Comic: Mann hält Reagenzglas aus dem Blasen kommen

Quereinstieg von Naturwissenschaftlern

Zwei Doktoren der Physik zeigen, dass sich manchmal auch ein Blick in die (Berufs-)Ferne lohnt.

Dass Falko Baier eines Tages als promovierter Physiker in einem Konzern für Antriebstechnik arbeiten wird, hatte er während seines Studiums wirklich nicht gedacht. Denn sein beruflicher Werdegang begann ganz klassisch wie bei so vielen anderen Physikern auch: Nach dem Physikstudium an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und der anschließenden Promotion zum Dr. rer. nat an der Universität Stuttgart entschloss er sich, weiter an der Hochschule zu arbeiten. Die Entscheidung, nicht den geraden Weg zu gehen, sondern den Blick zur Seite zu wagen, keimte erst später auf.

Da er schon immer in den USA tätig sein wollte, nahm er 2002 das Angebot für einen Forschungsaufenthalt am Ames lab, einem National Lab des DOE (Department of Energy) an.

Dort führte er Untersuchungen an ultradünnen Metallfilmen auf quasikristallinen Oberflächen durch. Während dieser Zeit konnte er zugleich an der Iowa State University of Science and Technology eine Vorlesung über ‘Nanosciences and Nanotechnology’ halten. Seine Motivation, nach dem Auslandsaufenthalt von der Wissenschaft in die freie Wirtschaft zu wechseln, begründet er damit, dass »die Situation in der akademischen Laufbahn in Deutschland zu unsicher für langfristige Planungen und das Hochschulsystem zu intransparent ist.« Natürlich spielen bei solch einer beruflichen Veränderung nicht nur die äußeren Umstände eine Rolle. Es war auch die neue Herausforderung, ob er in einem Wirtschaftsunternehmen Fuß fassen kann, ob sein Ehrgeiz ausreichend dafür sein würde, das Ganze zu packen.

Der Ehrgeiz hat sich ausgezahlt. Über eine Anfrage einer Personalagentur kam er zum Maschinenbauunternehmen Voith Turbo GmbH & Co.KG, das ihm zusätzlich noch ein MBA International Management- Studium ermöglichte. Auch wenn Dr. Baier nicht mehr viel mit Physik zu tun hat, so muss er in seiner Tätigkeit als Product Development Manager Nanotechnology & Coatings doch in der Lage sein, »Messergebnisse und Methoden einordnen zu können und Assoziationen zwischen Technologien, Produkten und Prozessen herzustellen.« Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt mittlerweile auf der technischen Innovation bereits bestehender Produkte und Systeme des Unternehmens. Neben der Unterstützung im Innovationsprozess auf allen Ebenen der Produktentwicklung und Pflege bestimmt auch die immerwährende Suche nach neuen Technologien den Arbeitsalltag. Dazu kommen Recherchearbeiten, der Besuch von Messen und Seminaren sowie die Erstellung von Technologie-Dossiers auf spezielle Anfrage. Zudem werden regelmäßige Gespräche mit Konstruktions- und Entwicklungsingenieuren geführt und neue Kooperationspartner für Entwicklungsprojekte evaluiert. Das Spektrum der täglich anfallenden Aufgaben ist äußerst vielfältig und abwechslungsreich und zeigt, dass ein abgeschlossenes Physik-Studium nicht automatisch an eine Universität bindet, sondern weitaus mehr Chancen bietet.

Auch Ulrike Neemann entschied sich für den Weg in die freie Wirtschaft. Die Physikerin hatte schon während ihrer Promotion an der Universität Oldenburg »das Gefühl, dass es in der Forschung – vor allem in der theoretischen Physik – sehr schwer ist, eine feste und dauerhafte Anstellung zu bekommen.« Mittlerweile arbeitet sie als IT-Consultant in Hamburg und sagt: »Ich bereue es überhaupt nicht, nach Hamburg gekommen zu sein.« Sie hat ihren Quereinstieg beim Software- und Beratungshaus PPI nie als schwierig empfunden: »Keiner hat von mir erwartet, dass ich das gesamte Know-how, welches für die Softwareentwicklung nötig ist, schon mitbringe.« Das breite Schulungsangebot der Firma, die Erstellung eines Karriereplans, der lockere Umgang und der hilfsbereite Wissensaustausch unter den Kollegen erleichterten den Einstieg zusätzlich. Von Vorteil erwies sich, dass Ulrike Neemann schon während des Studiums kleinere Programme für Berechnungen und Graphiken schrieb und im Zuge ihres Studentenjobs am Aufbau einer Datenbank mit einer Weboberfläche mitgewirkt hat. Ihr jetziges Aufgabengebiet beschreibt sie selbst als sehr breit gefächert und damit sehr abwechslungsreich. Im Moment arbeitet sie an zwei Projekten, in der das eine die Erstellung einer Software darstellt, mit der Immobilien-Ratings erstellt werden können.

Für das zweite Projekt hat sie die Leitung übernommen und ist unter anderem für die Softwareentwicklung, die fachliche und technische Konzeption der Software und auch die Durchführung von Tests zuständig. Konkret handelt es sich hier um die Sortierung und Zusammenstellung von Kunden- und Kontodaten einer Bank. Mit diesen Daten über Sicherheiten und Restschulden kann die Bank dann ihr Verlustrisiko simulieren. Die Einarbeitung in ein mehr oder weniger fachfremdes Aufgabengebiet ist die eine Hürde, die zu bewältigen ist. Wie die neuen Kollegen den Seiteneinsteiger aufnehmen, die andere. Auch hier hatte die Physikerin keine Probleme. »Bei uns gibt es viele Quereinsteiger, darunter vor allem Mathematiker, Physiker und andere Naturwissenschaftler. Ich bin also nicht die einzige.« Für Dr. Ulrike Neemann führte der Weg von theoretischen und abstrakten Themen während ihrer Promotion hin zu einem Umfeld, das greifbar ist.

»Es ist toll, an etwas mitzuwirken, das in unserem Leben eine konkrete Anwendung findet«, sagt sie.


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