audimax probiert's aus: Julia goes famous

Ist es noch scripted oder schon knallharte reality? Julia will's rausfinden und besucht ein Casting für das Nachmittagsformat eines Privatsenders

OpenClipart-Vectors / pixabay.com unter CC0 Public Domain

»Maja, erzähl', wie geht’s dir?«, fragte der Caster im lila T-Shirt und richtete die Kamera auf mich. »Ach, jetzt steh' ich hier mit einem blauen Auge und verstehe die Welt nicht mehr«, schluchzte ich und fing an, zu erzählen: Von Leon, der Liebe meines Lebens, der mich früher auf Händen getragen, mir die Welt zu Füßen gelegt hat. Von meinem Wunsch, ihm seine Wünsche zu erfüllen, weil er mir so viel bedeutet: Ich färbte mir meine schönen braunen Haare in einem hässlichen Wasserstoffblond, ließ mir die Brüste vergrößern und zog mich mehr als aufreizend an – alles für ihn. Und nun behandelt er mich dennoch jeden Tag herablassender, wir streiten uns nur noch. »Was erzählst du denn für einen Scheiß? Du siehst jetzt richtig scharf aus!« Der Caster schlüpfte in Leons Rolle und beschimpfte mich aufs Heftigste. Ich schrie zurück, verteidigte mich, jammerte und sehnte mich ausdrucksstark nach den guten alten Zeiten zurück.

Die Dame am Empfang, die mir die Castingnummer 39309 auf meine Bluse geklebt, mir die persönlichen Unterlagen zum Ausfüllen und eine Beschreibung über die Lebenssituation meiner Rolle überreicht hatte, hat es schon verraten: Bei diesem Casting geht es um Drama und Emotionen! Klar, ohne die Serie je gesehen zu haben, hab' ich mir das schon gedacht – es handelte sich hier schließlich um das Nachmittagsformat eines Privatsenders, Stichwort ›Scripted Reality‹.

Von Aufregung fehlte vor meinem großen Castingtag jede Spur. Es fühlte sich eher surreal an, wie ein lustiger Zeitvertreib, und ich war total gespannt, was passieren würde. Schauspielerfahrung hatte ich übrigens keine vorzuweisen. Aber das war mir egal, es würde ja keiner außer die Jury sehen – dachte ich.

Bei meiner Ankunft in der Empfangshalle fand ich alles richtig witzig: Die Mitbewerber, die mit zittrigen Händen ihre Rollenbeschreibung festhielten und versuchten, sich die Details der geschilderten Lebenssituation einzuprägen. Die jungen Mädchen, die nervös ihr Gesicht nachpuderten. Und die Caster, die durch den Raum liefen und die potentiellen Schauspieler einsammelten, die sich dazu bereit fühlten, ihr Können unter Beweis zu stellen.

Ich las mir den Text zu Maja zweimal durch und sprang auf, als der nächste Caster »Wer will mitkommen?« rief. Ich ging davon aus, dass ich allein mit einer Jury im Raum sein würde. Doch falsch gedacht: Mit mir saßen fünf andere junge Frauen im kleinen Konferenzsaal, zwei davon sollten dieselbe Rolle mimen wie ich. Eine spielte, die anderen schauten zu. Eifrig meldete ich mich als Erste, ich wollte es hinter mich bringen.

Kurzfristig rutschte mir das Herz dann doch in die Hose. Die Ernsthaftigkeit, mit der der Caster und meine Mitbewerber dieses Auswahlverfahren betrieben, riss mich plötzlich mit.

Ich nahm mir vor, meinen Part doch so professionell wie möglich zu nehmen und bemühte mich sogar, vor der Kamera, die natürlich ständig mitlief, zu weinen, als ich alias Maja erfuhr, dass Leon eigentlich schwul war und sich im Grunde nie richtig für mich interessiert hatte.

»Das war ja schon eine super Vorlage!«, lobte der Caster mich begeistert. Und die anderen Teilnehmerinnen schauten mich bewundernd an: »Wow, du warst so gut!« Ob sie ihre Aussagen ernst meinten, weiß ich nicht. Aber eins war mir klar: Das Casting war ein Riesenspaß und ich würde es sofort wieder tun!

Wenige Tage nach dem Casting flatterte ein erstes Drehangebot ins Haus: Die Rolle einer Mutter, 100 Euro netto für einen halben Drehtag. Ob ich's annehme? Lust auf die nächste schauspielerische Herausforderung hätte ich schon. Also: Fortsetzung folgt.


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