Leben als Kriegsreporter: Julian Reichelt im Interview

Seine Arbeit als ‚Bild’-Chefreporter führt Julian Reichelt immer wieder in Kriegs- und Krisengebiete. Ein Job der viel fordert, aber auch bereichert.

drei Krieger im Dienst
Julian Reichelt in der afghanischen Provinz Helmand im Januar 2010 auf einer Patrouille mit US Marines Andreas Thele

Kriegsreporter werden

Herr Reichelt, welche Rolle spielt Abenteuerlust in Ihrem Beruf?  Es ist weniger die Abenteuerlust als die Faszination, Menschen in Grenzsituationen zu erleben, wie sie in Kriegen, Krisen und Katastrophen herrschen. In solchen Situationen kann man Menschen sehr nahe kommen und erfahren, was sie wirklich bewegt. Viele Dinge werden unwichtig – plötzlich geht es nur noch ums nackte Überleben. Solche Katastrophen beseitigen alles, was man für wichtig erachtet hat, sehr schnell. Und in diesen Momenten die Menschen zu erleben und zu sehen, wie sie mit der Lage umgehen, das finde ich sehr spannend. Zu sehen, welches Potenzial sie in sich haben, dass sie immer weiter machen und für ihre Familien sorgen, das ist der eigentliche Antrieb.

Schicksale als Kriegsreporter meistern

Wie schaffen Sie es, neutral zu bleiben? Vor allem, wenn Sie sich mit Einzelschicksalen auseinandersetzen müssen?  Ich persönlich gehöre nicht zu den Menschen, die glauben, dass man neutral oder objektiv bleiben muss. Es fällt schwer, in einem Krieg, bei dem immer wieder gegen die eigenen Werte verstoßen wird, objektiv zu bleiben. Ich glaube, dass das auch nicht das Ziel ist. Das Ziel ist es, wahrhaftig zu bleiben. Es gibt keine neutralen Geschichten über Menschen. Diese sind immer sehr aufgeladen von Emotionen, oft wahnsinnig traurig, bedrückend und erschütternd. Meiner Meinung nach gibt es kein neutrales Schicksal.

Werteverschiebung in der Gesellschaft

Inwieweit hat bei Ihnen eine Werteverschiebung stattgefunden?  Das Zuhause ist mir sehr wichtig geworden. Für mich ist es nicht nur ein gemütlicher Ort, sondern es ist auch, in gewisser Weise, zu einem Flucht- und Regenerationsort geworden. Die Zeit, die ich zu Hause verbringe, ist mir sehr heilig und da lasse ich auch niemanden rein. Außerdem glaube ich mittlerweile nicht mehr an die Allmacht, andere Systeme nach Belieben ändern zu können, wie zum Beispiel Demokratie in andere gesellschaftliche Formen zu tragen. Da war ich vor einigen Jahren noch deutlich optimistischer. Alles, was wir in den letzten Jahren gesehen haben, zeigt, dass es vielleicht möglich ist, aber nur unter sehr schwierigen Bedingungen – es wird auch ein hoher Preis verlangt. 

Wie Erlebnisse als Kriegsreporter verarbeiten?

Was mir immer hilft ist reden. Wobei ich nicht mit Experten oder Psychologen darüber spreche, sondern mit den Menschen, mit denen ich gewisse Dinge erlebt habe. Das können Soldaten oder Menschen sein, die ich irgendwo getroffen habe. Ich habe noch zu vielen Kontakt, damit ich immer vor Augen habe, dass es weiter geht und die Geschichten nicht völlig vergessen werden. Ich glaube, das ist ein sehr positiver Effekt, der es mir zumindest ermöglicht, weiter zu machen. Ich habe eine Freundin aus Ruanda, die ich dort bei der Berichterstattung kennenlernte,  deren Vater bei dem Völkermord umgebracht worden ist. Zu erleben, dass trotz so einer Katastrophe das Leben auf eine gewisse Art und Weise weitergeht, dass das Leben sich nicht totkriegen lässt, das halte ich für einen wichtigen Gedanken, wenn ich darüber berichte. 

Wie als Kriegsreporter auf Tod vorbereiten?

Wenn Sie sagen ‚das Leben ist nicht totzukriegen’ – inwieweit bereiten Sie sich auf den Tod vor?  Ich bereite mich gar nicht darauf vor. Ich hoffe, ich habe noch ein wenig Zeit. In diesem Jahr sind sehr viele Kollegen von mir in Afghanistan gestorben oder schwer verletzt worden. Da es sehr präsent ist, ist es auch besonders schlimm. Aber ich muss ehrlich sagen, dass Verdrängung die beste Strategie ist. Die Möglichkeit, dass irgendwas passieren könnte, lasse ich gar nicht zu.

Erlebnis verarbeiten  

Welches Erlebnis ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?  Beim Tsunami im Jahr 2004 haben wir eine Gruppe von Bestattern begleitet, die die Opfer eingesargt und für den Transport in ihre Heimat vorbereitet haben. Unter den Opfern war auch eine junge Amerikanerin, die ungefähr in meinem Alter war – ich war damals 24. Auf dem Pick-Up-Truck, auf dem ihr Sarg stand, saß ihr Freund, der auf der ganzen Fahrt zum Flughafen über den Sarg gestreichelt hat. Von solchen Bildern gibt es nicht viele, aber durchaus einige, die sich eingebrannt haben. 

Die richtige Frau kennenlernen

Wie geht Ihre Frau mit Ihrem Beruf um? Meine Frau hat mich auf dem Weg in diesen Beruf kennengelernt. Sie hat miterlebt und erlebt es auch immer wieder mit, dass das die Sache ist, die mich schlichtweg glücklich macht, mich ausfüllt und von der ich jeden Tag aufs Neue begeistert bin. Außerdem finde ich es wichtig, dass es gemacht wird. Natürlich glaube ich, dass es manchmal furchterregend für sie ist. Ich glaube – und hoffe auch – , dass sie sich manchmal sorgt, aber grundsätzlich sieht sie einfach, dass ich das mache, womit ich am glücklichsten bin und sie unterstützt mich sehr. Ohne ihre Unterstützung könnte ich das nicht machen.

Reisedauer

Wie lange wollen Sie noch in Krisengebieten unterwegs sein?  Ich habe immer gesagt, ich lasse es bleiben, wenn ich das Gefühl bekomme, dass es reicht. Ich könnte mir keine Deadline setzen, weil ich meinen Beruf aus absoluter Überzeugung und Begeisterung mache. Diese wird auch in zwei Jahren immer noch so groß sein wie heute. Es ist völlig unmöglich für mich, meinen Job aufzugeben. Ich bin drei Tage nach meiner Hochzeit zu irgendeiner Geschichte gefahren, einen Geburtstag habe ich im Irak verbracht und einen Hochzeitstag in Afghanistan – daran sieht man auch die Bedeutung, die mein Beruf in meinem Leben hat. Deshalb möchte ich mir auch keinen Zeitpunkt setzen, an dem ich damit aufhöre. Erst wenn ich sagen muss, dass ich Angst habe oder ich ein schlechtes Gefühl bei der Sache bekomme, dann lasse ich es sein. 

Vorgehensweise: Wie?

Mit welchen Strategien gehen Sie bei einem Einsatz vor?  Das ergibt sich meistens vor Ort. Es gibt so unterschiedliche Szenarien, dass es keine Strategien gibt. Mittlerweile verfüge ich aber über gewisse Erfahrungswerte für Kriegsgebiete. Es gibt immer Sachen, die ich zuerst mache. Wenn ich irgendwo hinkomme, wo ich noch nie war, muss zuerst eine Infrastruktur hergestellt werden. Das heißt, ich brauche jemanden, der die Landessprache spricht, der Ortskenntnisse und ein Auto hat. Das sind die wichtigsten Faktoren, ohne die man nicht arbeiten kann, um so nah wie möglich an das Geschehen heranzukommen. 

Bild Zeitung Julian Reichelt

Bekommen Sie bei der ‚Bild’-Zeitung eine gewisse Struktur der Berichterstattung vorgegeben?  Nein, die Vorurteile, die es über die ‚Bild’ gibt, stammen zum großen Teil aus den 1960ern und 1970ern Jahren. Was meinen Arbeitsbereich anbelangt, gibt es keine deutsche Zeitung, die dieses Jahr so viel Zeit in Afghanistan verbracht hat wie ‚Bild’. Alles, worüber ich schreibe, habe ich zu 99 Prozent selber gesehen. Die Zeitung ermöglicht uns, vor Ort zu recherchieren und das ist meiner Meinung nach der Kern der Reportage. Mittlerweile können das viele andere Medien nicht mehr. Ich behaupte, wenn jemand was über Afghanistan wissen möchte, ist er bei der ‚Bild’ ziemlich gut aufgehoben.“ 

Haben Sie eigentlich noch Fernweh oder überwiegt doch eher das Heimweh, wenn Sie unterwegs sind? „Nach drei Tagen zu Hause werde ich unruhig.“     


Julian Reichelt, geb. 1980 in Hamburg, ist einer der jüngsten Chefreporter der ‚Bild’-Zeitung. Für eine Reportage über US-Fallschirmjäger in Afghanistan wurde er 2008 mit dem Axel-Springer-Preis für junge Journalisten ausgezeichnet. Für seine Berichterstattungen war er schon in über 50 Ländern unterwegs. In seinen Büchern ‚Ruhet in Frieden, Soldaten! Wie Politik und Bundeswehr die Wahrheit über Afghanistan vertuschten’ und  ‚Kriegsreporter – Ich will von den Menschen erzählen’ schreibt er über seine Erlebnisse, den Krieg und die Menschen darin.     


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