Comic: gelbes Gesicht mit Lupe vor einem Auge

Geisteswissenschaftler: Wir brauchen euch!

Ein Plädoyer für die Geisteswissenschaften und gegen die Frage: 'Und was machst du dann nach dem Studium?' Wir gehen auf Spurensuche, welche Branchen genau dich als Geisti suchen!

Leicht hatten sie es ja noch nie, die Disziplinen der Geisteswissenschaften. Gar teilweise als Kuschelfächer belächelt, als langjährige Vorbereitungsphase für den Taxiführerschein denunziert oder als Grundlage für die Antwort ›alles und nichts‹ auf die Frage ›Was machst’n damit?‹ verwendet. Jaja, was haben wir alle gelacht. Mögen sich manche Dinge ändern – die geistreichen Witze über die Geistis halten sich seit Jahren in einer Dauerschleife. Da wir uns unglücklicherweise auch noch im Zeitalter des Fachkräftemangels befinden und MINT gerade der letzte Schrei ist, wird man manchmal das Gefühl nicht los, dass alles Nicht-MINT-mäßige ein trauriges Schattendasein fristet.

Zeit, dem Schatten die Grundlage durch leuchtende Beispiele zu nehmen: Wir beginnen mit Stephan Anpalagan, der eigentlich als Englisch- und Religionslehrer in die Entwicklungshilfe gehen und Schulen in der dritten Welt aufbauen wollte. Eigentlich. Denn nach zwei Semestern hat der heute 30-Jährige festgestellt, dass weder das Lehramt seinen Neigungen entspricht, noch das Anglistik-Studium seinen Interessen:

»Deshalb habe ich mich ohne konkretes Berufsziel für das Theologiestudium entschieden«, erzählt Anpalagan.

Die evangelische Theologie zeichne sich wie kaum eine andere Disziplin durch ihre Vielseitigkeit aus, bilde in der Kirchengeschichte Anknüpfungspunkte an die Geschichtswissenschaft, in altem und neuen Testament an die Literaturwissenschaft und in praktischer Theologie an die Sozialwissenschaft, beschreibt er seine Begeisterung für das Fach. So viel zum theoretischen Teil, nun zur Praxis: Bereits während seines Studiums hat er durchgehend als Werkstudent in internationalen Technologie- und Industrieunternehmen gearbeitet, weshalb ihm der Blick auf die Wirtschaftswelt aus der Perspektive eines Geisteswissenschaftlers nie fremd war. Heute arbeitet Anpalagan als HR-Manager bei mfi/unibail-rodamco, einem der größten börsennotierten Immobilienkonzerne Europas. Er weiß demnach ganz genau, was Geisteswissenschaftler mitbringen sollten, wenn sie sich für eine Tätigkeit in einem schnellen und herausfordernden Unternehmensumfeld entscheiden:

»Wer als Quereinsteiger erfolgreich sein möchte, muss lernen, sich auf neue Systeme und Menschen einzulassen. Affinität zu Problemlösung, Frustrationstoleranz und dem Willen, sich in neue Themengebiete einzufinden, sind sicherlich die wichtigsten Voraussetzungen.«

Dass die im Studium gesammelten Erfahrungen im Berufsleben nur von Vorteil sind, weiß auch Wiebke Hoffmann. Die 30-Jährige hat European Studies auf Bachelor in Magdeburg studiert, den M.A. in ›Political Science‹ an der State University of New York in Buffalo draufgelegt. Momentan befindet sie sich im ›Doctorate Leave‹ zur Promotion im Promotionsstudiengang ›Politics and Management‹ an der Uni Konstanz. Hoffmann ist Geisteswissenschaftlerin durch und durch – und Managerin bei A.T. Kearney. Ursprünglich wollte sie Journalistin werden, weshalb sie viele Praktika in diesem Bereich gemacht hat: »Am meisten gefiel mir, mich immer wieder in neue Themen einzuarbeiten und neue Menschen kennenzulernen.« Es war zu Beginn ihres Masterstudiums als ihr bewusst wurde, dass es doch nicht in den Journalismus gehen sollte – genau diese Komponenten hat sie aber auch in ihrer Tätigkeit als Beraterin gefunden. Bevor sie bei A.T. Kearney eingestiegen ist, dachte sie, dass ihr Fachwissen aus dem Studium nur wenig Relevanz hätte. Heute weiß sie, dass dem nicht so ist: »Ich habe unter anderem längere Zeit an einer Studie zur Zukunft Deutschlands mitgearbeitet. Dabei ging es auch um politische und sozialrelevante Themen wie die Zukunft der Gesellschaft.« Sie habe sich nie von dem Stigma Geistes- oder Sozialwissenschaften abschrecken und sich auch von neuen Methoden im Studium nicht verunsichern lassen. Ebenso wenig habe sie sich in ihrem Beruf als Beraterin hinter dem »Label der Exotin« versteckt, sondern sich ihre Vorteile zu Nutze gemacht: »Um dorthin zu kommen, wo ich heute bin, habe ich mich und meine Entscheidungen immer wieder hinterfragt und war bereit, vom vorgezeichneten Weg abzuweichen. Dieser Mut, das zu machen, was mir Spaß macht und was ich für richtig halte, hat mich bis heute geprägt und hat sicher einen großen Beitrag dazu geleistet, dass ich heute Managerin bei A.T. Kearney bin.«

Alexander Günther ist bereits während seines Studiums bei seinem heutigen Arbeitgeber eingestiegen. Der 29-Jährige hat als Nebenjob an der Kasse bei Ikea begonnen ist und ist heute Teamassistent Customer Service. »Ich hätte nie gedacht, dass ich diese Entwicklung nehmen würde. Aber ich habe immer gemerkt, welche Möglichkeiten ich bei Ikea habe, mich hier persönlich sowie fachlich zu entwickeln und trotzdem individuell zu bleiben. Da ich im Kundenservice viel Kontakt mit Menschen habe, bleibt auch immer der soziale Bezug für mich erhalten.« Denn ursprünglich wollte Günther Grundschullehrer werden. Bereits während des Studiums hat er aber bemerkt, dass ihn das Fach nicht so erfüllt wie erwartet. Da er aber im sozialen Bereich bleiben wollte, fiel seine Entscheidung auf Erziehungswissenschaften. Als er kurz davor war, das Studium zu beenden, bekam er bei Ikea die Chance, seinen nächsten Entwicklungsschritt zu gehen: »Zuerst habe ich meine Bachelorarbeit auf Eis gelegt und mich auf die Entwicklung bei Ikea konzentriert.« Letztlich fiel seine Entscheidung zugunsten seiner Karriere – für ihn der richtige Schritt.

Der Schritt vom Kassierer zur Führungskraft war anfangs nicht einfach für ihn. Die Mitarbeiter haben ihn von Anfang an akzeptiert, was ihm den Weg sehr erleichtert hat – ebenso wie die Möglichkeiten, die das Studium ihm gegeben haben. Außerdem hat er gemerkt, dass vieles von dem, was er gelernt hatte nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis funktioniert: »Vor allem in Gesprächen und Konfliktsituationen konnte ich auf vieles aus meinem Studium zurückgreifen. In meinem ersten Semester habe ich ein Seminar in Kommunikationswissenschaften besucht – aus diesem Bereich wende ich im Alltag vieles an.«

Seiner Meinung nach zeichnen sich Geisteswissenschaftler allgemein durch ein breit gefächertes Wissen und einer großen Offenheit gegenüber vielen Dingen aus. Auch dadurch, dass Geisteswissenschaftler im Studium – anders als Jura- oder Lehramtsstudenten – nicht direkt auf ein klares Ziel hinarbeiten. Denn dadurch sei man gezwungen, selbstständig herauszufinden, wohin der eigene Weg hingehen soll, so Günther weiter. Dafür sind die Wege auch vielfältiger und es gibt wohl kaum so viele Nischen wie für Geisteswissenschaftler. Zudem wäre unsere Wirtschaft ohne sie nicht das, was sie heute ist. Davon ist auch Wiebke Hoffmann von A.T. Kearney überzeugt: »Nur ein breites Spektrum an Denk- und Lösungsansätzen bringt uns wirtschaftlich und gesellschaftlich weiter. Die kreativsten und besten Lösungen werden erarbeitet, wenn Teams diverse Hintergründe – sei es kulturell oder durch das Studium – haben.« Dem kann Alexander Günther nur zustimmen: »Gerade Geisteswissenschaftler sorgen dafür, bestimmte Prozesse kritisch zu hinterfragen und darauf aufmerksam zu machen, nicht alles als gegeben hinzunehmen.« Und somit wäre auch die Antwort auf die Frage ›Was machst’n damit?‹ gefunden. 


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