Mann vor rot-weiß-blau gestreifter Wand in Paraguay

Praktikumssemester in Paraguay

Für sein Pflichtpraktikum zog es den Stuttgarter Studenten Hugo zurück in sein Heimatland Paraguay. Ein Erlebnisbericht

Eine fast schlaflose Nacht beim Überqueren des Atlantiks und eine Strecke von über 10.000 Kilometern hatte ich bereits hinter mir. Mein Sitzplatz neben dem Gang, im hinteren Teil des Flugzeugs, ließ mich nur wenig über unsere Position erahnen. Durch mein Fenster konnte ich nichts als den grauen, regnerischen Himmel sehen. Dennoch konnte ich bald die Nähe meines Ziels spüren, als der Sonnenschein den dunklen Himmel plötzlich durchstrahlte und den Innenraum des Flugzeugs mit Licht und Wärme füllte. Da fühlte ich mich vom südamerikanischen Spätsommer begrüßt und freute mich umso mehr auf ein ganzes Semester daheim!
 

Praktikum in Asunción

Mein Ziel war Asunción, die Hauptstadt Paraguays. Dieses Binnenland im Herzen Südamerikas, etwa so groß wie Deutschland, liegt zwischen den zwei Riesen Brasilien und Argentinien. Im Gegensatz zu der Wahl meines Studiengangs, Werbung und Marktkommunikation in Stuttgart, traf ich die Entscheidung für ein Praktikum zu Hause, denn ich komme aus Asunción, eher spontan. Nicht nur die meisten Werbeagenturen haben in Asunción ihren Sitz, sondern ganz allgemein der größte Teil des Arbeitsmarktes in Paraguay konzentriert sich dort. Daher habe ich nicht, wie ich es in Deutschland gewöhnt war, nach Stellenanzeigen recherchiert, sondern direkt bei den einzelnen Agenturen und Unternehmen nach Praktikumsplätzen gefragt.

Die Anfragen erfolgten zunächst per Email, Geschäftssprache ist Spanisch. Danach folgte eine schriftliche Bewerbung – ebenso elektronisch – sowie ein kurzes Telefoninterview mit jedem potenziellen Arbeitgeber. Diese Vorgehensweise hat gut funktioniert. Im Fall von Werbeagenturen kam ich sogar oft mit deren Inhabern persönlich ins Gespräch. Das war natürlich super, denn man konnte die Stimmungslage abchecken und einen guten Eindruck direkt bei den Chefs hinterlassen. Bei den Gesprächen war es wichtig, die Fähigkeiten und Erwartungen, die man als Bewerber mitbringt, ansprechend zu schildern. Im Laufe der nächsten Wochen bekam ich mehrere Zusagen. Bei der Qual der Wahl war mir Eines klar: Innerhalb meines Praxissemesters wollte ich möglichst viel erleben. Und so entschied ich mich für ein dreiteiliges Praktikum von jeweils zwei Monaten: zunächst in einer PR- und dann in zwei Werbeagenturen.

Ein Praktikum in drei Agenturen: Auswahl

Praktika werden von Unternehmen gern als reine Lernzeiten angesehen. Vergütungen sind daher selten. Die Interviews mit den Agenturinhabern fand ich diesbezüglich sehr wichtig. Denn am Telefon die eigenen Stärken hervorzuheben und ein professionelles Image zu hinterlassen, schaffte Spielraum für eine Lohnverhandlung. So konnte ich für jedes Praktikum den dort geltenden gesetzlichen Mindestlohn vereinbaren: etwa 320 Euro monatlich, für einen Praktikanten in Paraguay keine schlechte Summe. Den Lebensunterhalt damit zu finanzieren war machbar, abgesehen von einem Dach über den Kopf. Zimmer im Stadtzentrum sind teuer und schwer zu finden. Manche Familien bieten Gästezimmer an, die allerdings nicht viel günstiger sind. Das Wohnen in einem Familienhaus hat jedoch einen klaren Vorteil: das Kennenlernen von Leuten und des paraguayischen Familienlebens.

Ich hatte natürlich das große Glück, während meines Aufenthalts bei meinen Großeltern zu wohnen. Daher musste ich mich nicht um das Arrangieren eines Zimmers kümmern. Ganz im Gegenteil, ich nutzte alle Mittel, um mobil zu bleiben. Schon in der ersten Woche habe ich die Fahrpläne und die damit verbundene Pünktlichkeit öffentlicher Verkehrsmittel schrecklich vermisst: wartende Passagiere müssen in Asunción geduldig sein. Busse halten nicht an festgelegten Haltestellen, sondern überall. Wann und ob sie die vorgegebenen Strecken fahren, ist Glückssache. Da ich deshalb nicht von Bussen abhängig sein wollte, kaufte ich mir einen Motorroller für circa 200 Euro. Der lässigen Haltung zur Zeit begegnet man allerdings nicht nur im Straßenverkehr, sondern in jedem Lebensbereich der Paraguayer. Der alltägliche Umgang untereinander ist locker und unverbindlich. Bekanntschaften konnte ich schnell knüpfen.

Praktikum in Paraguay: Wochenendprogramm

An den Wochenenden war ich oft unterwegs. Mit meinen vielen Cousins und Cousinen unternahm ich viel – Familien sind mit durchschnittlich 4,6 Mitgliedern relativ groß, und so ist es auch meine. Egal ob es darum ging, ein Fußballspiel im Stadion zu erleben, den Karneval in Asunción zu besuchen oder eine Stadtrundfahrt mit dem Motorrad zu unternehmen: Es waren immer Freunde oder Familienangehörige dabei. Am liebsten bin ich jedoch aufs Land gefahren. Einmal sind wir zum fast unbewohnten ›Chaco‹ gefahren, einer Region im Westen mit Trockenwäldern und Dornbuschsavannen. Eine großartige Erfahrung, denn die Luftverschmutzung ist hier verschwindend gering. Mittags grillten wir Rindfleisch. Und nachts lohnte es sich alle Laternen auszumachen, in den Gesang von Kröten zu versinken und das scharfe Funkeln der Sterne im schwarzen Himmel zu genießen.

Von Montag bis Freitag habe ich, je nach Praktikumsstelle, unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Die zwei Monate in der ersten Agentur waren nicht besonders anregend. Es gab wenig zu tun. Meine Rolle entsprach eher dem eines Klischeepraktikanten, dessen Aufgabengebiete sich auf die Kaffeemaschine und das Kopiergerät beschränkten. Auf die zweite Stelle freute ich mich daher und dort wurde es auch besser. Heimische Praktikanten erhielten allerdings mehr Verantwortung als ich, da deren Praktika längerfristig geplant waren. Demensprechend wurde mehr Zeit in sie investiert, wie mir der Chef der Abteilung einmal erklärte.

Die besten Erfahrungen machte ich bei meiner dritten Station. Es handelte sich um eine kleine Werbeagentur mit jüngerem Personal und erfahrener Führung, bei der ich mich frei fühlte und stark entfalten konnte. Vom ersten Tag an habe ich Verantwortung für kleinere Projekte bekommen und an jedem Meeting aktiv teilgenommen. Es war mir möglich, tiefe Einblicke in die Kundenberatung und Kreation zu gewinnen. Traumhaft für jeden Praktikanten in der Werbebranche! Aber alles Gute hat ein Ende. Das bunte Treiben auf den Straßen, das tolle Wetter, die Fröhlichkeit der Menschen – trotz der schlechten Finanzlage im ganzen Land – sowie die überwiegend positiven Erfahrungen während meiner Praktika nehme ich als großartige Erinnerungen mit nach Hause. Etwas nostalgisch blicke ich auf meine Zeit dort zurück – aber auch mit neuer Lebenslust.


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