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Mitschreiben mit Köpfchen

langsam, chaotisch, abgelenkt – mitschreiben ist gar nicht so einfach. Wir zeigen dir, wie's richtig geht

Des einen Freud, des anderen Leid: Es gibt keine festgelegte Form, wie eine Mitschrift auszusehen hat. Fest steht allerdings: zu lang ist sinnlos, weil das zum einen in der Vorlesung – außer mit profunden Stenokenntnissen – nicht zu realisieren und zum anderen nicht Sinn einer präzisen Zusammenfassung ist. Zu kurz ist ineffektiv, weil man anhand kruder Stichpunkte, die vor vier Monaten hektisch zusammengeschmiert wurden, den Inhalt der Lehrveranstaltung nicht nachvollziehen kann. Zum Trost vorab für alle Erst- und Jungsemester: Mit der Mitschrift tun sich zunächst fast alle schwer. Eine hohe Kunst, die es erst zu erlernen gilt, denn wirklich trainiert hat man diese Techniken in der Schule nicht. Aber: Ein wenig Training und Konsequenz in der Umsetzung und schon sind deine Aufzeichnungen zumindest kein planloses Gekritzel mehr.

Maximal ein Drittel einer Lehrveranstaltung kann notiert werden – für deine Mitschriften heißt das: sie müssen so sinnvoll sein, dass du den Rest aus diesem Drittel ableiten und rekonstruieren kannst. 

Problem: Mein Prof spricht zu kompliziert zum Mitschreiben.
Lösung: Abstrahiere beim Zuhören. Das erfordert Übung, zahlt sich aber aus. Verwende deine eigenen Worte und kurze Sätze. Hab’ keine Scheu, professorale Fremdwörter in Deutsch zu übertragen. Unbekannte Fremdwörter aufschreiben und zuhause nachschlagen. 

Problem: Meine Mitschriften sind ein Wust.
Lösung: Leg’ dir für jede Veranstaltung einen Ordner an. Datum, Veranstaltungstitel und Thema unbedingt aufs Blatt! Hefte alle Mitschriften sofort ab. Beschrifte Blätter, die bitte ausschließlich A4-Format haben sollten, nur einseitig und mit großem Rand. Der Rand hilft dir später, Ergänzungen, Korrekturen, Fragezeichen, Erklärungen unterzubringen. Wenn du keine Ränder magst, beschreib’ die Seite nur zu zwei Dritteln! Klingt banal, ist aber Gold wert! Gewöhne dir ein festes Schema an, wichtige Aussagen hervorzuheben, etwa mit immer der gleichen Farbe oder immer der gleichen Unterstreichung. Schreibe die Blätter nicht lückenlos voll, sondern lass’ Platz für eigene Gedanken. Arbeite eher mit Stichpunkten als mit ganzen Sätzen. 

Problem: Vor lauter Schreiben komme ich nicht zum Zuhören.
Lösung: Wenn du dich dabei ertappst, hektisch immer weiterzuschreiben und vor lauter Schreiben den gedanklichen Faden verloren zu haben – stop! Durchschnaufen und geistig zurück auf ›Los!‹, mit  folgenden Fragen: Welches Problem soll in der Vorlesung gelöst werden? Was ist das Thema? Wogegen/wofür spricht der Vortragende? Was soll bewiesen werden? Mitschreiben heißt aktiv zuhören, echtes Hinhören und gedankliches Mitverfolgen der Lehrveranstaltung. Mach’ dir immer klar: Du willst die Kernaussage deiner Lehrveranstaltung dokumentieren, nicht ihren chronologischen Verlauf. 

Problem: Ich verliere den roten Faden beim Zuhören.

Lösung: Wenn du merkst, dass du gedanklich ausgestiegen bist, stellst du dir die oben genannten Fragen und wartest auf einen Gliederungs-Absatz in der Vorlesung, bei dem du wieder einsteigen kannst. Nicht einfach panisch  den Stift zum Glühen bringen, sonst rödelst du immer weiter. Grundsätzlich nie zu früh losschreiben, sondern immer auf einen Sinnabschnitt warten! 

Problem: Ich habe Probleme, Wesentliches zu erkennen.

Lösung: In der Vorlesung Sinnvolles von weniger Sinnvollem, Wichtiges von weniger Wichtigem zu unterscheiden, ist gar nicht so einfach. Hab’ den Mut, der Vorlesung bewusst zu folgen und sie für dich selbst in Sinnabschnitte einzuteilen. Erst wenn ein Sinnabschnitt beendet ist, kannst du das Wesentliche des Gesagten  sinnvoll fixieren. Schreibe eher sparsam mit. Schreib’ auf alle Fälle wichtige Fakten und Namen auf und übernimm gegebenenfalls Skizzen. Idealerweise fixierst du auch Daten oder Jahreszahlen, wenn du aber durcheinander kommst, kannst du sie notfalls in der Nachbereitung ergänzen. 

Problem: Ich bin zu langsam.

Lösung: Immer wiederkehrende Kürzel definieren. Erfinde dein eigenes Kürzelsystem (es sei denn, du kannst Steno), um immer wiederkehrende Wortbausteine oder Begriffe schneller aufschreiben zu können. Gewöhne dir außerdem die Verwendung gängiger Abkürzungen, wie z.B., ca. und andere, an. Außerdem auf ganz banale Dinge wie das richtige Arbeitsmaterial achten: Passt dein Stift zu dir? Liegt er gut in der Hand? Kannst du mit ihm schnell und sicher schreiben? Flitzt er übers Papier? 

Problem: Ich versteh meine Notizen später nicht mehr! 

Lösung: Gewöhn dir an, deine Mitschrift gleich nachzubearbeiten. Sind sie lesbar? Sind sie verständlich? Sind sie vollständig? Gliedere deinen Text mit Unterstreichungen und Zwischenüberschriften. Unbekannte Begriffe schlägst du nach. Eigene Anmerkungen oder Gedanken kennzeichnest du direkt in der Mitschrift als solche, damit du später den Stoff der Lehrveranstaltung von deinen eigenen Gedanken unterscheiden kannst. Such’ dir ein paar Kommilitonen und bereitet die Vorlesung gemeinsam nach. 

Problem: Ich habe doch ein Skript, also brauch’ ich nichts aufschreiben!

Lösung: Obwohl der Inhalt der Vorlesung im Skript steht – Stift raus! Häufig sieht das Skript am Ende des Semesters so aus wie direkt am Anfang, das ist aber nicht der Sinn der Sache! Das Skript ist eine Arbeitshilfe, deshalb solltest du es nutzen! Gerade weil du dank Skript nicht gleichzeitig mitschreiben und mitdenken musst, solltest du die Kommentare und Ergänzungen des Dozenten im Skript festhalten. Das erleichtert die Prüfungsvorbereitung ganz ungemein!  

Problem: Ich weiß nicht, wie wichtig Zitatbelege und Literaturhinweise sind.

Lösung: Notiere solche Dinge immer sorgfältig,  damit du weißt, wo du weiterführende Informationen herkriegst. Lesehinweise und Zitate mit einem bestimmten Symbol versehen, das erleichtert das Erkennen beim Überfliegen deiner Mitschrift. 

Interesting:

US-Forscher haben per Studie herausgefunden, dass die handschriftliche Methode die bessere ist: In drei Studien konnten sie folgendes zeigen: Studenten, die sich Notizen auf Laptop & Co machen,  schnitten bei Leistungstests schlechter ab als diejenigen Studenten, die das Wichtigste per Hand mitschrieben. Grund: Auf dem Laptop tendiert man dazu, alles wörtlich zu notieren. Wer sich aber Notizen per Hand macht, filtert aus dem Gehörten das für sich Entscheidende direkt heraus und formuliert es in eigene Worte um. Und das kann man sich besser merken.

Text: Barbara Bialas


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