Naturwissenschaftler als Berater

Berater mit naturwissenschaftlichem Studium bewegen sich fachlich auf Augenhöhe mit den wissenschaftlichen Mitarbeitern ihrer Kunden



»Ich hatte genug von der Laborarbeit und wollte schon seit einiger Zeit über den berühmten Tellerrand schauen.« Andreas Gerloff, promovierter Biotechnologe, sah sich also nach einer neuen Arbeitsumgebung um. Seine Auswahlkriterien: Kollegen mit hohen Erwartungen an sich selbst, ständig wechselnde Herausforderungen und eine steile Lernkurve. Was anspruchsvoll klingt, hat Gerloff gefunden: in der Unternehmensberatung. Heute arbeitet der 33-Jährige als Consultant bei Accenture. Als Biowissenschaftler liegt sein Beratungsfokus, na klar, auf der pharmazeutischen Industrie. Innerhalb der Branche ist Gerloff allerdings nicht festgelegt: »Meine Projekte reichen von der Unternehmensrestrukturierung bis hin zur Prozessoptimierung im Bereich Forschung und Entwicklung. Die größte Herausforderung«, erzählt Gerloff weiter, »ist dabei die spontane Reaktion auf neue Gegebenheiten.« Kein Wunder – als Unternehmensberater ist der Naturwissenschaftler in verschiedensten Projekten ständig mit neuen Situationen und Aufgabenstellungen konfrontiert. Da wundert es nicht, dass Gerloff am liebsten an ein bestimmtes Projekt zurückdenkt, gerade weil es eben die unterschiedlichsten Themen beinhaltete. »Im Projekt, das gleichzeitig mein erstes Projekt war, ging es um die Restrukturierung eines Produktionsstandortes«, erinnert sich Gerloff. Von der Optimierung der Produktionsabläufe über den Umzug des Marketing- & Sales-Teams, der Anpassung des Produktportfolios bis hin zum Personal- und Kommunikationsmanagement wurden sämtliche Themen abgedeckt. »Ich kam innerhalb kurzer Zeit mit so vielen verschiedenen Bereichen in Kontakt, dass ich schnell über mich hinausgewachsen bin. Es war ein tolles Team und eine aufregende Zeit.«

Aufregende Zeiten, spannende Aufgaben und viel Abwechslung sind Aspekte, die auch Paul Preiss an seiner Arbeit als Berater schätzt. Preiss ist ebenfalls studierter Naturwissenschaftler. Der 30-jährige Diplom-Physiker wollte jedoch Erfahrung in der Wirtschaft sammeln und verschiedenste Industrien und Funktionen in Unternehmen kennen lernen. Als Associate bei A.T. Kearney bekommt er tagtäglich Gelegenheit dazu. »Es ist immer interessant, den Unternehmen dabei zu helfen, sich den ändernden wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen anzupassen«, umreißt er sein Aufgabengebiet grob. An sein bisher spannendstes Projekt erinnert sich Preiss dabei immer gerne. »Der Kunde stand unter großem Kostendruck für die kommenden Jahre. Wir haben zusammen mit der Belegschaft Maßnahmen entwickelt und ausgearbeitet, um die Ergebnislücke schnell und nachhaltig zu füllen. Durch die gemeinsame Ausarbeitung konnten wir die Mitarbeiter vom Projekt und den nötigen Maßnahmen überzeugen.«

Überzeugungsarbeit leisten und Vertrauen aufbauen – zwei Aufgaben, die Andreas Gerloff und Paul Preiss als Unternehmensberater meistern müssen. Andreas Gerloff sieht seinen naturwissenschaftlichen Studienhintergrund dabei als Vorteil: »Naturwissenschaftler können sich auf Augenhöhe mit den wissenschaftlichen Mitarbeitern des Kunden austauschen und dadurch schneller deren Vertrauen gewinnen. Ein zweiter Vorteil«, ergänzt Gerloff, »liegt meistens darin, dass wir eben manchmal nicht die ›BWLer-Brille‹ aufhaben und eher unvoreingenommen versuchen, an Probleme heranzutreten.« Umso mehr liegen die Stärken von Naturwissenschaftlern im analytischen Bereich: in der Strukturierung von Problemstellungen und im Erkennen komplexer Zusammenhänge. Der wissenschaftliche Perfektionismus dagegen steht in der Beratung nicht immer an erster Stelle: »Es ist eben nicht immer möglich, alle Facetten eines Problems bis ins letzte Detail zu beleuchten und zu bearbeiten«, erklärt Paul Preiss, der zu den etwa 40 Prozent der Berater bei A.T. Kearney gehört, die kein wirtschaftswissenschaftliches Studium absolviert haben. Prioritäten setzen und die wichtigsten Punkte in kürzester Zeit abarbeiten, lautet daher meistens die Devise. Auch darin sieht Preiss eine Herausforderung, die sich für ihn persönlich stellt: »In kritischen Situationen muss ich immer professionell bleiben.«

Professionell bleiben, auch wenn es einmal länger dauert – die Arbeitszeiten eines Beraters unterscheiden sich von denen eines Forschers im Labor eines Forschungszentrums oder Industrieunternehmens durchaus. Vier Tage beim Kunden, einer im Büro – so sieht der Berateralltag nun einmal aus. Für Paul Preiss gehören Einschränkungen im Privatleben jedoch zur Projektarbeit wie viele Dienstreisen. Alles in allem sind es aber gerade diese Dinge, die Paul Preiss’ Job dazu machen, was er ist – »zu einem der spannendsten Berufe, die es gibt«. 


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