Junge Frau auf dem Everest Base Camp

Praktikum in Nepal: Wo Gast Gott heißt

In über 5.000 Metern bei völlig fremden Familien auf einen Tee einkehren? Julia erlebt in Nepal unglaubliche Gastfreundschaft und farbenfrohe Feste

Mein Abenteuer begann gleich nach dem Verlassen des Flughafens in Kathmandu, wo ich fünf Monate verbringen wollte. Kaum aus der Tür, fühlte ich mich wie erschlagen von einer Wand aus schwüler Luft und fremden Gerüchen. Während der Taxifahrt dachte ich nur daran, dass ich mit Sicherheit überfahren werde, wenn ich einen Fuß auf die viel befahrenen Straßen setze. Verkehrsregeln konnte ich keine ausmachen. Der Kulturschock traf mich mit voller Härte – also nahm ich mir vor, in kleinen Schritten zu denken, über die Straße zu gehen und die erste Woche abzuwarten – anstatt überstürzt nach Deutschland zurückzufliegen.

Das Abenteuer beginnt

Der Schock war jedoch zum Glück schnell überwunden und wurde von meiner Neugier, spannenden Erlebnisse und neuen Freundschaften verdrängt. In den ersten Tagen standen die beeindruckenden Sehenswürdigkeiten der quirligen Hauptstadt Nepals mit etwa einer Million Einwohnern auf der Liste: die Totenverbrennungsstätte Pashupathinath am Bagmati-Fluss - die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt - und die größte Stupa Asiens in Bodnath. Stupas sind buddhistische Bauwerke, die dem Frieden gewidmet sind.

Der eigentliche Grund meines Aufenthalts war jedoch mein Praktikum bei einer Trekkingagentur. An meinem ersten Arbeitstag redeten meine nepalesischen Kollegen kaum mit mir. Und wegen ihres starken Akzents hatte ich auch auf Englisch Probleme. Nach kurzer Zeit wurden wir aber warm miteinander. Die Kollegen verloren ihre Scheu und fingen sogar an, mir ganz von selbst Witze zu erzählen. Eine Kollegin lud mich dann noch zu ihrer Familie ein, um das größte Fest des Jahres zu feiern, das Dashain-Festival.

Mein Aufgaben im Praktikum

Meine Aufgaben im Praktikum waren sehr vielfältig. Einerseits gab es eine Menge im Büro für mich zu tun: Tourenprogramme schreiben und Übersetzungen anfertigen. In der Trekkingagentur arbeiteten wir lustigerweise noch regelmäßig mit uralten Faxgeräten und handschriftlichen Notizen. Andererseits durfte ich auch Touristengruppen vom Flughafen abholen und ins Hotel bringen oder diese zu einer Stadtführung begleiten. Ein Arbeitstag begann bei uns üblicherweise gegen zehn Uhr oder halb elf. Vor zehn Uhr war aber niemand im Büro anzutreffen, da die Nepalis vormittags ihre Hausarbeit erledigen. Zu Mittag wurde stets frisch gekocht und zwar das Nationalgericht Dhal Bhat (Reis mit Linsen und Gemüse), was in Nepal zwei Mal am Tag gegessen wird. Bei meiner Gastfamilie war das nicht anders – im Büro hatten wir aber Gott sei Dank mehr Variation. Jeder Tag war strukturiert durch zahlreiche Teepausen, in denen wir den typischen nepalesischen Schwarztee, gesüßt mit gefühlten zehn Löffeln Zucker, genossen und uns austauschten. Um die „verlorene“ Arbeitszeit wieder aufzuholen, ist die sechstägige Arbeitswoche in Nepal allgemein üblich.

In meiner Gastfamilie hatte ich ein eigenes Zimmer mit einem extrem harten Bett. Dies sei ganz normal hier, wurde mir erklärt. Oft ist das Bett tatsächlich nur eine Holz- oder Steinpritsche mit einer dünnen Matratze darauf. Die Nepalis sind jedenfalls damit zufrieden – sie glauben, ein hartes Bett sei das beste Mittel gegen Rückenschmerzen. Auch ein „modernes westliches“ Bad gab es gleich neben meinem Zimmer. Wobei modern und westlich bedeutete, dass es zwar eine Dusche gab aber kein warmes Wasser.

Das Land Nepal entdecken

Nachdem ich mich an die Gegebenheiten und den chaotischen Verkehr gewöhnt hatte, unternahm ich einige Ausflüge: Beispielsweise ins Touristenviertel Thamel, wo man auf Schritt und Tritt von Verkäufern begleitet und angesprochen wird. Dort sind auch einige der wenigen Bars und Clubs des ganzen Landes. Im Allgemeinen gehen Nepalis jedoch nicht oft oder gerne aus. Sie feiern lieber im Kreise ihrer Familie die zahlreichen religiösen Feste (davon gibt es mehr als Tage im Jahr) oder Familienfeiern wie Hochzeiten, die immer mehrere Tage lang andauern. Dennoch gingen wir abends ab und zu in die ein oder andere Bar, mussten dabei aber jedes Mal etwa gegen 18 Uhr starten, da um etwa 22 Uhr der Barbesitzer unruhig wurde und uns zu fragen anfing, wann wir denn gehen wollen.

Nachdem mein Praktikum beendet war, wollte ich auf jeden Fall noch die beeindruckende Bergwelt des Himalaya aus der Nähe bestaunen und wanderte zum Everest Base Camp sowie um das Annapurna-Massiv, was bis heute mit Abstand meine schönsten und faszinierendsten Erlebnisse sind. Einen weiteren Ausflug unternahm ich über Silvester nach Pokhara, der zweitgrößten Stadt des Landes, um auf einem Streetfestival ins neue Jahr zu feiern.

Ins Herz geschlossen: Land und Leute in Nepal

Gegen Ende meines Aufenthalts war klar: Ich hatte mich in dieses Land mit seinen gastfreundlichen Menschen verliebt (das nepalesische Wort für Gast bedeutet wortwörtlich Gott!) und wollte nicht mehr weg. Vieles in diesem Land war ganz anders, als ich es mir jemals vorgestellt habe. Wer in Nepal jemanden besuchen möchte, kommt einfach spontan vorbei und wird mit Sicherheit zu einem Tee und Essen eingeladen. Auch herrscht eine vollkommen andere Zeitwahrnehmung. Für eine Strecke von 200 Kilometer musste ich mit sieben Stunden Fahrt rechnen. Zum einen wegen schlechter Straßen und alten Verkehrsmitteln. Außerdem teilen die Nepalis sich ihre Zeit auch anders ein. Sie machen gerne alle zwei Stunden eine kleine Essenspause und vertreten sich etwas die Beine. Stress? Ein Fremdwort. Im Bus zahlt man noch direkt beim Busfahrer und sagt ihm, wo man aussteigen muss. Außerdem kann man davon ausgehen, am Ende der Fahrt sämtliche Mitfahrenden kennengelernt zu haben. Alle sind wie eine große Familie, denn man spricht sich üblicherweise mit Familienbezeichnungen an, wie Didi – ältere Schwester oder Dhai – älterer Bruder. Vor allem solche Details und die asiatische Mentalität im Allgemeinen waren Erfahrungen von unschätzbarem Wert für mich. 


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