Studieren***Coronavirus***COVID-19
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Fokussiert studieren trotz Coronavirus

Wilfried Schumann ist Diplom-Psychologe und Leiter des Psychologischen Beratungs-Service von Universität und Studentenwerk Oldenburg. Hier erklärt er dir, wie du dich in Zeiten der COVID-19-Pandemie auf dein Studium konzentrieren kannst

 

Herr Schumann, die Bundesregierung hat aufgrund der COVID-19-Pandemie die Kontaktbeschränkungen bis zum 03. Mai ausgeweitet – Großveranstaltungen sind gar bis 31. August verboten. Darüber hinaus ist noch nicht absehbar, wann sich die Lage normalisiert. Was bewirkt dieser Zustand bei den Menschen?

»Mit einem so großen Maß an Ungewissheit umgehen zu müssen, ist für die heutige Studierendengeneration noch nicht vorgekommen – aber auch für uns Ältere nicht. Das bewirkt tatsächlich eine Erschütterung. Wir Menschen haben gerne Kontrolle, streben nach Sicherheit und wollen planen. Doch in dieser Situation ist das, was uns Menschen ausmacht, nämlich gestalten zu wollen, erstmal ausgehebelt. Es geht darum, dies zu akzeptieren, mit allen Gefühlen, die damit einhergehen – Wut, Frustration, Ohnmacht, Angst oder Panik – je nachdem, wie man selbst gestrickt ist. Wir müssen einen Weg finden, mit der Situation umzugehen, und dürfen uns nicht daran aufreiben, dass wir die Lage nicht ändern können. Wichtig ist, unser Bewusstsein immer wieder auf das Hier und Jetzt zu fokussieren und nicht ständig an Worst-Case-Szenarien zu denken.«

 

Inwiefern haben sich die Anfragen von Studenten beim Psychologischen Beratungsservice seit Beginn der COVID-19-Pandemie verändert? Treten spezielle Probleme seitdem häufiger auf?

»An erster Stelle stehen finanzielle Sorgen: Vielen Studierenden ist die Finanzierungsgrundlage für ihr Studium weggebrochen, weil sie ihre Jobs verloren haben oder von ihren Eltern nicht weiter im gewohnten Ausmaß unterstützt werden können. Dies betrifft in besonders starkem Maße die internationalen Studierenden. Ängste um die eigene Gesundheit werden eher selten geäußert – entsprechende Sorgen gelten primär Angehörigen, Eltern und Großeltern. Existentielle Ängste von Studierenden beziehen sich überwiegend auf die materiellen Aspekte ihrer Lebenssituation, auf die nicht absehbaren Folgen der Krise für ihre weiteren Schritte in Studium und Beruf sowie auf einen Verlust der staatlichen Ordnung.«

 

Was raten Sie Studenten, denen soziale Kontakte fehlen?

»Für Menschen, die alleine sind, ist die aktuelle Situation eine enorme Herausforderung, denn in Zeiten von Verunsicherung ist das beste Gegenmittel, möglichst viel Kontakt zu haben. Wenn wir uns unseren eigenen Fantasien überlassen, kommen wir leicht in negative Gedankenspiralen. Soziale Kontakte helfen am besten dagegen, denn die Nähe zu anderen ist beruhigend. Wenn das, wie jetzt, in gewohnter Weise nicht möglich ist, raten wir, sich zu überlegen: Wie kann ich mich auch unter diesen Bedingungen vernetzen? Wie kann ich über andere Kommunikationsmittel, wie Telefon oder Internet, dem fundamentalen Bedürfnis nach menschlichem Austausch nachkommen, auch wenn ich physisch alleine bin? Und natürlich: Auf wen kann ich zurückgreifen? Da momentan viele Menschen unter Isolation leiden, besteht eine große Chance, dass Kontaktversuche positive Resonanz finden.«

 

Was können Studenten tun, um sich von der derzeitigen Situation abzulenken?

»Jetzt weiter etwas für sein Studium zu tun, kann psychisch stabilisieren, weil man sich damit ein Stück Normalleben erhält und mit seinem Handeln auch etwas bewirken kann. In der aktuellen Situation raten wir, das zu intensivieren, was auch sonst im Studium grundsätzlich zu empfehlen ist: sich eine gute Struktur zu schaffen und klug zu organisieren. Studierende sind jetzt noch stärker gefordert, Dinge aus eigenem Antrieb anzugehen. Denn das, was sonst die Gestaltung des Tages prägt – etwa der organisierte Uni-Betrieb oder der Kontakt mit Mitstudierenden auf dem Campus – fehlt. 

 

Also Strukturen aufbauen und einhalten?

»Sich eine eigene Struktur zu verordnen ist gut, damit die Tage nicht wie ein Brei werden. Also beispielsweise Arbeitszeiten festzulegen oder Aufstehrituale zu haben, um gut in den Tag zu kommen. Um solche guten Gewohnheiten durchzuhalten, ist die Vernetzung mit anderen Studierenden ein gutes Mittel: Sich mit Freunden zu verabreden, eine kurze Videokonferenz vor dem Start in den Arbeitstag zu machen, in der der heutige Arbeitsplan ausgetauscht wird – das spornt gegenseitig an. Und ein gemeinsames Tagesresümee schafft eine Einbindung, die auch bei Motivationstiefs dafür sorgt, seine Ziele nicht einfach sausen zu lassen. Darüber hinaus sollte unbedingt für Bewegung gesorgt sein. Unser Geist ist wacher und leistungsfähiger, wenn wir uns auch immer wieder körperlich fordern. Zudem ist eine Runde zu joggen oder mit dem Rad zu fahren ungemein hilfreich, um den Kopf freizubekommen und die Spannung zu reduzieren, die sich ansonsten, den ganzen Tag im Zimmer sitzend, aufbaut.«

 

Ist jetzt ein geeigneter Zeitpunkt, seine Studienabsichten zu hinterfragen?

»In Krisenzeiten sollte mit Grundsatzentscheidungen eher vorsichtig umgegangen werden. Studierende können die momentane Entschleunigung aber durchaus dafür nutzen, sich intensiver mit sich selbst auseinanderzusetzen und dabei auch zu beleuchten, wie zufrieden sie mit ihrem Studium und den damit verbundenen Perspektiven sind.«

 

Welche Tipps haben Sie abschließend für Studenten, die sich durch die aktuelle Lage nicht auf Hausarbeiten, Abschlussarbeiten oder Prüfungsvorbereitungen konzentrieren können?

»Zunächst einmal sollte jeder akzeptieren, dass im Augenblick manches nicht so gut gelingt, wie gewohnt. Menschen sind ja keine Maschinen, deshalb sind wir in Zeiten, in denen wir viele sorgenvolle Gedanken haben und mit Angst und Ungewissheit umgehen müssen, nicht so leistungsfähig wie sonst. Wir müssen uns zuerst psychisch auf die ungewohnte Situation einstellen und neue Routinen für das eigene Arbeiten entwickeln. Studierende sollten die klassischen Hinweise für konzentriertes Arbeiten auf sich anwenden: Eine gute Tagesstruktur etablieren, einen störungsfreien Arbeitsplatz einrichten, Smartphones und andere Medien während der Arbeitszeit abschalten, überschaubare Arbeitsaufträge definieren und regelmäßig Pausen machen. Hierzu gibt es jede Menge gute Ratgeberliteratur. Wenn das alles nicht hilft und man sich ständig selbst im Wege steht, wäre es eine gute Option, sich direkt an die Psychologischen Beratungsstellen der Hochschulen zu wenden, um dort individuelle Unterstützung zu erhalten.«


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