Kind liegt mit Luftballons in der Hand auf dem Rücken

Naturwissenschaftler in der Luft- und Raumfahrt

In der Luft- und Raumfahrt arbeiten Naturwissenschaftler und Ingenieure gemeinsam an zukunftsweisender Hochtechnologie.

Im Volksmund ist er der Superjumbo – manche nennen ihn sogar den Supervogel. Die Rede ist vom Airbus A380, dem vierstrahligen Grossraumflugzeug des europäischen Flugzeugherstellers Airbus. Seit dem Jahr 2005 ist die Anzahl der im Einsatz befindlichen Superjumbos auf rund 260 gestiegen. Wenn Sandra Blunck einen A380 am Himmel aufsteigen sieht, fühlt sie eine Mischung aus Faszination und Stolz:

 

»Noch immer kann ich mich an dem Anblick eines A380 in der Luft erfreuen«, sagt die 35-jährige Luft- und Raumfahrttechnikerin und denkt an die heiße Entwicklungsphase der A380 zurück: »Der erste Kabinentest mit voller Passagieranzahl war schon ein besonderes Highlight meiner Karriere.«

Die Endmontage des Flugzeugs findet im französischen Toulouse statt, doch die Kabinenausrüstung leistet der Airbus-Standort in Hamburg-Finkenwerder. Hier arbeiten Ingenieure wie Sandra Blunck, Naturwissenschaftler, Mathematiker und Informatiker gemeinsam an hochmoderner Flugtechnologie – das Unternehmen Airbus zählt zu den führenden Herstellern der Branche und bietet Hochschulabsolventen attraktive Jobmöglichkeiten. »In den letzten drei Jahren hat Airbus mehr als 12.000 Mitarbeiter aus den verschiedensten Ländern rekrutiert, was auf die kontinuierliche Weiterentwicklung unserer Flugzeugprogramme zurückzuführen ist und der ständig wachsenden Nachfrage nach umweltfreundlicheren und effizienteren Flugzeugen«, sagt Dr. Thomas Ehm, Personalgeschäftsführer und Arbeitsdirektor von Airbus in Deutschland. Trotz Europakrise geht es der Luft- und Raumfahrtbranche gut: Das Passagieraufkommen und die Nachfrage nach Flugzeugen nehmen weltweit zu – hinzu kommt der Anspruch, schadstoffärmere Maschinen herzustellen. Diesem Trend will Airbus ab 2015 mit der neuen Serie A320neo begegnen, die mit neuentwickelten Triebwerken ausgestattet sein soll. 

In der Luft- und Raumfahrt arbeiten laut Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) derzeit über 90.000 direkt Beschäftigte, dazu kommen rund 250.000 Angestellte im Luftverkehr sowie rund 700.000 Menschen, die bei Zulieferern arbeiten. Zu den größten Arbeitgebern gehören die Flugzeughersteller EADS, Boeing und Airbus, aber auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Eine Umfrage des Branchenverbandes BDLI hat im vergangenen Jahr ergeben, dass fast die Hälfte der Arbeitgeber Schwierigkeiten hat, die passenden Nachwuchskräfte von den Hochschulen zu rekrutieren. Mit anderen Worten: Wer sichere, gut bezahlte Jobs sucht, sollte sich in der Luft- und Raumfahrtindustrie umschauen.
 
»Insgesamt plant Airbus, im Jahr 2013 3.000 weitere Neueinstellungen vorzunehmen«, prophezeit Airbus-Personaler Ehm allein für sein Unternehmen. »Hier ist uns eine diversifizierte Belegschaft ein besonderes Anliegen. Aus diesem Grunde werden wir verstärkt junge Fachkräfte, Frauen und non-nationals rekrutieren.« Thomas Ehm ist für jede Bewerbung von qualifizierten Nachwuchskräften dankbar und lockt: »Die gute Auftragslage durch den wachsenden Markt bietet hervorragende Perspektiven, Arbeitsplatzsicherheit und die Chance, eines der faszinierendsten Produkte mitzugestalten.«

In erster Linie brauchen die Luft- und Raumfahrtunternehmen natürlich Ingenieure

»Insbesondere suchen wir für Deutschland Luft- und Raumfahrtingenieure für Bereiche wie zum Beispiel Composite Stress & Design oder Systems Engineering. Zudem können Luft-und Raumfahrtingenieure auch als Aircraft Architects bei uns arbeiten, im Manufacturing Engineering oder im Project & Program Management (P&PM) eingesetzt werden«, berichtet Thomas Ehm. »Aber auch Naturwissenschaftler wie Mathematiker und Physiker haben bei uns die Möglichkeit, sehr interessante Positionen zu übernehmen.« Voraussetzung hierfür ist, dass man bereits angewandt studiert hat und wenn möglich einen Bezug zur Luft- und Raumfahrt hatte. Häufig gebe es diesen Bezug im Bereich Numerische Simulation, Aerodynamik oder Materialwissenschaften.
 
In Forschung, Entwicklung und Produktion der grossen Flugzeughersteller arbeiten Naturwissenschaftler und Ingenieure Hand in Hand: So machte Sandra Blunck, die ursprünglich Luft- und Raumfahrttechnik studiert hat, in der Testphase des Supervogels A380 gemeinsame Sache mit dem Physiker Knut Mau. Der 55-Jährige ist seit 1988 bei Airbus beschäftigt: »In der Testphase der A380 haben wir erstmalig ganze Funktionsketten der Kabinensysteme integriert und getestet«, berichtet Mau. »Diesen Ansatz haben wir für die A350 XWB weiter entwickelt und bis hin zum operationellen Testen der gesamten Kabinen- und Luftsysteme implementiert.« Daraus sei dann eine Testlandschaft entstanden, wie es sie so in Hamburg noch für kein Flugzeugprogramm gegeben habe. Der Physiker war auch an mehreren europäischen Forschungsprojekten beteiligt, in denen der an den Hochauftriebshilfen entstehende aerodynamische Lärm insbesondere während der Anflug- und Landephase reduziert wurde. Heute ist Knut Mau einer der führenden Experten für Kabinen- und Luftsystemtests im Unternehmen.
 
Seine Kollegin Sandra Blunck trägt den offiziellen Titel Senior Manager, verantwortlich für Standard-Bauteile – von Kabeln bis Schläuchen – in der gesamten Airbus-Familie. »In meinem aktuellen Job verbinden meine Produkte die Flugzugsysteme untereinander und mit der Flugzeugstruktur«, erzählt die Luft- und Raumfahrttechnikerin, die bereits als Werkstudentin bei Airbus gejobbt und so ihr Jobangebot ergattert hat. »Als Manager bin ich verantwortlich dafür, dass es meinen Mitarbeitern in ihrem Arbeitsumfeld gut geht und meine Teams alle Mittel zur Verfügung haben, um ihre Aufgaben zu erledigen.« Physiker Mau sieht die fachübergreifende Zusammenarbeit als Schlüsselfaktor für den Erfolg von Projekten wie dem A380. Naturwissenschaftlern, die sich für die Luft- und Raumfahrt interessieren, rät er: »Kreativität und Innovation sind Schlüsselkompetenzen gerade in technologischen Disziplinen. Die Inspiration hierzu kommt allerdings häufig aus fachfremden Themengebieten. Man sollte also ruhig einmal die ausgetretenen Pfade verlassen und Anregungen annehmen, wo immer sie sich bieten.«
 
Die Luft- und Raumfahrtindustrie in Deutschland ist auf wenige Zentren verteilt: Bayern zum Beispiel gilt als Vorreiter im Bereich der Satellitentechnologien. Bremen steht für komplexe Raumfahrtsysteme. Und in Sachsen werden neuartige Flugzeugstrukturen erforscht und getestet. »6.200 Mitarbeiter der in Sachsen überwiegend mittelständisch organisierten Luft- und Raumfahrtindustrie haben letztes Jahr 780 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet«, gab Sven Morlok, sächsischer Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, anlässlich eines Empfangs der Luft- und Raumfahrtindustrie im vergangenen März bekannt. »Um noch besser zu werden, betreiben wir auch in Zukunft eine aktive Innovationspolitik. Die sächsische Luft- und Raumfahrtindustrie sehen wir als wesentlichen Synergieträger und Antrieb für die sächsische Wirtschaft.« Teil dieser Strategie, so Morlok, sei eine hervorragende Ausbildung von Naturwissenschaftlern und Ingenieuren.
 
»Zukunfts- und bedarfsorientierte Ausbildungspolitik im Bereich der Luft- und Raumfahrt ist ein Schlüsselfaktor für die Zukunftsfähigkeit unserer Branche«, sagt auch Tim E. Brand vom Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI). »Wie kaum ein anderer Industriezweig benötigt sie eine wachsende Zahl qualifizierter Facharbeiter, um aktuelle und zukünftige, multinationale und komplexe Programme schultern zu können.« Dazu gehört aber auch die Fähigkeit, in verschiedenen Ländern, Kulturen und Sprachen zurecht zu kommen. Nahezu alle Unternehmen der Branche arbeiten an grenzüberschreitenden Projekten: »Als transnationales Unternehmen, in dem Mitarbeiter aus 100 Nationen zusammenarbeiten, spielen interkulturelle Kompetenz und Fremdsprachenkenntnisse, insbesondere der Unternehmenssprache Englisch, eine große Rolle«, sagt beispielsweise Airbus-Personaler Thomas Ehm. »Teamfähigkeit sowie ein hohes Maß an Mobilität und Flexibilität sind ebenso wichtig wie Eigeninitiative, Verantwortungsbewusstsein.« Nicht zuletzt suche man jedoch auch nach Mitarbeitern, die Begeisterung für Luftfahrt mitbringen, ergänzt Ehm: »Und natürlich Spaß an der Arbeit!«


Anzeige

Anzeige