Frau jongliert Bälle auf Markt in Tunesien

Auslandspraktikum in Tunesien

Scharf gewürzte Auslandserfahrung: Laura ging für ein Praktikum nach Tunesien – gerade als alle Touristen wegen der Revolution flüchteten.

Am 14. Januar 2011 jagten die Tunesier als erstes arabisches Volk ihren Diktator davon. Am 16. Januar 2011 wollte ich nach Tunesien fliegen. Nach diversen Nachrichten von besorgten Freunden und Verwandten und aufgrund einiger logistischer Probleme – der Luftraum war zeitweise gesperrt – habe ich mich dann aber doch dagegen entschieden und bin erst zwei Wochen später geflogen, um mein dreimonatiges Praktikum bei der Deutsch-Tunesischen Industrie- und Handelskammer (AHK) in Tunis anzutreten. Mit mir im Flugzeug waren fast nur Tunesier.

Viele von ihnen kehrten jetzt das erste Mal nach langer Zeit wieder in ihre Heimat zurück. Ich als Deutsche wurde immer wieder verwundert angeschaut: Die ganzen Touristen hatten das Land doch gerade erst verlassen und ich wollte nun dorthin? Ja! Und das war die richtige Entscheidung. Es ist etwas ganz Besonderes und sehr interessant, dabei zu sein, wenn ein Volk nach so einem radikalen Wandel die Demokratie und die Freiheit entdeckt. Schon am Flughafen durfte ich das erste Anzeichen spüren: Streik. Da praktisch die ganze Wirtschaft Tunesiens von Firmen der Präsidentenfamilie durchzogen ist und war und sich nach der Flucht von Präsident Ben Ali und seiner Frau Leila Trabelsi auch weitere Familienmitglieder absetzten oder untertauchten, gab es in verschiedenen Wirtschaftsbereichen doch so einiges Chaos. So auch bei den Flughafenbeschäftigten, die die Koffer vom Flugzeug zu den Gepäckbändern befördern. Sie forderten eine einheitliche (höhere) Bezahlung und beschlossen just an dem Tag zu streiken, an dem ich in Tunis ankam. Nach drei Stunden Wartezeit konnten dann aber doch noch Arbeiter aufgetrieben werden und wir bekamen endlich unsere Koffer.


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Die Streiks gingen noch eine Zeit lang weiter, mal am Flughafen oder beim Zoll, dann im öffentlichen Nahverkehr und in den Unternehmen. Ich war nicht nur persönlich davon betroffen, wenn mal wieder kein Bus kam, sondern auch in der AHK. Denn diese war für ihre Mitgliedsunternehmen oft der erste Ansprechpartner, wenn Waren nicht durch den Zoll kamen oder es Probleme mit streikenden Beschäftigten gab. So hatte ich ein spannendes Praktikum, in dem ich nicht nur die üblichen Übersetzungen und Recherchen machte, sondern wirklich miterleben konnte, wie eine Firma mit unvorhergesehenen Ereignissen umgeht.

Eine andere wiederentdeckte Freiheit neben dem Streiken war die Meinungsfreiheit

Schon während des Wartens auf die Koffer am Flughafen war zu merken, dass die Tunesier unbedingt ihre Meinung loswerden und ihre Geschichte erzählen wollten. Wenn man nur das Wort ›Revolution‹ erwähnte, haben sie gestrahlt und zu reden angefangen. Davon, dass sie im Exil waren oder dass sie mit demonstriert haben und wie es ihrer Meinung nach jetzt weitergehen müsse. Die Zeugen der Revolution waren überall zu sehen: Geplünderte und zum Teil abgebrannte, mit Graffiti beschmierte Trabelsi-Villen, ›Fuck Ben Ali‹-Schriftzüge an den Mauern, an wichtigen Straßenkreuzungen und Einrichtungen stand Militär und auch bei Konzerten wurde in den Text der ein oder andere Dégage-Ruf eingebaut. Doch der Alltag kehrte mit einigen Ausnahmen eigentlich ziemlich schnell wieder ein.

Gelebt habe ich in La Marsa, einem Vorort von Tunis, wo ich mir mit einer anderen Praktikantin eine Wohnung geteilt habe, die eine Mitarbeiterin der AHK vermietet. Von dort bin ich jeden Morgen mit dem Bus oder Taxi zur Arbeit gefahren. Busfahren in Tunis ist spannend. Die privaten Busse haben ungefähr deutsches Niveau, doch in den öffentlichen Bussen sollte man die Vorgehensweise kennen, um heile dort anzukommen, wo man hinmöchte. Denn zum einen werden die Busse voll – sehr voll! Man sollte sich also einen strategisch günstigen Platz suchen, um auch wieder rauszukommen. Zum anderen gibt es weder Durchsagen noch Anzeigen für die nächste Haltestelle und oft noch nicht einmal Haltestellen, so dass es von Vorteil ist, genau zu wissen, wann und wo man aussteigen muss. Oder man nimmt ein Taxi, aber auch da ist es besser, zu wissen, wo genau man hinmöchte. Straßennamen helfen einem nicht viel weiter. Besser ist es, ein Einkaufszentrum, einen Bahnhof oder ähnliches zu nennen und dann den Fahrer zu lotsen. Wenn man sich nicht auf Preisverhandlungen einlässt, sondern auf Taxameter besteht, ist Taxifahren in Tunesien extrem günstig. Für eine etwa 15-minütige Fahrt habe ich so um die zwei bis drei Euro gezahlt. Auch alle anderen Verkehrsmittel sind sehr günstig, so dass man wirklich viel reisen kann, ohne dafür viel Geld ausgeben zu müssen.

Ende April, kurz bevor ich nach Deutschland zurückgeflogen bin, habe ich mit meiner Mitbewohnerin einen mehrtägigen Ausflug in den Süden unternommen. Wir haben alle Verkehrsmittel einmal durchprobiert. Zum Übernachten kann ich ›Dars‹, tunesische Gasthäuser, sehr empfehlen. Diese gibt es in allen Städten und Preisklassen und man kann sich über das Internet mittels Fotos und Bewertungen ein relativ gutes Bild von dem jeweiligen Dar machen. Zuerst ging es mit dem Zug von Tunis über Sfax nach Gabès, einer Oase am Meer. Dort haben wir eine Moschee und ein Museum besucht, wo wir eine kleine Privatführung bekommen haben. Wir waren die einzigen Touristen ... Unsere Gastgeberin hat uns noch ein gutes Restaurant empfohlen, wo es nicht nur frischen Fisch, sondern auch wie überall in Tunesien und zu jeder Mahlzeit ›Harissa‹, eine sehr scharfe Chili-Gewürzpaste, gab. An die Schärfe hatte ich mich allerdings auch nach drei Monaten in Tunesien nicht gewöhnt ... Am nächsten Tag sind wir mit der Louage, einem tunesischen Sammeltaxi, das erst losfährt, wenn alle circa acht Plätze besetzt sind, weiter nach Douz gefahren. Dort, am ›Tor zur Sahara‹ haben wir die obligatorische Kameltour in die Wüste gemacht, leider mit viel Wind. Da wir auch in Douz fast die einzigen Touristen waren, wurden wir ohne Ende angesprochen. Nach dem zehnten »Salut, ça va?« haben wir entnervt den Spieß umgedreht und selbst angefangen, wahllos irgendwelche Tunesier anzusprechen. Die verdutzten Gesichter zu sehen, hat uns wieder aufgeheitert. Ich rate jedem Mädchen, das das ewige Angesprochenwerden leid ist, zu dieser Taktik, es macht echt Spaß! Mit einer weiteren Louage wollten wir am nächsten Tag über den großen Salzsee, den Chott El-Djerid, nach Tozeur, mussten aber erst einmal zwei Stunden warten, bis die Louage endlich voll war und wir schließlich losfahren konnten. In Tunesien lernt man Geduld! Eines der Wörter, die mir dort sehr oft begegnet sind, ist ›beschwaya-beschwaya‹, langsam, langsam. Abgesehen vom hektischen Tunis geht alles, vor allem im Süden, etwas gemächlicher zu. In Tozeur haben wir uns nach einer Nacht mitten in der Oase und einem Tag im Stadtzentrum vom Süden verabschiedet und uns mit dem Flugzeug wieder auf den Weg nach Tunis gemacht.

Ich bin froh, diese Reise trotz aller Bedenken (so kurz nach der Revolution und dann auch noch in eine Region unweit der libyschen Grenze und des Kriegsgebiets) gemacht zu haben. Denn so durfte ich sowohl das westliche Tunesien entlang der Küste als auch das traditionellere Tunesien im Landesinneren kennenlernen.

Text und Fotos: Laura Sundermann


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