Mensagespräch mit Mark Lenz: Projekt der Ozeanforschung

Forschung im Zeichen der Meere: Mark Lenz vom Forschungsinstitut Geomar Kiel verrät, was das besondere am Forschungsprojekt ›GAME‹ ist

Mark Lenz ist Meeresökologe und seit 2004 Koordinator des Programms GAME – Globaler Ansatz durch Modulare Experimente – am Geomar Helmholtzzentrum für Ozeanforschung Kiel.

 

Herr Lenz, wofür steht GAME?

GAME bedeutet ›Globaler Ansatz durch Modulare Experimente‹ und ist eine Kombination aus Forschung und Lehre. Es bietet Masterstudierenden die Möglichkeit, im Rahmen eines globalen Forschungsprojekts Daten für ihre Abschlussarbeit zu sammeln. Thematisch werden meeresökologische Fragestellungen rund um die Auswirkungen des globalen Wandels auf Meeresökosysteme untersucht.

 

Zu welchem Thema wird dieses Jahr geforscht?

Wir untersuchen, wie sich die Ozeanerwärmung auf die Fraßraten von wirbellosen Weidegängern auswirkt. Wirbellose Pflanzenfresser im Meer sind etwa Seeigel, Krebse oder Schnecken. Wir erheben gerade vergleichend an sechs Standorten Daten, wie sich die steigenden Umgebungstemperaturen im Meer auf den Appetit dieser Tiere auswirken.

 

Wie läuft das Projekt ab?

Studenten sind in alle drei Phasen des Projektes miteinbezogen – nur das Thema wird vorher definiert. Die erste Phase findet am Geomar in Kiel statt und dauert einen Monat. Dort treffen sich alle Teilnehmer, auch die aus dem Ausland, und bilden Tandems aus je einem deutschen und einem ausländischen Studierenden. Gemeinsam entwickeln wir dann einen Monat lang den methodischen Ansatz, sprechen über den Hintergrund der Fragestellung und sichten die Literatur, die es zu diesem Thema gibt. Aber vor allem legen wir fest, wie die Experimente ablaufen sollen. Anschließend gehen die Zweierteams an die verschiedenen Standorte und bearbeiten dort das Thema sechs Monate lang – heißt: Sie führen Experimente durch und erheben Daten. Anfang Oktober treffen wir uns wieder in Kiel, werten gemeinsam die Daten aus, interpretieren sie und bereiten sie für die Darstellung in der Öffentlichkeit auf. Die Teilnehmer halten anschließend Vorträge an verschiedenen Unis im norddeutschen Raum. Außerdem schreiben sie in ihren Masterarbeiten über die Ergebnisse und wenn möglich auch noch in Publikationen.

 

An welchen Standorten ist ein GAME-Einsatz möglich?

Wir haben derzeit 35 mögliche Partner in 26 Ländern – das ist unser Netzwerk. Aus diesem werden jedes Jahr sechs bis sieben ausgewählt. Dieses Jahr sind es Chile, Madeira, Israel, Japan, Indonesien und Wales.

 

Welche Herausforderungen entstehen durch die Internationalität?

Wir müssen jedes Projekt so anpassen, dass es überall durchführbar ist. Denn wir arbeiten mit den Bedingungen vor Ort – da gibt es sehr unterschiedliche Standards. Das Labor in Indonesien ist beispielsweise anders ausgestattet als das in Wales. Auch die Arbeitsmentalität und Logistik sind anders. Daher müssen wir immer beachten, dass ein Projekt  überall gut durchführbar ist.

 

Das klingt aufwendig – wie wird das Projekt finanziert?

Die ersten sechs Jahre wurde das Projekt komplett von der Stiftung Mercator gefördert. Diese trug die Reise­kosten der Studierenden, die Ausrüstung, die Verbrauchsmittel und die Stelle des Koordinators. Nach Ablauf der Förderung wurde die Finanzierung auf ein Fundraisingsystem umgestellt. Seitdem bekommen wir Gelder vom Geomar, dem Exzellenzcluster in Kiel, verschiedenen Firmen, Organisationen und Privatpersonen. Dazu kommen Reisestipendien des Deutschen Akademischen Austauschdienstes oder Erasmus. Eine Teilnahme ist noch nie aufgrund der finanziellen Mittel gescheitert.

 

Wie können sich interessierte Studierende für das Projekt bewerben?

Die Bewerbung läuft immer ab März für das kommende Jahr. Interessierte müssen ein Motivationsschreiben, ihren Lebenslauf und einen kurzen Fragebogen einreichen. Wir prüfen dann, ob der Studienhintergrund passt – das ist für uns das wichtigste Kriterium. Passend sind alle biologischen Studiengänge, die Berührungspunkte zum jeweiligen Thema haben – es müssen aber keine marin-biologischen Studiengänge sein. Grundsätzlich sind wir jedoch auch für Bewerbungen aus anderen Fachbereichen offen, schauen uns diese aber genauer an.

 

Welche Soft Skills sollten Bewerber zudem mitbringen?

Sie sollten sehr motiviert sein, denn das Projekt erfordert mehr Aufwand als eine normale Masterarbeit. Denn im Ausland können ganz andere Schwierigkeiten auf die Teilnehmer zukommen. Wenn zum Beispiel in islamischen Ländern Ramadan ist und keine Materialien geliefert werden, kann das ausbremsen. Die Person muss außerdem teamfähig sein und gerne kommunizieren, denn die Teilnehmer müssen sich viel austauschen, um zu wissen, was die anderen Teams machen.

 

Das Projekt scheint eine gute Vorbereitung für die Zeit nach dem Studium zu sein …

GAME ist eine Brücke zwischen Studium und Promotion. Wir wollen die Qualifikationen vermitteln, die Studierende brauchen, wenn sie in der Wissenschaft erfolgreich sein wollen. Zum Beispiel experimentelle Planung, Datenerhebung und -analyse, aber auch kommunikative Fähigkeiten. Es liegt ein starker Fokus auf wissenschaftlicher Kommunikation. Also: Wie schreibe ich ein Paper, wie präsentiere ich, wie halte ich einen Vortrag. Die Teilnehmer durchlaufen bei GAME einmal den kompletten wissenschaftlichen Prozess. Gleichzeitig lernen sie eine globale Perspektive und die Herausforderungen an verschiedenen Standorten kennen – sie müssen sich in fremde Arbeitsumgebungen und Prozesse einfinden und mit fremden Mentaliäten zurechtkommen.

 

Gibt es im Anschluss Einstiegsmöglichkeiten am Geomar?

Wenn sich Möglichkeiten bieten, dann nutzen wir diese auch, aber wir können nicht alle 14 Teilnehmer aufnehmen. Wir begleiten sie jedoch gerne auf ihrem weiteren Weg, zum Beispiel über unser Alumninetzwerk. Ich vermittle auch gerne Promotionsstellen und mache auf Stellenausschreibungen aufmerksam oder schreibe gemeinsam mit ihnen Projektanträge.

 

Welche Ziele verfolgen Sie mit GAME?

Die initiale Motivation war eine wissenschaftliche. Denn es gibt Fragestellungen, die global betrachtet werden müssen, weil eine Einzelstudie an einem Standort keine befriedigende Antwort liefern würde. Daher ist eine meiner Aufgaben, zu überprüfen, dass die Experimente nicht auseinander laufen, denn am Ende soll immer ein globaler Vergleich entstehen.


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