Berechnung können einen Versicherer viel Geld kosten«, sagt der Versicherungsmathematiker und fährt mit weiteren täglichen Herausforderungen fort: »Eine harte Nuss sind sicherlich auch die für die Lebensversicherer geltenden gesetzlichen Vorschriften. Sie geben den Rahmen vor, in dem ich mich bei der Produktkonzeption zu bewegen habe.« So steht er fortwährend vor neuen Fragestellungen. An der Lösungsfindung arbeitet er gemeinsam mit Kollegen und über Abteilungen hinweg. »In vielen Fällen ist auch eine gewisse mathematische Kreativität unerlässlich«, führt Eiserbeck weiter aus.

Der 29-Jährige war bei seinem Einstieg kein ausgebildeter Versicherungsmathematiker, aber mit Bereitschaft und Spaß am Lernen könne man auch während der Arbeit die nötigen versicherungsmathematischen Kenntnisse und die Weiterqualifikation zum Aktuar erlangen, wie er betont. Seine tägliche Hauptaufgabe besteht unter anderem in der mathematischen und technischen Konzeption neuer Produkte und Geschäftsprozesse für den mathematischen Rechenkern des Bestandsverwaltungssystem, in dem die Verträge der Barmenia Lebensversicherung berechnet, gespeichert und fortgeschrieben werden.

Langeweile kennen wohl alle drei in ihren Jobs nicht. Für Hahn vom HDI hat zwar fast jedes Projekt seinen Reiz, aber momentan liegt ihm ein Projekt, das er leitet, am Herzen. Hier geht es um die Vereinheitlichung der bestehenden Model-Office-Systeme: »Die Technologie ist innovativ und damit sehr nutzbringend. Dies zu begleiten und somit weitere Verbesserungen anzustoßen, macht mir sehr viel Freude«, erzählt der 36-Jährige.

Wenn sich ein hoher Einsatz lohnt und ein Projekt trotz verkürzter Zeitabgabe erfolgreich präsentiert werden kann – das war ein Erfolgserlebnis, an das Fährenkemper noch heute gerne zurückdenkt. Konkret ging es dabei um die Koordination der Erstellung des Reservegutachtens, das die Bewertung der Schadenrückstellungen beinhaltet: »Ein Prozess mit sehr vielen Schnittstellen, der sich über mehrere Wochen erstreckt und trotzdem sehr schnell fertig werden musste, da die Ergebnisse für das Management und andere Projekte wichtig sind«, führt der 26-Jährige weiter aus. Unter Zeitdruck zu arbeiten, ist auch Eiserbeck nicht fremd. Sein bislang interessantestes Projekt bestand in der Konzeption, Programmierung, Implementierung und Testen eines neues Produkts. Die Besonderheit lag dabei darin, dass auf Grund des Zeitfensters die Konzeption und die Programmierung parallel erfolgen mussten: »Die Verzahnung mit den Kollegen anderer Abteilungen wie Vertrag, Leistung und der IT, die neben der Mathematik an einer solchen Entwicklung beteiligt sind, war dabei besonders fesselnd«, beschreibt er. Schließlich mussten Fragen wie ›Wie wird das Produkt kalkuliert, welche Eigenschaften und Bestandteile soll es haben?‹ in Formeln umgesetzt werden.

Schätzungsweise sind dies Argumente genug, weshalb Mathematiker bei Versicherungen mehr als gut aufgehoben sind beziehungsweise, dass Versicherungen ohne Mathematiker ein durchaus großes Problem hätten. Außerdem wären die Versicherungsunternehmen, wie Frank Hahn sagt, ohne Mathematiker nicht in der Lage, in die Zukunft zu schauen. 


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