Fahrzeug in der Ferne auf Kästchenboden mit verschiedenen Farben

Spielwiese für Rechengenies

Rechnen, was das Zeug hält.

Die Bewertung der Zukunft – was sich nach einem Romanbestseller anhört, ist für Mathematiker bei Banken und Versicherungen Berufsalltag.

Hier können sie rechnen, was das Zeug hält. Vulkanausbrüche, Erdbeben, Hurrikane, Hochwasser – die Wahrscheinlichkeiten solcher Katastrophen zu berechnen, gehört zum Job von Stefan Willjes. Der 25-jährige Mathematiker arbeitet seit März bei der Hannover Rückversicherung. »Für mich hat die Berechnung der Wahrscheinlichkeit, ob ein bestimmter Schaden auftritt oder nicht, etwas unglaublich Spannendes«, berichtet Willjes und begründet:

»Weil der Bezug zur Praxis so hoch ist.«

Rückversicherungen sind die Versicherungen der Versicherungen

Da beispielsweise die durch Naturkatastrophen verursachten Schäden Erstversicherer schnell finanziell überfordern können, sichern sie sich selbst bei Rückversicherern ab. Und die verteilen nach dem Prinzip der Solidargemeinschaft ein Risiko auf viele Prä mienzahlende. Schon in der Schule haben Stefan Willjes theoretisch orientierte Teilbereiche der Mathematik wie Algebra weniger interessiert als praktisch orientierte – wie eben die Wahrscheinlich keits rechnung. Als er dann im Rahmen seines Mathematik-Studiums mit Schwerpunkt Finanz- und Versicherungsmathematik an der Universität Oldenburg an einem Planspiel teilnahm, bei dem die Studierenden in die Rolle eines Rückversicherers schlüpften, war für Stefan Willjes die Berufswahl klar:

»Eine Rückversicherung erschien mir als bester Ort, die praktische Seite der Mathematik umzusetzen.«

Derzeit arbeitet Willjes im Run-Off-Geschäft der Hannover Rück: Hier berechnet er die Konditionen zur Ablösung von Versicherungsverträgen mit Hilfe von in Programmen umgesetzten Modellen. »Wer glaubt, dass man als Mathematiker bei einer Versicherung den ganzen Tag allein und schweigsam am Computer sitzt, täuscht sich«, berichtet Stefan Willjes. »Wir arbeiten hier sehr viel im Team, sitzen häufig zusammen und diskutieren unsere Berechnungen.« In der Finanzbranche sind Mathematiker wegen ihrer analytischen Fähigkeiten heiß begehrte Köpfe: »Sowohl in der Fachlaufbahn als auch als Führungskräfte stehen Mathematikern in Versicherungen viele Optionen offen«, bestätigt Michael Gold, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes der Versicherungsunternehmen in Deutschland AGV). »Bis in die Vorstandsebenen sind auf allen Hierarchiestufen diverse Mathematiker zu finden.« So zum Beispiel Dr. Gerhard Rupprecht: Seit 2006 ist der studierte Mathematiker Vorstandsvorsitzender der Allianz Deutschland AG. Bei dem größten Versicherungskonzern Deutschlands arbeiten derzeit rund 800 Fachkräfte mit mathematischem Hintergrund.

Von den derzeit rund 4.700 berufs tätigen Mathematikern in Deutschland wurden im vergangenen Jahr nur rund 320 bei Versicherungen neu eingestellt. Doch laut AGV wird der Bedarf in den Finanzhäusern wachsen: »Die Versicherungsunternehmen suchen insbesondere Mathematiker, die die Kalkulation der Beiträge für die Versicherungsprodukte vornehmen«, berichtet AGV-Geschäftsführer Michael Gold. »Ferner benötigt die Branche Experten im Bereich Risikoabschätzung und -bewertung.«

Ähnlich ist die Situation bei den Banken: »Es gibt zahlreiche Einsatzmöglichkeiten, bei denen Mathematiker ihre ausgeprägten analytischen Fähigkeiten hervorragend einsetzen können«, berichtet Isabell Uloth, Spezialistin für strategisches Personalmarketing bei der Commerzbank.

»Damit haben Mathematiker sehr gute Karriereaussichten. « Besonders häufig würden Mathematiker in den Bereichen Risikomanagement, Projektmanagement und Investment Banking eingesetzt. Gebraucht werden sie laut Personalerin Uloth auch in der IT und im Trans action Banking. Rund zehn Prozent aller Trainees, die die Commerzbank jedes Jahr einstellt, haben einen mathematischen Hintergrund.

Eine von ihnen ist Kristin Börner: Für sie stand schon zu Beginn ihres Mathematik-Studiums an der FH Friedberg fest, dass sie später einmal in einer Bank arbeiten würde: »Als Mathematikerin gefällt mir an der Bankenbranche, dass dort die betriebswirtschaftlichen Aspekte eine so große Rolle spielen«, erzählt sie. Die 28-Jährige schaffte den Einstieg bei der Commerzbank in Frankfurt über ein Traineeprogramm. Derzeit ist Kristin Börner im Transaktionsgeschäft des Unternehmens tätig, wo sämtliche Wertpapier-Dienstleistungen der Commerzbank abgewickelt werden. »Mein Aufgabenfeld ist ungeheuer abwechslungsreich, und neben dem Controlling müssen wir auch eine ganze Menge strategische Entscheidungen fällen«, berichtet Börner. Den ersten Kontakt mit der Commerzbank hatte die Mathematikerin während eines berufspraktischen Semesters. »Vor zwei Jahren habe ich als Praktikantin meinen Fuß in diese Bank gesetzt, und ich fühle mich hier so wohl, dass ich erst einmal nicht wieder raus will«, sagt Börner.


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