Ärzte mit Kittel und Mundschutz bei OP in Malaysia
Foto: Christian Fleischhauer

Krankenhauspraktikum in Malaysia

Ein Hochhaus-Bankenviertel mit den berühmten Petronas Towers – sehr fortschrittlich und modern kommt Malaysia daher. Dass das allerdings nicht auf alle Lebensbereiche zutrifft, hat Christian schnell erkannt. Und dennoch: Das Land hat Charme - und Zukunft!

Malaysia – das klingt nach bissigen Tigern, Dschungelabenteuern und asiatischen Piratenprinzen mit Krummsäbeln. Doch weit gefehlt! Durch ein viermonatiges Praktikum in einem Krankenhaus in Malaysia konnte ich Facetten dieser fernen Kultur näher kennen lernen: ein fortschrittliches Land mit einem modernen Gesundheitssystem – aber auch mit irritierenden, humanitären Defiziten. Der Fortschritt ist in ganz Malaysia allgegenwärtig. Schon bei der Ankunft auf dem internationalen Flughafen von Kuala Lum pur gab es für mich die erste Überraschung.

Am Schalter für die malaiischen Einwohner – ganz ohne Grenzbeamte – gingen diese durch eine elektronische Schranke in eine kleine Kabine. Mittels Fingerabdruck wurde die Identität geprüft und schon war der Zugang ins eigene Land freigegeben. Klar, dass einem schnell auch andere Gedanken durch den Kopf gingen: Werden im Krankenhaus vielleicht die Operationen nur noch von Robotern durchgeführt!? Malaysia gehört zwar nicht zu den Tiger-, jedoch immerhin zu den Pantherstaaten, die sich binnen weniger Jahre von Entwicklungsländern zu Hightech-Produzenten gemausert haben.


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Nach seiner Unabhängigkeit vor 50 Jahren (knapp hundert Jahre als britische Kolonie) blieb Malaysia anfangs ein Agrarstaat. In den 90er Jahren jedoch kam der wirtschaftliche Aufschwung. Heute gilt das islamisch geprägte Land ökonomisch als einer der stabilsten Staaten Südostasiens. Das auffälligste Symbol für den Aufstieg Malaysias zu einer modernen Nation ist die Hauptstadt Kuala Lumpur. ‘KL’, wie die Bewohner ihre Stadt liebevoll nennen, ist eine moderne Millionenstadt mit der Glasfassaden-Architektur einer Hightech-Metropole. Weltweit bekannt sind die ‘Petronas Towers’ – mit 452 Metern die höchsten Zwillingstürme der Welt. Trotz des vielen Hightechs gestaltete sich der erste Tag im Krankenhaus ziemlich bürokratisch. Ähnlich wie bei uns in Deutschland musste alles aufgeschrieben, abgestempelt und natürlich nochmals mit Durchschlag abgeheftet werden. Im Anschluss an diesen ‘Bürokratie-Marathon’ erfolgte die Vorstellung beim Chefarzt der Abteilung für Anästhesie (Narkosemedizin) und Intensivmedizin. Gemeinsam mit drei anderen deutschen Studenten präsentierte uns der Chef der Klinik bei einer Krankenhausführung alle wichtigen Einrichtungen.

Religion auch im Krankenhaus

Bei dem Rundgang fiel uns auf, dass Religion im Alltag eine wichtige Rolle spielt. Für muslimische Malaien bot sich überall die Möglichkeit, in kleinen Räumen zu beten. Denn egal ob Patient oder Arzt – im Islam muss fünf Mal pro Tag gebetet werden. Für Frauen gilt übrigens, das traditionelle Kopftuch auch im Krankenhaus zu tragen. So ist es völlig normal, dass das weibliche Personal im Operationssaal ein spezielles Kopftuch auf hat. Bei unserer Führung durch die Klinik fühlten wir uns durch eine Vielzahl an Medizintechnik mit dem Logo ‘Made in Germany’ fast heimisch. Die Anfangs vermuteten Operations- Roboter habe ich jedoch nirgends gesehen! Nach der Führung wurden wir unserem Ärzte-Team vorgestellt. Alle waren sehr zuvorkommend und empfanden es als große Ehre, dass deutsche Studenten ein Praktikum in Malaysia absolvieren möchten. Jeder von uns wurde einem Mentor zugeteilt. Dieser war während unseres Praktikums direkter Ansprechpartner und Betreuer.

Mein Krankenhauspraktikum in Malaysia

Für mich war Dr. Mohammad, der leitende Oberarzt, zuständig. Da er für den Dienstplan verantwortlich war, trug er mich sogleich auch in den normalen OP-Betrieb mit ein. Gemeinsam mit einem House Officer (Assistenzarzt) und einem Lecturer / Consultant (Oberarzt) war ich im OP-Saal für die Anästhesie (Narkose) zuständig. Meine Aufgaben gestalteten sich hier sehr vielfältig. Meist konnte ich einen Patienten bei der Narkoseeinleitung komplett betreuen. Auch die Narkoseführung sowie -ausleitung führte ich mit einem Kollegen und natürlich Dr. Mohammad gemeinsam durch. Zu meiner Überraschung waren die Krankheitsbilder übrigens vollkommen ähnlich denen westlicher Länder. Im OP fanden sich genau wie in Deutschland Patienten mit Diabetes, Koronarer Herzkrankheit oder Tumoren. Auch Operationstechniken und Behandlungsmethoden bzw. Therapien orientierten sich stark an denen unsrigen. Überraschend war für mich, dass typische Tropen- oder Infektionskrankheiten wie Malaria, Cholera oder Lepra eher selten vorkamen. Einzig, wenn die Patienten aus ländlichen Regionen kamen, gab es interessante Fälle wie z.B. eine fast fußballgroße Schilddrüse zu sehen! Ne - ben der Einteilung auf der Anästhesie bestand auch die Möglichkeit, im Schockraum mitzuarbeiten. Da Patienten dort häufig nur minimal versorgt ins Krankenhaus kommen, herrschte beim ganzen Team natürlich große Anspannung, wenn jemand mit schweren Verletzungen oder nach einem Verkehrsunfall angekündigt wurde. Trotzdem kannten alle ihren Platz und auch wir wurden als fast vollwertige Arbeitskraft mit ins Team integriert. In den Arbeitsbereichen des Krankenhauses fiel uns immer wieder der Mix der Kulturen bzw. der Religionen auf. Dass Malaysia lange Zeit Immigrationsland war, zeigt sich überall im täglichen Leben. Von den circa 24 Millionen Einwohnern sind nur 60 Prozent muslimische Malaien, 28 Prozent sind Chinesen und sieben Prozent Inder.

Fortschritt  versus Religionsunterdrückung

Diese offenbart schier unfassbare Defizite: Bei der Vergabe von Arbeits- und Studienplätzen bevorzugt der Staat Muslime gegenüber Andersgläubigen. Eine Pressefreiheit existiert nur bedingt, denn viele öffentlich angebotenen Publikationen unterliegen einer Zensur durch das fast allmächtige Parteienbündnis ‘Umno’, das seit Jahrzehnten die Regierung stellt. Die Opposition wird unterdrückt. Laut amnesty international (ai) weigert man sich zudem beharrlich, die immens wichtigen UN-Konventionen gegen Folter und andere unmenschliche Strafen zu ratifizieren. Die Justiz kann beispielsweise Menschen ohne Anklage bis zu zwei Jahren einsperren – und zwar beliebig oft! Hinzukommt, dass der Islam nach dem Grundgesetz Staatsreligion ist. So sind nach der Verfassung des Landes alle ethnischen Malaien von Geburt automatisch Muslime. Die Heirat eines Andersgläubigen ist verboten. Vom Islam zu einer anderen Religion zu konvertieren, ist mühsam und kann unter Umständen die Überstellung in ein Umerziehungslager bedeuten. Und das, obwohl die Religionsfreiheit in der malaiischen Verfassung festgeschrieben ist!

Zumindest in der Uniklinik funktioniert jedoch das Zusammenleben zwischen Muslimen und Nichtmuslimen hervorragend. Hat z.B. eine Religion einen Feiertag, gilt auch für die anderen Religionen der Tag als freier Tag. So konnten auch wir von dem einen oder anderen freien Tag profitieren. Und auch kulinarisch ist die Vielfalt des Landes eine Offenbarung: Zum Abschluss des Praktikums führte uns mein Mentor Dr. Mohammad in eines der besten ‘Satay’-Restaurants Kuala Lum purs. ‘Satays’, das sind marinierte Grillspieße mit einer Erdnuss-Sauce. Wahlweise kann man die Spieße aber auch mit einer roten Sauce namens ‘ket-tsiap’ genießen. Diese gilt als chinesisch-malaiische Spezialität, die britische Seefahrer im 17. Jahrhundert nach Europa brachten und bei uns mittlerweile jedes Kind kennt. Landläufig reden wir von Ketchup. Nach dieser Entdeckung ist mir klar: Ein Volk, das solche kulinarischen Welthits kreiert, ist ausreichend findig, irgendwann seine hausgemachten Probleme in den Griff zu bekommen!


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