Mann schaut durch Lupe

Naturwissenschaftler in der Consulting-Branche

Fall gelöst: Statt im Labor zu hantieren, gehen Nawis im Consulting den Problemen ihrer Kunden auf den Grund.

Bewerbung Naturwissenschaft

Eineinhalb Hühner legen an eineinhalb Tagen eineinhalb Eier. Wie viele Eier legt ein Huhn an einem Tag? Diese Frage ist kein Scherz, sondern kann über deine berufliche Zukunft entscheiden. Sogenannte Brainteaser wie dieses Beispiel sind ein wichtiger Bestandteil des Bewerbungsverfahrens bei einer Unternehmensberatung. Getestet wird dabei das logische Denkvermögen und die Kreativität des Bewerbers. Kein Wunder also, dass Consulting ein zunehmend attraktives Berufsfeld für Naturwissenschaftler wird, liegen ihnen doch analytisches Denken und eine strukturierte Vorgehensweise im Blut.

»Das naturwissenschaftliche Studium baut die Hemmschwelle ab, sich mit komplexen Themen zu beschäftigen«, erzählt der selbstständige Personalberater Dr. Thomas Biber.

Consulting Naturwissenschaftlerjobs

Außerdem bringen Mathematiker wie er die Bereitschaft mit, sich mit schwierigen Aufgaben auseinanderzusetzen – was von Durchhaltevermögen zeugt. Ein Consultant geht bei seiner Arbeit ähnlich vor wie ein Forscher: Er entwickelt mögliche Lösungen und spielt durch, wie sich das Problem in jeder Version entwickeln würde. Die Beratungsunternehmen sind der gemeinsamen Strategie schon auf die Spur gekommen und ergänzen ihreTeams mit Fachleuten verschiedener Bereiche, um frischen Wind in ihre Reihen zu bringen. »Als Biochemikerin bin ich keine Ausnahme bei der Boston Consulting Group (BCG). Nur die Hälfte meiner Kollegen sind Wirtschaftswissenschaftler, alle anderen haben etwa Informatik, Jura oder Maschinenbau studiert. Diese Vielfalt ist wichtig, um unseren Kunden stets innovative Lösungen anbieten zu können«, bestätigt Dr. Anna Sinemus, die am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg im Bereich Tumorimmunologie promoviert hat. Heute berät sie vor allem Kunden aus der Pharma- und Biotechbranche.

»Natürlich hilft mir mein Fachwissen, wenn ich ein Chemieunternehmen berate und mit dem Kunden sogar auf Molekülbasis diskutieren kann.«

Erfahrungsberichte von Studenten

Zum Consulting kam sie schon während ihrer Studienzeit: »Um eine bessere Vorstellung von Jobmöglichkeiten für Biologen außerhalb der Forschung zu bekommen, bewarb ich mich um ein Praktikum bei BCG.« Diese Erfahrung hat sie sehr begeistert, dennoch war sie sich noch nicht sicher, ob sie die Grundlagenforschung ganz verlassen wollte. Durch die Aufnahme in das ›Fast Forward‹-Programm im Anschluss an ihr Praktikum konnte sie mit ehemaligen Praktikanten in Kontakt bleiben und war immer über Neuigkeiten bei der Boston Consulting Group auf dem Laufenden. Vier Jahre später, nach Abschluss ihres Studiums und ihrer Promotion, konnte Sinemus direkt bei der Unternehmensberatung einsteigen.

Auch Wiebke Plenkers wollte ursprünglich promovieren, arbeitet jetzt aber als Beraterin bei Siemens Management Consulting (SMC). Die Diplom-Physikerin hatte schon immer vielfältige Interessen, dazu gehören natürlich die Naturwissenschaften, aber auch Fremdsprachen und andere Kulturen. Für ihr Studium der Physik an der Universität Hamburg entschied sie sich, da sie insbesondere die theoretischen Grundlagen der Naturwissenschaft faszinierten.

»Sprachen, so dachte ich, kann ich auch in meiner Freizeit oder hoffentlich in meinem späteren Berufsleben anwenden«, erzählt die 27-Jährige.

Mit einer Promotion plante sie, tiefer in die physikalische Forschung einzutauchen, entschied sich aber nach dem Abschluss ihrer Diplomarbeit im Sommer 2010 kurzerhand um. »Ich sah meine Zukunft nicht an einer Universität, sondern bemerkte, dass ich auch andere Fähigkeiten stärker ausbauen und in meine Arbeit einfließen lassen möchte«, erläutert sie. Ihre Entscheidung fiel auf das Consulting: »Ich hatte ein Bedürfnis danach, das direkte Resultat meiner Arbeit zu sehen. Verfolgen zu können, welchen Impact meine Arbeit hat!« Ihre Ansprüche an das Berufsleben haben sich erfüllt, denn inzwischen gehört es zu ihren Aufgaben, den Siemens-Konzern in strategischen Fragestellungen zu unterstützen – und das stets beim Kunden vor Ort, also auch weltweit.

Thomas Biber plante für sich nie eine Karriere in einer Bank oder Versicherung, wie viele andere Mathematikstudenten. »Finanzmathe hat mich nie interessiert. Meine Schwerpunkte lagen im Bereich Differentialgleichung und numerische Lösungsverfahren. Im Bereich IT und Consulting sind zudem die beruflichen Möglichkeiten ungleich größer«, verrät er. Zum Consulting kam er über Umwege. Neben dem Studium hat der 41-Jährige als Programmierer gearbeitet und stieg nach seinem Abschluss erst einmal in die IT-Branche ein. Dort konnte er die nötige Expertise sammeln, um bei der SAP AG als Berater und Projektleiter anzufangen. Inzwischen hat er sich als selbstständiger Berater darauf spezialisiert, SAP-Experten und -Entwickler für verschiedene Unternehmen zu rekrutieren und Bewerber zu beraten.

Sein Fachwissen kam Biber also bei seinem Start als Consultant zu Gute und er konnte in die Tätigkeit hineinwachsen. Doch wie kamen Biochemikerin Sinemus und Physikerin Plenkers mit den fachlichen Voraussetzungen an eine Neu-Beraterin zurecht? »Für Naturwissenschaftler gelten die gleichen Einstiegsvoraussetzungen wie für Absolventen aller anderen Fachrichtungen. Dabei wird von Nicht-BWL-Absolventen kein wirtschaftliches Fachwissen erwartet – es geht vielmehr um die Fähigkeit, strukturiert an ein Problem heranzugehen, es in Teilfragen zu zerlegen und analysieren zu können«, bestätigt Dr. Anna Sinemus. Alle Neueinsteiger ohne Wirtschaftsstudium bekommen bei der Boston Consulting Group in einem mehrwöchigen Einstiegstraining BWL-Fachwissen, zum Beispiel in Kostenrechnung und Bilanzanalyse, konzentriert vermittelt. Eine Art Mini-MBA also. Bei Siemens Management Consulting nehmen alle Neueinsteiger an einem einwöchigen Basistraining teil. »Dabei erlernte ich die grundlegenden Fähigkeiten zur Durchführung eines Projekts«, erklärt Wiebke Plenkers. Besonders wichtig war die Woche aber auch, um die internationalen Kollegen kennenzulernen und Freundschaften zu schließen. Als Neu-Consultant wird man bei seinem ersten Projekt natürlich nicht ins kalte Wasser geworfen, versichert sie. »Natürlich hatte ich jede Menge Fragen, aber meine beiden SMC-Teamkollegen haben mich tatkräftig unterstützt und waren bei meinen ersten Kundenmeetings dabei. So konnte ich mich schnell in meine Rolle einfinden«. Ohne wirtschaftswissenschaftliches Studium sei es eine große Herausforderung gewesen, sich in die Grundlagen, Fachtermini und Methoden einzuarbeiten, erzählt Plenkers rückblickend. »Wichtig ist jedoch von Beginn an, komplexe Sachverhalte zu verstehen und die richtigen Fragen zu stellen – und das habe ich als Physikerin durchaus in meinem Studium gelernt.«

Für Sinemus machen die Herausforderungen in ihrer Arbeit das aus, was ihr an ihrem Job gefällt. »Der Beruf als Berater setzt eine große Flexibilität voraus – nicht nur ein hohes Maß an Mobilität, daran gewöhnt man sich recht schnell, sondern auch bei der Denk- und Herangehensweise.« Gerade die Zusammenarbeit mit so vielen verschiedenen Menschen und ihren ganz unterschiedlichen Zielen machen den Beruf für sie spannend.

»Als selbstständiger Berater muss man zudem Ideen entwickeln, um das Geschäft besser abzuwickeln als Mitbewerber, und um sich von den großen Massenanbietern zu unterscheiden«, ergänzt Thomas Biber.

Einen entscheidenden Vorteil sieht er in der Selbstständigkeit: »Rechnungen schreiben«. Denn so erhält er unmittelbar Feedback, ob sich der eigene Einsatz gelohnt hat.

Und jetzt nochmal zurück zum Anfang. Hast du die Herausforderung angenommen, die Nuss beziehungsweise das Ei geknackt? Die Frage war, wie viele Eier ein Huhn an einem Tag legt, wenn eineinhalb Hühner an eineinhalb Tagen eineinhalb Eier legen. Wer vorschnell als Antwort »Eins!« herausruft, hat den Sinn der Aufgabe nicht verstanden. Nachdenken und Knobeln ist angesagt. Als Tipp sei nur soviel verraten: Der Dreisatz hilft, das Rätsel zu lösen.


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