ein Schaf auf der Wiese

Gentechnik: ein Thema, zwei Meinungen

Pro und Kontra: Prof. Dr. Hans-Jörg Jacobsen und Dr. Jochen Leopold stehen Rede und Antwort.

Unsere 5 Fragen zum Streitthema Gentechnik:

1. Inwieweit ist es möglich, eine weiter wachsende Weltbevölkerung ohne Gentechnik zu ernähren – trotz knapper werdender Ressourcen, Klimawandel und ohne die bereits heute überbeanspruchten sozialen und ökologischen Systeme weiter zu belasten?

2. Könnten wir, wenn wir unsere Essens- und Lebensgewohnheiten verändern würden, auf Gentechnik in Lebensmitteln verzichten?

3. Welche Folgen hat gentechnisch verändertes Essen/Futter auf Mensch und Tier?

4. Inwieweit schließen sich das Prädikat ›Bio‹ und ›Gentechnik‹ aus?

5. Inwieweit steigt aufgrund von Gentechnik die Vielfalt bei Obst und Gemüse oder wird diese eher eingeschränkt, weil eine Konzentration auf bestimmte Pflanzen stattfindet?


5 Gründe für Gentechnik


Es antwortet: Prof. Dr. Hans-Jörg Jacobsen, geb. 1949 in Wilhelmshaven, Abteilungsleiter der Abteilung Pflanzenbiotechnologie am Institut für Pflanzengenetik  an der Leibniz Universität Hannover. Seit 2000 lehrt er regelmäßig als Gastprofessor am Biology Department an der Northeastern University in Boston. Schwerpunkt seiner Forschung ist die Frage nach einem sinnvollen Einsatz der Methoden der grünen Gentechnik in der Sicherung der Ernährung vor den Hintergründen des Bevölkerungswachstums  und des Klimawandels.


1. »Wir müssen auf immer weniger Flächen immer mehr Nahrungsmittel produzieren. Laut Prognosen der  WHO bedarf es einer Steigerung in der  Nahrungsmittelproduktion um 70 Prozent, um alle Menschen bis 2015 sattzubekommen. Bereits jetzt haben wir knapp eine Milliarde Hungernder und rund eine Milliarde Menschen, die einen sogenannten ›versteckten‹ Hunger haben, also nicht ausreichend mit Mikronährstoffen und Vitaminen versorgt werden können. Hinzu kommen politisch gewollte Probleme, indem viele Flächen anstatt für die Nahrungsmittelproduktion für Erneuerbare Energien genutzt werden. Es ist nicht abzuschätzen, welche Ausmaße dies noch annehmen wird. Deshalb muss es ein wesentliches Ziel sein, einerseits die ökologischen Systeme zu entlasten und gleichzeitig die Nahrungsmittelproduktion zu steigern. Hier liefert die Gentechnik Optionen. Die Technologie macht aber nur dann Sinn, wenn wir die Projekte daraufhin überprüfen müssen, was diese Entlastungen konkret leisten: Ob sich damit Pflanzenschutzmittel einsparen lassen, es  sich dabei um trockentolerantere Pflanzen handelt oder um welche, die bessere Nährstoffaufnahmeeigenschaften haben. Dies lässt sich schneller mit Gentechnik als mit konventioneller Züchtung umsetzen – falls die konventionelle Züchtung das überhaupt leisten kann.« 

2. »Dies ist schwer zu sagen, denn mehr als 70 Prozent unserer Lebensmittel sind bereits mit Gentechnik in Kontakt gekommen: Beispielsweise gentechnisch hergestelltes Vitamin C, Labferment für die Käseherstellung oder eben auch die Futtermittel in der Fleischerzeugung. Diese Erkenntnis findet bestimmt nicht viel Gefallen in der Bevölkerung. Dann ist es in einer Demokratie nicht einfach, Essensgewohnheiten umzusteuern. Hinzu kommt, dass Europa hier bereits gar keine Rolle mehr spielt ­– wenn in China der Fleischkonsum seit 30, 40 Jahren kontinuierlich hochgeht, ist das ein Markt, auf den sich die Futtermittelhersteller konzentrieren.«

3. »Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft sind gentechnisch veränderte Lebensmittel genauso sicher wie konventionelle. Dies hat übrigens vor einigen Jahren Frau Künast (Bündnis 90/Die Grünen, Anm. d. R.) in ihrer damaligen Funktion als Verbraucherministerin festgestellt. Immer wieder aufkommende, anderslautende Meinungen werden von seriöser behördlicher und wissenschaftlicher Seite nicht bestätigt. In der Regel endet dies in Propaganda, die mit großem Aufwand und viel PR betrieben wird, in Angstkampagnen, die in der Regel aber keine seriöse Grundlage haben.«

4. »Überhaupt nicht. Die Gentechnik kann sinnvolle und biologisch begründete Lösungen für die zahlreichen Probleme des Ökolandbaus liefern. Hier handelt es sich im Wesentlichen um ideologische Hürden. Als Wissenschaftler sind wir mit den ideologiefrei-agierenden Verbänden des Biolandbaus gesprächsbereit. Wir können uns sehr gut vorstellen, bestimmte Konzepte zu erarbeiten. Es gibt auch Ökobauern, die sagen, dass sie Potenziale in der Gentechnik für ihren Bereich sehen. Sie sagen dies im persönlichen Gespräch, aber nicht in der Öffentlichkeit.«

5. »Hinsichtlich der Vielfalt sehe ich eher die Probleme bedingt durch Einkaufstrategien der Handelsketten als durch die Gentechnik. Denn diese möchten Früchte haben, die gut aussehen, sich gut lagern lassen – das hat aber nichts mit Gentechnik zu tun, man denke an die holländischen Tomaten der 1980er, welche man damals als den ›vierten Aggregatzustand des Wassers‹ bezeichnet hat. Als klar wurde, dass Verbraucher kein geschmacksneutrales Gemüse mehr haben wollten, wurden andere Geschmackseigenschaften eingezüchtet. Einen viel drastischeren Effekt auf die Artenvielfalt haben die großen Monokulturen für die Erzeugung erneuerbarer Energien. Dies geht auf das Erneuerbare-Energie-Gesetz zurück. Ich denke aber, dass sich dies in der Zukunft einpendeln wird.«


5 Gründe gegen Gentechnik


Es antwortet: Dr. Jochen Leopold, 55 Jahre, Diplom-Agraringenieur. Leopold hat in Pflanzenernährung promoviert und war von 1994 bis 2007 beim Forschungsring für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise e.V. in Darmstadt tätig. Das Mitglied des Standards Committee bei Demeter International leitet diverse Projekte, vorwiegend zu Saatgut-Themen, Richtlinienarbeit und Qualitätsmanagement. Seit 2008 verantwortet Leopold die Bereichsleitung QM und Richtlinienentwicklung bei Demeter e.V. in Darmstadt.


1. »Zu dieser Frage wurde schon viel geschrieben. An der Situation hat sich in den letzten Jahren nichts grundsätzlich geändert. Die Möglichkeiten sind gegeben, dass auch eine weiterhin steigende Weltbevölkerung ernährt werden kann. Die Probleme liegen mehr in der Verteilung und in politischen Dimensionen. Der Ökolandbau liefert eine gute und nachhaltige Grundlage zur Ernährung der Menschheit, das zeigt auch der kritische Agrarbericht auf.«


2. »Aus meiner Sicht ist es gar kein Verzicht, Gentechnik aus den Lebensmitteln fern zu halten, sondern im Gegenteil ein Gewinn. Der Anbau von Gentechnikpflanzen, genetisch veränderten Organismen (GVO), ist alles andere als nachhaltig. Das Märchen von der Rettung der Menschheit durch grüne Gentechnik ist ausgeträumt. Der Genuß von ökologischen Lebensmitteln hingegen fördert den nachhaltigen Ertrag und bildet die Grundlage für ein sinnvolles zukunftsfähiges Wirtschaften.«

3. »Richtet man diese Frage an die Gentech-Industrie, wird immer beschwichtigt und negative Auswirkungen werden abgestritten. Schaut man sich an, was aus der Praxis berichtet wird, erhält man einen ganz anderen Eindruck. Da wird verschiedentlich von gesundheitlichen Folgen berichtet, beispielsweise bei mit Gentech-Mais gefütterten Kühen. Die schädlichen Wirkungen auf den Menschen sind schwieriger zu belegen.«

4. »Gentechnik in der Erzeugung und Verarbeitung von Bio-Lebensmitteln ist schon vom Gesetzgeber her ausgeschlossen. Das passt schon deshalb nicht zusammen, weil Pflanzen für den Bioanbau nur aus Pflanzen hervorgehen. Nur was sich auf natürliche Weise kreuzen lässt wird gezüchtet, die Integrität der ganzen Pflanze wird dabei gewahrt. Bei Bio denkt man an Organismus und Ganzheitlichkeit, bei Gentechnik denkt man die Pflanzen als Baukasten, mit dem man experimentieren kann.«

5. »Die Saatgutindustrie bringt zwar jedes Jahr neue Sorten auf den Markt. Man könnte den Eindruck haben, das sei eine Zunahme an Vielfalt. Die Pflanzen werden aber immer gleichförmiger. Bei GVO-Pflanzen steht im Vordergrund, dass sie angebliche anbautechnische Vorteile haben, also zum Beispiel resistent sind gegen das Herbizid Roundup. Wenn solche Pflanzen auf riesigen Flächen angebaut werden ist es mit der Vielfalt vorbei. Das ist Monokultur in Reinform. Dabei geht genetische Variabilität zurück und die Anzahl an Arten auf den Feldern nimmt ab, sowohl bei den Kulturpflanzen als auch bei der Begleitflora.«


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