zwei Männer schneiden Grimassen vor türkisem Hintergrund

Branchencheck Naturwissenschaften

Die Karriereperspektiven für Naturwissenschaftler sind aussichtsreich und vielfältig. Wir zeigen dir, was die einzelnen Branchen derzeit zu bieten haben.

Die Wirtschaftskrise scheint hierzulande überwunden – aus allen Ecken strömen die positiven Meldungen:

So prophezeit der Internationale Währungsfonds (IWF) für Deutschland etwa einen Konjunkturanstieg von satten 3,3 Prozent statt der bisher erwarteten 1,4 Prozent für 2010. Und auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) veranschlagt ein Plus von 0,9 Prozent.

Vor allem die deutschen Automobilhersteller dürften ob dieser guten Nachrichten erfreut sein, da gerade sie stark von der Krise betroffen waren. Im Gegensatz beispielsweise zur Pharma- und Chemieindustrie, die sogar in der Wirtschaftsflaute die Zahl der Auftragseingänge erhöht haben. Bayer etwa plant in diesem Jahr nach eigenen Angaben rund 300 Hochschulabsolventen einzustellen, und die Naturwissenschaftler nehmen darunter »einen bedeutenden Anteil« ein. Auch bei BASF werden 2010 rund 300 Akademiker angeworben, wobei min destens jeder Dritte davon ein Naturwissenschaftler sein wird.

Und der multinationale Mischkonzern General Electric (GE) will 2010 in Deutschland rund 200 Hochschulabsolventen anheuern, besonders Molekularbiologen, Physiker und (Bio-)Medizintechniker, aber auch Chemiker und Pharmareferenten. Umfragen zufolge rechnen viele Unternehmen mit einem tendenziell gleichbleibenden Bedarf an Naturwissenschaftlern. Für die kommenden fünf Jahre wird eine wieder steigende Nachfrage prognostiziert. Inzwischen ist der Master dabei auch bei den Naturwissenschaftlern fast genauso anerkannt wie das frühere Universitäts-Diplom. Mit Abstrichen gilt das auch für den Bachelor, auch wenn der in den Wirtschaftswissenschaften heute sicherlich schon mehr gilt als bei den Naturwissenschaftlern. Das soll nicht darüber hinweg täuschen, dass gerade bei den Chemikern und Biologen die Promotion immer noch die Regel ist.

Die Statistiken geben ihnen zunächst auch Recht

Unter den Chemikern mit Doktortitel sind nur knapp zehn Prozent als arbeitssuchend ausgewiesen, insgesamt finden rund zwei Drittel aller Absolventen im ersten Jahr nach der Hochschule auch einen Job. Gerade in der Chemie- und Pharmabranche suchen viele Unternehmen vor allem promovierte Akademiker, gerne mit Mehrfachqualifikation. Abseits der klassischen Berufsfelder, so die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh), entstanden dabei in jüngerer Vergangenheit vermehrt neue. Vor allem solche, für die es auf Kenntnisse und Interessen jenseits der Chemie ankomme: Patentwesen, Vertrieb, Beratung, Marketing und auch das Chemikalienrecht erlangten eine immer größere Bedeutung für den Arbeitsmarkt. Naturwissenschaftler, die sich ein anwendungsnahes Profil geben, sind durchaus gefragt, heißt es bei der Bundesagentur für Arbeit. Das gilt auch für Physiker.

Sie arbeiten überdurchschnittlich häufig nicht in ihren gelernten Gefilden. 2007 etwa arbeiteten von den rund 93.000 Erwerbstätigen, die ein Physikstudium absolviert hatten, zuletzt rund drei Viertel nicht in einem Physikerberuf. Viele von ihnen waren in verwandten technischnaturwissenschaftlichen Berufen tätig, etwa als Informatiker, Mathematiker oder in Ingenieurberufen. Mehr als jeder zehnte Physiker verdiente als Unternehmensberater oder Manager sein Geld. Und jeder Dreißigste fand als Patentanwalt, Arzt, Politiker oder in ähnlichen Berufen sein Auskommen. Bis 2012 kehren jährlich 2.200 erwerbstätige Physiker der Arbeitswelt aus Altersgründen den Rücken. Aufgrund dieser Entwicklung könnten auf dem Arbeitsmarkt pro Jahr bis zu 300 Physiker zusätzlich benötigt werden. Im Schnitt der vergangenen zehn Jahre haben jedoch weniger als 1.900 Physiker die Universitäten mit einem Abschluss verlassen – im Jahr 1995 gab es noch etwa 3.700 Physik-Absolventen. Auch den Biologen eröffnen sich – abseits ihrer klassischen Disziplinen Botanik, Zoologie und Mikrobiologie – viele Möglichkeiten: Die neuen Fächern heißen Biochemie, Biophysik, Bioinformatik, Biomathematik oder Agrarbiologie. Auch aus der medizinischen Forschung sind sie nicht mehr wegzudenken – vor allem dann, wenn sie einen Doktortitel tragen.

Grundsätzlich gilt: Das Gesundheitswesen ist nicht nur eine der größten Branchen, sondern auch »ein bedeutender Wachstumsmarkt mit hoher wirtschaftlicher Dynamik«, heißt es bei der Unternehmensberatung KPMG. Die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Gesundheitswirtschaft werde »eher mittel- und langfristig« zu spüren sein, sagt Prof. Dr. Volker Penter, Leiter Health Care bei KPMG. »Zweifelsohne besteht ein zunehmender Bedarf an qualitativ hochwertiger Gesundheitsversorgung, allein schon aufgrund der demografischen Entwicklung der Gesellschaft und den wachsenden Einsatzmöglichkeiten moderner IT und Technik bei Diagnose und Therapie. « Auch bei GE gibt man sich zuversichtlich: »Der Healthcare-Bereich ist eine Branche mit Zukunft«, sagt Ramona Zacher, Recruiting & Staffing Manager bei GE Deutschland, denn die Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen steige »stetig«. Auch Bayer will sein Pharmageschäft »weiter auszubauen«, sagte Bayer-Chef Werner Wenning jüngst der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, »auch durch externes Wachstum«. Selbst Milliarden-Zukäufe seien nicht unmöglich. »Wenn ein Geschäft zu uns passt, wenn es uns hilft, die Healthcare-Sparte voranzubringen, wird es an der Finanzierung nicht scheitern«, sagte er weiter.

Diese Sparte steuerte zuletzt mehr als die Hälfte der Konzernumsätze bei

»Die Pharmaindustrie ist immer noch eine Branche mit guten Zukunftsaussichten«, bestätigt auch eine Studie, die der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) beim Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft in Auftrag gab.

Dabei kommt der Biotechnologie eine wachsende Bedeutung zu. 2008 trugen biotechnologisch hergestellte Medikamente mit 4,4 Milliarden Euro bereits 16 Prozent des Gesamtumsatzes der Pharmaindustrie bei. Dabei unterscheidet man prinzipiell die industrielle – auch ›weiße‹ genannte – Biotechnologie von der landwirtschaftlichpflanzlichen – also ›grün‹ genannten und der medizinisch-pharmazeutischen – und ›rot‹ genannten Biotechnologie. Letzterer ist der wichtigste Anwendungsbereich: 2008 waren laut Bundesministerium für Bildung und Forschung 500 Unternehmen in Deutschland in erster Linie mit der Biotechnologie verbunden, zusammen beschäftigten sie rund 14.450 Menschen. Noch einmal so viele waren dort beschäftigt, wo die Biotechnologie nur einen Teil des Geschäfts ausmacht, also vor allem in der Chemie- und Pharmaindustrie.


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