Kreml in Moskau

Praktikum in Moskau: New York des Ostens

Gierig und protzig, schmutzig und korrupt: Es ist leicht, über Moskau schlecht zu reden und schwierig, die Stadt zu mögen. Sven hat sich allen Gerüchten zum Trotz auf die Metropole eingelassen und seine Reise nicht bereut - im Gegenteil…

Auf den letzten Drücker, das heißt auf dem Flug von München nach Moskau, versuchte ich mir ein paar Wörter russisch einzuprägen, um mich im Land der einstigen Zaren wenigstens ein bisschen verständigen zu können. Je näher ich aber meinem Bestimmungsort kam, desto häufiger ließ ich mich von den zahlreichen Geschichten über Raub, Mord und Fremdenfeindlichkeit ablenken, die ich in Internetforen gelesen oder von Bekannten gehört hatte. Allerdings hielt ich noch nie viel von Gerüchten, und da ich schon immer mal nach Russland wollte, war das Praktikum im Deutschen Historischen Institut (DHI) die optimale Gelegenheit dazu. So kam es also, dass ich Mitte November auf dem Flughafen ‘Moskau-Domodedovo’ landete und die Millionen-Metropole für drei Monate mein zu Hause nennen durfte.


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Moskau, Minus 15 Grad. Die Friseur hält

Nein, tut sie nicht! Da der Winter samt Schnee und Eiseskälte in der Hauptstadt schon im Oktober anfängt, hält man es nur mit dickem Mantel und Mütze draußen aus. Die Russen sind das natürlich gewohnt und erkennen sofort, wer den Temperaturen mit Leichtigkeit trotzen kann und wer als ‘Tourist’ dick eingehüllt noch am Frieren ist. Das war wohl auch einer der Gründe, warum gleich am ersten Tag ein kleiner dicker Milizbeamter meinen Mitbewohner und mich ansprach. Natürlich fand er sofort ein gravierendes Problem bei unseren Pässen und Visa, was uns eine Menge Ärger und eine Nacht auf dem Polizeirevier einbringen könnte. Wir verstanden sofort, was er wollte und nachdem wir ihm 500 Rubel (circa 12 Euro) in einer leeren Zigarettenschachtel zugesteckt hatten, schien das Problem gelöst zu sein und er wünschte uns noch einen schönen Tag.

Trotz des Vorfalls waren die ersten Tage in der Stadt überwältigend und meine Kamera im Dauereinsatz – immer auf der Jagd nach dem perfekten Foto. Die bekannten Gebäude, wie der Kreml, Lenins Mausoleum und die Basiliuskathedrale umgeben majestätisch und prunkvoll den Roten Platz, auf dem jedes Jahr zahlreiche Militärparaden vor Russlands Politprominenz aufgeführt werden. Vor allem aber die Architektur der russischen Gebäude beeindruckt mich, da fast an jeder Fassade noch die tote Sowjetzeit in Form von roten Sternen, Hammer & Sichel oder durch Lenins Abbild zu erkennen ist. Auch in den meisten Metrostationen finden sich die gleichen kommunistischen Überbleibsel. Da Moskau wirklich eine riesige Stadt und alleine kaum zu überblicken ist, half mir mein Mitbewohner sehr, mich in der Stadt zurechtzufinden, und erklärte mir die Do’s and Dont’s in Bezug auf die (bestechliche) Miliz, das Einkaufen und das Sightseeing.

Gewohnt haben wir zu zweit in einem Plattenbau im Nordosten von Moskau, der auf den ers - ten Blick weder sicher noch sauber zu sein schien. Die Wohnung im siebten Stock war aber für russische Verhältnisse sehr gut ausgestattet und verfügte über alle gängigen Küchengeräte, fließend Warmwasser und sogar Telefon und Internet. Mein Mitbewohner war halb Kasache, halb Deutscher und erhielt vom DHI ein Stipendium für seine Forschungsarbeit, die er in Moskau betrieb. Ein Glück für mich, denn er sprach dadurch sehr gut deutsch und russisch. Ein wirklich praktischer Vorteil war, dass das DHI unsere Wohnung organisierte und bezahlte. Man kann es kaum glauben, aber für eine geräumige Wohnung im Stadtzentrum beträgt die Miete gerne mal bis zu 2.000 US-Dollar pro Woche. Kein Wunder also, dass Moskau mittlerweile zur teuersten Stadt der Welt aufgestiegen ist und London oder New York überholt hat. Unter diesen Umständen war ich natürlich heilfroh, dass mir die Wohnungssuche erspart geblieben ist.

Mein Aufgabenbereich in Moskau

Mein Arbeitsplatz befand sich in der Bibliothek des Instituts. Meistens beschränkten sich meine Aufgaben auf das Recherchieren von Büchern und Zeitschriften für Nutzer und die dort ansässigen deutschen und russischen Wissenschaftler. Nebenher war es auch mein Job, neue Medien online einzukaufen und die teilweise internationale Übersendung ins DHI abzuwickeln. Stress kam eher selten auf – bei durchschnittlich sechs Besuchern pro Tag auch kaum möglich. Mit meinem Chef und den restlichen Mitarbeitern verstand ich mich sehr gut, alle waren wirklich nett und ein- bis zweimal pro Woche gingen wir alle zusammen nach der Arbeit in das gegenüberliegende Restaurant und stießen auf die deutsch-russische Freundschaft an. Die Putzfrau hat mich besonders in ihr Herz geschlossen, da sie sich wohl zum Ziel gesetzt hat mich innerhalb der drei Monate mit ihrer Enkelin zu verkuppeln – jedoch ohne Erfolg. Etwa zweimal die Woche brachte sie selbst gemachte Blinys, Kuchen und Wodka mit, sodass um 11 Uhr morgens während der Arbeit schon der erste Schnaps getrunken wurde. Ich war nicht traurig, dass ich kaum mit Nutzern in Kontakt kam, denn mehr als ein Schulterzucken hätten sie von mir nicht erwarten können. So kamen für mich vor allem solche Aufgaben in Frage, die allgemein anfielen und wofür sonst keiner Zeit hatte.

Da mein Mitbewohner schon so gut wie alle kulturellen Highlights der Stadt kannte, klapperte ich an den Wochenenden häufig alleine die unzähligen Museen, Galerien und Ausstellungen ab. Die Russen sind mächtig stolz auf ihre Dichter und Maler, sodass jedem, der es zu internationalem Ruhm gebracht hat, ein eigenes Museum gewidmet wird. Also besuchte ich auf Empfehlung meines Chefs jene Museen, die man als ‘Wessi’ unbedingt gesehen haben muss. Dazu zählen vor allem das Tolstojhaus, das Alexander-Puschkin-Museum und auch das Nowodewitschij-Kloster. Beim Letzteren lernte ich einen Koreaner kennen, der wie ich kaum ein Wort russisch verstand, und wir zogen gemeinsam von früh bis spät durch die Stadt. Gelohnt hat es sich allemal. Neben gigantischen Kriegsdenkmälern und berühmten VIP-Friedhöfen sind vor allem die Kathedralen ein absolutes Highlight. Vollgestopft mit Ikonen, vergoldeten Wänden und aufwändigen Verzierungen sind sie eine Anlaufstelle für Jung und Alt. Viele Russen sind extrem gläubig und verehren die russisch-orthodoxen Priester sehr.

Nicht selten sind bei besonderen Predigten ganze Fernsehteams vor Ort, um die Andacht live im Fernsehen zu übertragen. Abends gönnten wir uns ein ausgiebiges Essen in einem der vielen Feinschmeckerrestaurants, in denen die Kellner sogar englisch sprechen. Die Rechnung war wie das Essen: gesalzen. Aber man kommt ja nicht jedes Jahr nach Moskau. Deshalb nahmen wir noch einen Wodka, bevor mein koreanischer Freund am nächsten Morgen in Richtung St. Petersburg aufbrach.

Auf nach St. Petersburg!

Gegen Ende meines Aufenthaltes planten auch mein Mitbewohner, seine Cousine und ich ein langes Wochenende ins 800 Kilometer nördlich gelegene St. Petersburg. Fliegen kam leider nicht in Frage, da langsam das Geld knapp wurde und so blieb als einzige Alternative eine zehnstündige Nonstop-Fahrt in einem russischen Nachtzug, made in DDR. Die Strapazen haben sich gelohnt. Jede Menge nette Leute, tolle Kneipen und auch kulturell ein absolutes Highlight.

Glücklicherweise kam es während meiner restlichen Zeit in Russland zu keinen weiteren Zwischenfällen oder Bestechungen, weder in St. Petersburg noch in Moskau. Sicherlich wäre es falsch zu sagen, dass Moskau für Fremde ungefährlich ist, aber bestimmt nicht schlimmer als London, Paris oder Berlin. Ich jedenfalls bin immer noch von der Mentalität der Russen, den Städten und vom Charakter des Landes tief beeindruckt. Ich kann jedem nur empfehlen, am Weihnachtsmarkt auf dem Roten Platz mal ein Gläschen Wodka zu heben. Sa wasche sdarow’je (Prost)!

Text & Fotos: Philipp Leinenkugel


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