Man legt seinen Kopf auf Ordnern ab und schläft
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Consultingkarriere für Naturwissenschaftler

Die Unternehmensberatung braucht Nawis: Consultants erzählen, was sie dort erwartet und welche Skills besonders gefragt sind

Der typische Berater hat stets seinen Laptop dabei, ist ständig unterwegs und hat BWL studiert. Das stimmt nur fast, denn lange nicht alle Consultants sind Wirtschaftswissenschaftler. Laut einer Befragung des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU) verfügt jeder zehnte Juniorberater über einen Hochschulabschluss der Mathematik oder Naturwissenschaften, 15 Prozent haben ein Ingenieurstudium und nur noch 54 Prozent ein klassisches betriebswirtschaftliches Studium abgeschlossen. Vor fünf bis zehn Jahren war der Anteil der Betriebswirte noch bei 75 Prozent. Und in Zukunft werden immer mehr Beratungshäuser auf der Suche nach Naturwissenschaftlern sein, prophezeit Klaus Reiners, Pressesprecher des BDU. Denn die Beratungsprojekte seien immer mehr von zukunftsgewandten und innovativen Themen und technologischen Veränderungen bestimmt. Hierbei ist Verständnis für diese analytischen Herausforderungen und Themenstellungen besonders wichtig. Naturwissenschaftler bringen die Fähigkeiten mit, um mit dem Kunden die entsprechenden Lösungen für diese Probleme zu finden.

Consulting: kein Schreibtisch-Job

Egal, ob Physiker, Mediziner oder Mathematiker, besonders die analytische Herangehensweise an komplexe Problemstellungen sowie das schnelle Erkennen von logischen Zusammenhängen hilft Naturwissenschaftlern bei der Arbeit als Berater. »Die theoretischen Grundlagen ersetzen jedoch keineswegs die berufliche Praxis«, betont Eva Pfäffle. Die Mathematikerin ist als Business Analyst im Softwareunternehmen Capgemini tätig. Neben Teamplanungen und Aufwandsschätzungen ist die 28-Jährige für die Durchführung von Anforderungsanalysen, Prozessdefinitionen sowie die Ausarbeitung von Lösungsalternativen zuständig. »Das oberste Ziel ist dabei immer, das Tagesgeschäft des Kunden zu erleichtern«, fügt Pfäffle hinzu. Als Ansprechpartner für den Kunden steht die Naturwissenschaftlerin in engem Kontakt mit diesen und ist mindestens zwei Tage in der Woche vor Ort in dessen Niederlassung. Die tägliche Arbeit eines Beraters erfordern viele Absprachen mit Kollegen. Gerade der stete Kontakt zu den Kunden und die Tatsache, dass Berater nicht nur vor dem Rechner sitzen, haben Pfäffle besonders an der Beratertätigkeit gereizt.

Du solltest: vielseitig interessiert sein

Eine besondere Ausbildung für Naturwissenschaftler oder eine speziellen naturwissenschaftlichen Studiengang, der auf eine Consultingtätigkeit vorbereitet, gebe es laut Reiners nicht. Schließlich sind die Bedürfnisse der Beratungsunternehmen je nach Branche sehr unterschiedlich. »Berater sind häufig Personen, die sehr vielfältig interessiert sind und die sich nicht auf einen Arbeits- oder Forschungsbereich beschränken möchten«, fügt Reiners hinzu.

Abwechslung in wechselnden Projekten

Thorsten Lammers wollte nach seiner langen akademischen Ausbildung möglichst schnell möglichst viel Erfahrung in der Praxis sammeln. Daher hat er sich nach seinem Abschluss in Physik und seiner Promotion in BWL für eine Tätigkeit bei EY entschieden. Zudem reizte ihn die Projektarbeit, bei der Mitarbeiter sich in kurzer Zeit auf ganz unterschiedliche Situationen und Herausforderungen einstellen müssen. Als Senior Consultant Product Lifecycle Management ist der 33-Jährige oft für die Leitung und Abwicklung unterschiedlicher Aufgaben als Teil eines Projektes beim Kunden zuständig. »Dabei wird erwartet, sich auf der einen Seite eng mit dem Projektleiter abzustimmen, auf der anderen Seite aber das Thema eigenständig voranzutreiben und selbstständig Termine und Workshops mit dem Kunden durchzuführen«, erklärt Lammers. Hierbei sei es jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung, die Arbeit in den einzelnen Projekten mit den Projektleitern abzustimmen und sicherzustellen, dass das Programm als Ganzes in die richtige Richtung läuft. »Außerdem ist es eine Anforderung an mich, einen inhaltlichen Einblick in alle laufenden Projekte zu haben und über sie aussagefähig zu sein«, betont der Physiker.

Ohne Reisen keine Unternehmensberatung

Besonders wichtig sei es selbstverständlich auch, den Überblick zu behalten. Offenheit gegenüber unterschiedlichsten Charakteren und Menschen sowie die Fähigkeit, sich auf diese und deren Wünsche einzulassen gehören zu den gewünschten Fähigkeiten eines Consultants. Ebenso wie die Bereitschaft zu Reisen und sich in oft sehr kurzer Zeit auf neue Projekte in einem komplett neuen Umfeld einzulassen. Sehr hilfreich ist für Lammers auch die Erfahrung aus dem Physikstudium, keine Angst vor komplexen Fragestellungen zu haben. Am besten sei es Spaß an intellektuellen Herausforderungen zu haben, fügt Dr. Gregor-Konstantin Elbel, Partner bei Deloitte, hinzu. Nach seinem Humanmedizinstudium und der Tätigkeit als Arzt ist der 48-Jährige in die Beratung gewechselt. Hieran reizte ihn besonders die internationale Ausrichtung. Allerdings bringen die berufliche Reisetätigkeit und die Zusammenarbeit in internationalen Teams manchmal ungewöhnliche Arbeitszeiten mit sich, wenn beispielsweise eine Telefonkonferenz mit Kollegen an der Westküste der USA oder aus Japan ansteht. »Eine Herausforderung ist die Balance zwischen Familie und beruflichen Anforderungen«, betont Elbel.

BWL ist ein Muss

Dennoch möchte er die Auslandserfahrung aufgrund sehr positiver Erlebnisse nicht missen, vielmehr rät er dazu. Wer als Naturwissenschaftler eine Tätigkeit im Consulting anstrebt, sollte außerdem bereits während des Studiums in unterschiedlichen Unternehmen Praktika absolvieren. Denn zusätzlich zu ihrer Fachexpertise müssen Naturwissenschaftler auch betriebswirtschaftliches Know-how mitbringen, um erfolgreich zu beraten. Es gibt beispielsweise während des Studiums die Möglichkeit, in einer studentischen Unternehmensberatung Projektwissen anzueignen. Wer ein naturwissenschaftliches Studium abgeschlossen hat ohne betriebswirtschaftliche Kenntnisse zu sammeln, sollte dies nicht als Ausschlusskriterium sehen, so Reiners vom BDU. Diese können schließlich jeder nachholen. Hierfür gibt es Angebote von Beratungsunternehmen für Hochschulabsolventen, die fehlenden betriebswirtschaftlichen Kenntnisse in kurzer Zeit aufzuarbeiten. Die Programme reichen von zwei- bis dreiwöchigen betriebswirtschaftlichen Seminaren und Kursen bis hin zu einem Mini-MBA.

Die Mischung macht`s

Pfäffle von Capgemini fügt hinzu: »Da die spezifische Ausrichtung des Studiums meist eher sekundär ist, sollten Naturwissenschaftler sich nicht davon abhalten lassen, eine Laufbahn im Consulting anzustreben, auch wenn die Anforderungen in Stellenausschreibungen nicht immer konkret den eigenen Studieninhalten entsprechen.« Die richtige Mischung in den Teams bringe außerdem Vorteile mit sich: Ein Team, das sich aus verschiedenen Charakteren mit unterschiedlichen fachlichen Hintergründen zusammensetzt, bilde die ideale Basis für gute Ideen und erfolgreiche Lösungen. 


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