Raphael Fellmer
Der Mann ohne Geld: Raphael Fellmer Patrick Lipke

Ohne Geld leben

Leben ohne Geld? Das geht doch gar nicht! Doch – Raphael Fellmer hat's getan. Im Interview verrät er, was ihn dazu bewegte, wie er das anstellte und warum er nun wieder Kohle verdient.

Raphael, wie kam es zu deinem Entschluss, komplett ohne Geld zu leben?

Ich bin privilegiert aufgewachsen, hatte nie Hunger und immer ein Dach über dem Kopf. Weil es mir so gut ging, wollte ich mich um die Welt kümmern und habe mich gefragt, wie ich meine Fähigkeiten dazu einsetzen kann. Angefangen hat dann alles mit einem Experiment: Ich trampte ohne Geld nach Mexiko, um die Aufmerksamkeit auf den Überfluss und die Verschwendung in unserer Gesellschaft zu lenken. Auch in Deutschland wollte ich dann weiterhin geldfrei leben, im Geldstreik.

Wie hast du dein Leben damals organisiert?

Ich habe angefangen, zu containern. Das habe ich acht Monate lang ziemlich intensiv betrieben. Daraufhin habe ich foodsharing – beziehungsweise anfangs die Lebensmittelretten-Bewegung gestartet und mich um den Auf- und Ausbau gekümmert. Mittlerweile haben 21.000 Foodsaver mehr als sechs Millionen Kilogramm Lebensmittel bei 2.800 Kooperationsbetrieben gerettet. Meine Familie und ich durften kostenlos bei verschiedenen Menschen wohnen. Sie haben auch Gas, Wasser und Strom gezahlt, weil sie unser Projekt unterstützenswert fanden. Kleidung bekamen wir geschenkt, wenn andere etwas übrig hatten. Mobil war ich durch Trampen und Radfahren.

Wie sah es mit Versicherungen aus?

Mit dem Kindergeld haben wir die Krankenversicherung gezahlt. Ich habe sie aber nicht in Anspruch genommen, meine Frau und Kinder schon – sie lebten nicht vollständig im Geldstreik. Und sonst habe ich versucht, mich viel zu bewegen und gesund zu essen. Wenn ich doch krank wurde, habe ich mich ins Bett gelegt.

Warum lebst du jetzt nicht mehr ohne Geld?

Jetzt sind wir zu viert, zahlen Miete, den Kindergarten und nutzen öffentliche Verkehrsmittel. Ein paar Lebensmittel kaufen wir auch, das meiste retten wir aber immer noch und sind sparsam. Ich werde nun mit meinem gemeinnützigen Start-up Sharecy Geld verdienen, mit dem wir uns gegen Lebensmittelverschwendung einsetzen wollen. Es soll ein digitaler Marktplatz für überschüssige Lebensmittel werden und foodsharing weltweit ermöglichen.

Was hast du aus der geldfreien Zeit gelernt?

Dass es ein Geschenk ist, wenn man sich wirklich vom Herzen her Dingen widmet, hinter denen man Sinn sieht.


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