Viel verschiedenes, buntes Gemüse
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Wie Na.Wis am Food von morgen arbeiten

Naturwissenschaftler sind in der Ernährungsindustrie gefragt. Die Arbeit in diesem Bereich kann Vielfältigkeit und Stabilität bieten

Ungewohnt kritisch präsentierten sich deutsche Lebensmittelforscher auf einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). »Werden wir den gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht?«, lautete die übergeordnete Frage des Wissenschaftler-Treffens. Dass an die Ernährungs- und Lebensmittelforschung seit jeher große Erwartungen geknüpft sind, betonte dabei Prof. Dr. Karin Schwarz, Vizepräsidentin für Forschung, Technologietransfer und wissenschaftlichen Nachwuchs an der Universität Kiel: »Wir müssen sicherstellen, dass unsere Arbeit den Kampf gegen weit verbreitete gesundheitliche Probleme wie zum Beispiel Fettleibigkeit oder Diabetes tatsächlich voranbringt.«

Die Selbstkritik der Forscher bringt eine Erwartungshaltung auf den Punkt, die auch in der Industrie an junge Nachwuchskräfte gestellt wird: Naturwissenschaftler, die in der Entwicklung und Herstellung von Lebensmittelprodukten beschäftigt sind, sollen im Ertragssinne ihres Arbeitgebers tätig sein. Gesundheit und Spitzenqualität wiegen dabei aber mindestens ebenso schwer: »Gegessen und getrunken wird immer. Allerdings sieht sich die Ernährungsindustrie mit steigenden Kosten konfrontiert, zum Beispiel bei Energie und Rohstoffen«, erklärt Brigitte Faust, Präsidentin der Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuss (ANG). »Der Verbraucher ist sehr anspruchsvoll, gleichzeitig preissensibel.« Zusätzlich gebe es neue Ernährungstrends, die Auswirkungen auf die Produktentwicklung haben. »Man denke beispielsweise an die Themen bio, vegetarisch und vegan«, sagt die ANG-Präsidentin. Für Naturwissenschaftler mit Interesse an einem Job in der Ernährungsbranche seien diese anspruchsvollen Trends jedoch gute Nachrichten: »Für schlaue Köpfe mit innovativen Gedanken bietet unsere Branche deshalb spannende Arbeitsplätze«, sagt Faust.

Grundsätzlich sind Naturwissenschaftler überall in der Ernährungsindustrie gefragt. Es gibt einige attraktive Arbeitgeber und die Branche ist außerdem sehr vielfältig: Die mehr als eine halbe Millionen Beschäftigten in der Ernährungswirtschaft verteilen sich auf mehrere tausend Betriebe. Vom kleinen Mittelständler bis hin zum internationalen Großkonzern ist alles dabei. »Es gilt: Je größer das Unternehmen, desto größer sind die Forschungsabteilungen und damit auch der Bedarf an Naturwissenschaftlern«, betont ANG-Präsidentin Faust. Eine stabile Joblage mit wachsenden Chancen bei den Big Players sieht auch Michael Andritzky, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Ernährungswirtschaft (VdEW) in Hannover: »Die Lebensmittelwirtschaft ist eine sehr stabil und konjunkturunabhängige Branche. Es gibt einen klaren Trend zu größeren Einheiten und daher auch einen größeren Bedarf an akademischen und insbesondere naturwissenschaftlichen Mitarbeitern. «

Neben den bekannten Markenartikeln der Lebensmittelwirtschaft wie Unilever, Nestlé oder Mondelez gibt es zahlreiche ›Privat-Label-Hersteller‹, die eigens für Händler hergestellte und mit einem eigenen Markennamen versehene Produkte entwickeln. Sie sind häufig wenig bekannt, haben aber eine große Bedeutung in der Lebensmittelwirtschaft. »Gerade bei diesen Unternehmen besteht die Möglichkeit, schnell in Leitungs- und Führungspositionen zu kommen«, weiß VdEWGeschäftsführer Andritzky. »Die Entwicklung neuer Produkte, Verpackungen und Produktionstechnologien sind für diese Unternehmen überlebenswichtig.«

 

Algen als Protein-Ersatz

 

Jobchancen für Naturwissenschaftler gibt es in der Ernährungsindustrie auch bei einer Reihe von Forschungseinrichtungen, die von den großen Markenartikeln betrieben werden oder für die gesamte Branche tätig sind. So zum Beispiel das Deutsche Institut für Lebensmitteltechnik (DIL) in Quakenbrück: Das DIL deckt mit seinen Fachbereichen das gesamte Kompetenzspektrum der Lebensmitteltechnik ab und hat sich auf die Fahnen geschrieben, Erkenntnisse aus der Forschung in die Industrie zu überführen. So forschen DIL-Wissenschaftler in einem aktuellen Projekt an der Spirulina-Alge: Das Gewächs könne als alternative Proteinquelle für Lebens- und Futtermittel erschlossen werden, da ihre Produktion wenig landwirtschaftliche Flächen und Wasser erfordert und wenig Treibhausgase emittiert, so die Forscher. In Asien und Afrika stellen solche Mikroalgen als Proteinquelle keine Neuheit dar und werden dort seit vielen Jahren für die Lebensmittelherstellung verwendet. In den letzten Jahren schwappt dieser Trend auch in die westliche Welt.

 

Vielfalt Vorprogrammiert

 

»Naturwissenschaftler finden sich in der Ernährungsindustrie überwiegend in den Bereichen Forschung und Entwicklung. Dort werden Produkte weiter optimiert, die Entwicklung neuer Rezepturen ist ein sehr aufwändiger Prozess, in den viel naturwissenschaftliches Know-how fließt. Auch bei der Verfahrenstechnik und dem weiten Feld der Qualitätskontrollen sind Naturwissenschaftler gefragt. Hier reicht es von der Koordination interner Abläufe bis hin zum Kundenmanagement bei Fragen oder Reklamationen. Schließlich werden Naturwissenschaftler benötigt, um Produktionsprozesse optimal nachhaltig auszurichten. Zum Schlagwort Nachhaltigkeit zählt der schonende Umgang mit Ressourcen bei den Rohstoffen und Verarbeitungsprozessen.«
Brigitte Faust, Präsidentin der Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuss, ANG

 

Entwicklungen und Skills

 

Internationalisierung
Um 172 Prozent ist der Export deutscher Ernährungsunternehmen zwischen 1998 und 2015 gestiegen.

Gefragte Studiengänge
sind laut Branchenverband ANG je nach Unternehmen völlig unterschiedlich: »Unabhängig vom Fach sollte der Schwerpunkt in jedem Fall rund um Ernährung, Erzeugung, Marketing und Prozesssteuerung liegen.«

 

Sparten und Auftraggeber

 

Top-Arbeitgeber
Mit 30 Prozent arbeiten die meisten Beschäftigten der Ernährungswirtschaft in der Herstellung von Backwaren, gefolgt von Fleischprodukten mit 19 Prozent, Süßwaren mit zehn Prozent und Milchprodukte mit sieben Prozent.

Auftraggeber
Die drei größten Kunden der deutschen Ernährungswirtschaft sind die Edeka-Gruppe mit 25,3 Prozent Anteil am Lebensmittelumsatz im Handel sowie die Rewe-Gruppe und die Schwarz-Gruppe mit je rund 15 Prozent.


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