Man steht vor Blümchenwand und hält ein Rohr vor sein Auge, das man dann vergrößert sehen kann

Warum der Zufall in Forschungszentren zum Glücksfall werden kann.

Das Archimedische Prinzip, die Röntgenstrahlung und der Sekundenkleber haben eines gemeinsam: Sie beru- hen auf Serendipität, einer zufälligen Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem.

So ›praktisch‹ diese Art der Erkenntnisgewinnung auch erscheinen mag – würden sich Forscher ausschließlich auf das Zufallsprinzip verlassen, gäbe es keine Impfstoffe, die Millionen von Menschen das Leben retten könnten. Oder keine Therapien gegen un- heilbare Krankheiten. In Deutschland wird fast minütlich eine neue Krebsdiagnose gestellt, 2010 sind 218.889 Menschen daran gestorben.


3.491 deutsche Patente wurden 2010 für Arzneimittel mit Wirkung in Deutschland angemeldet.

Quelle: Statista


Vorsorge-, Diagnose- und Therapieoptionen: Die Wissen- schaftler der Helmholtz-Gemeinschaft arbeiten im großen Umfang daran, Volkskrankheiten wie Krebs, Dia- betes, Herz-Kreislauf- sowie Lungen-Erkran- kungen zu bekämpfen. Daneben betreiben die 18 Forschungszentren strategisch-pro- grammatisch ausgerichtete Spitzenfor- schung in den Bereichen Energie, Erde und Umwelt, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie, sowie Luftfahrt, Raumfahrt und Verkehr. Wie wann welches Forschungsthema Fördermittel erhält, ist letztlich von »den aktuellen und drängenden Fragen in Gesellschaft, Wissen- schaft und Wirtschaft abhängig«, erklärt Dr. Stefan Joos, Bereichsleiter Forschung in der Helmholtz-Gemein- schaft. Die jeweiligen Rahmenbedingungen der Forschung werden dann im Dialog zwischen den Wissenschaftlern mit den zuständigen Ministerien besprochen und in den sogenannten forschungspolitischen Vorgaben festgelegt. Hieraus ergibt sich schließlich der Handlungsrahmen für die Ausgestaltung der wissenschaftlichen Themen. Die The- men sind von Forschungszentrum zu Forschungszentrum unterschiedlich – ebenso wie die Zusammensetzung der jeweiligen Fördermittel. Die institutionelle Förderung des zur Helmholtz-Gemeinschaft gehörenden Forschungszent- rums Jülich betrug 2010 68 Prozent des Gesamtbudgets von 456 Millionen Euro, von denen 90 Prozent vom Bund und zehn Prozent vom Land getragen wurden, die restlichen 32 Prozent stammten aus Drittmitteln. Diese Gelder werden unter anderem in Forschungsgeräte investiert – wie dem 9,4 Tesla Magnetresonanz-Tomograf (MRT) kombiniert mit einem Positronen-Emissions-Tomografen (PET). Kom- plizierte Beschreibung, einfache Erklärung: Dieses Gerät ermöglicht einen detaillierten Blick ins Gehirn, um somit Wissenschaftlern die Entwicklung neuer Verfahren zur Dia- gnose und Therapie neurologischer Hirnerkrankungen wie Alzheimer zu ermöglichen, an der 2010 in Europa 9,95 Milli- onen Menschen erkrankt waren – Prognosen zufolge könnten es 2050 rund 18,6 Millionen sein.

Die Beantwortung komplexer Fragestellungen hat sich auch die Helmholtz- Gemeinschaft auf die Fahnen geschrie- ben. Im Jahr 2001 wurde die Forschung der Gemeinschaft strategisch neu strukturiert. Seitdem investiert sie ihre Ressourcen nicht mehr in einzelne In- stitutionen, sondern in zentrenübergrei- fenden Forschungsprogrammen, welche sich untereinander im Wettbewerb befinden. Alle fünf Jahre werden die damals entworfenen 28 Forschungspro- gramme von international renommierten Gutachtern hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Exzellenz und stra- tegischen Relevanz evaluiert. »Pro Programm stehen 60 bis 80 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung und die Fi- nanzierung ist für fünf Jahre gesichert«, sagt Bereichsleiter Forschung Dr. Joos und fügt hinzu, dass die Beantragung dieser Mittel zwar mit einem hohen Aufwand verbunden, der aber durchaus vertretbar sei. Joos weiß, dass es nicht ohne Regeln und Vorgaben geht – vor allem, wenn es sich um solch hohe Beträge handelt – aber die Helmholtz-Gemeinschaft versucht, diese komplexen Vorgänge einfach zu gestalten.

Im Schnitt sechs bis sieben Monate dauert es, bis die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) Fördergelder bereitstellt. Im Gegensatz zu anderen Geldgebern, die Förderthemen vorgeben, hat die DFG hierzu keine Vorgaben: »Das Wichtigste ist, dass die Ideen und Vorschläge aus der Wissenschaft kommen. Der Fokus liegt dabei auf der Grundlagenforschung. Die DFG fördert Projekte jeder Art: Von A wie Ägyptologie bis Z wie Zoologie«, sagt Marco Finetti, Pressesprecher der DFG. Momentan unterstützt die Gemeinschaft mehr als 30.000 Projekte in den Lebens-, Natur-, Ingenieur- sowie Geistes- und Sozialwissenschaften. Jeder Antrag wird nach festgesetzten Verfahren anonym von zwei Wissenschaftlern oder von größeren Gutachtergruppen, bei denen die Namen bekannt sind, begutachtet. Können Fragen wie ›Ist diese Idee wissenschaftlich qualifiziert?‹, ›Ist das Forschungziel realistisch und erfolgsversprechend?‹ sowie ›Bringt das Projekt die Wissenschaft und die Grundlagenforschung voran?‹ bejaht werden und die Förderhöhe erweist sich als realistisch, wird im Hauptausschuss der DFG, in dem die Vertreter der Wissenschaft und die des Bundes und der Länder sitzen, über eine etwaige Förderung entschieden.

Nun, gesetzt den Fall, die finanziellen Mittel fließen, aber das Projekt kommt selbst nach jahrelanger Forschungsarbeit zu keinem Ergebnis? »In vielen Projekten gibt es mehrere Förderperioden. Dann wird zum Beispiel nach drei oder vier Jahren über eine Fortsetzung entschieden. Wenn zu diesem Zeitpunkt keine Ergebnisse vorliegen und dies nicht begründet werden kann, kann dies zum Ende der Förderung führen«, erklärt DFG-Pressesprecher Finetti. Auch wenn dies nicht oft der Fall ist, aber von Einzelförderung bis hin zu großen Verbünden wie Sonderforschungsbereiche und Graduiertenkollegs gibt es immer wieder Projekte, deren Förderung nicht automatisch verlängert wird. Aber kein Ergebnis kann trotzdem ein Ergebnis sein: »Es gibt Projekte, die die Wissenschaft voranbringen, weil sich eine Hypothese nicht verifizieren lässt. Sozusagen das Nicht-Ergebnis als wissenschaftlicher Fortschritt«, führt Finetti weiter aus. In die gleiche Kerbe schlägt auch Dr. Joos von der Helmholtz-Gemeinschaft: »Keine Ergebnisse sind natürlich weniger populär, aber auch diese können zu neuen Erkenntnissen führen.«
 


Erfindungen, die durch Zufall gemacht wurden:

Spencer Silver wollte einen neuen Superkleber entwickeln – heraus kam aber nur eine klebrige Masse, die sich auf allen Flächen leicht aufbringen ließ, genauso leicht aber wieder abzulösen war. Eine hieraus entwickelte Pinnwand verschwand aber bald wieder vom Markt – bis sich 1974 Art Fry, ein Freund von Silver, darüber ärgerte, dass sein Lesezeichen ständig aus den Notenheft en fiel. Er erinnerte sich an die Erfindung seines Freundes, holte sich eine Probe aus dem Labor, trug es auf kleine Zettel auf und das Post-it war erfunden.



Unabhängig davon, ob neue Erkenntnisse dem entspringen, was als Ziel angestrebt war oder diese in eine völlig neue Richtung führen – wissenschaftliches Arbeiten bedarf kluger Köpfe, deren neue Ansätze sich mit der Expertise der erfahrenen Forscher vermengen lassen. Möglichkeiten gibt es viele: »Die Bewerber sollten ein natur- oder ingenieurwissenschaftliches Studium mitbringen und Interesse an gesellschaftlich relevanten Fragestellungen haben«, erklärt Dr. Joos. Möglichkeiten gibt es viele, ungeklärte Fragen noch mehr. Wie zum Beispiel, warum es nicht möglich ist, Milch kleckerfrei aus einem Tetrapak zu gießen. Aber wir alle wissen: Die Wissenschaft geht ihren Weg. Sei es unter einem Baum sitzend, in der Badewanne liegend oder vor dem Kühlschrank stehend: Hauptsache sie geht!


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