Psycholgie Leistungsdruck
Psycholgie Leistungsdruck Jan Jakob Wichter / Foto: Privat

Pseudointellektuell: Mit intellektueller Fassade blenden

Jan Jakob Wichter (Psych. Psychotherapeut) erklärt, was pseudointellektuell bedeutet, wie man Pseudointellektuelle erkennt und warum sie manchmal gefährlich werden können.

"Herr Wichter, warum geben manche Menschen größeres Wissen vor, als sie eigentlich haben?"

Wissen stellt ein immaterielles Gut dar, wodurch sich manche Menschen beim Gegenüber durch die Vortäuschung von Wissen eine Status-Erhöhung erhoffen. Siehe zum Beispiel die Fälle der in den Medien vielfach diskutierten Dissertations-Plagiatsaffären, wo Einzelne eine größere intellektuelle Leistung vorgetäuscht haben, als sie eigentlich wirklich geleistet haben. Menschen versuchen sich natürlich auch Vorteile dadurch zu erschleichen, indem sie Wissen vorzutäuschen versuchen, das sie eigentlich nicht haben.

Pseudointellektuell: Defintion, Bedeutung, Synonyme

"Woran lassen sich solche ›Pseudointellektuelle‹ erkennen?"

Hier wäre natürlich zuerst einmal die Notwendigkeit gegeben, die Definitionsfrage zu klären, was überhaupt Intellektuelle sind. Der Begriff ›Pseudointellektueller‹ ist ja schließlich ein sehr abwertender Begriff und hier muss man natürlich aus psychologischer Sicht zuallererst bemerken, dass dieser Begriff keine Pathologie an sich darstellt, wir reden hier also nicht von einer Störung mit Krankheitswert. Intelligenz mit Intellektualität gleichzusetzen ist heute auch nicht mehr modern: Neben der so genannten kognitiven Intelligenz spielen auch andere Intelligenzen, wie zum Beispiel die soziale und emotionale Intelligenz eine große Rolle in der Beurteilung eines Menschen. Wenn also ein studierter Mensch, also ein so genannter Intellektueller, einen nicht studierten Menschen aus irgendwelchen Gründen abwertend mit diesem Begriff versieht, dann verdeutlicht dieser Begriff nur die blasierte Sicht desjenigen, der diesen Begriff verwendet, nicht aber die Problematik dessen, der vielleicht vorgibt, ein größeres Wissen zu haben, als er es eigentlich wirklich hat.

Zur Problematik einer pseudointellektuellen Fassade wäre zu sagen, dass sich oft kein intellektueller fundierter ›Tiefgang‹ dahinter befindet. Manche Menschen möchten mit einer intellektuellen Fassade blenden und einen guten Eindruck schinden und es fällt ihnen schwer, zuzugeben, dass sie Wissenslücken haben. Intellektuelle lassen sich vor allem auch daran erkennen, dass sie wissen, wenn sie etwas nicht wissen und gelernt haben, dann die richtigen Fragen zu stellen um in einem Themengebiet weiter zu kommen. ›Ich weiß, dass ich nichts weiß‹, diesen Satz hat man schon Sokrates nachgesagt. Manchen fällt es schwer, Nicht-Wissen zu akzeptieren. Man darf sich hier auch auf sein Bauchgefühl verlassen, ob das Gegenüber einen zu täuschen versucht oder nicht.

Pseudointellektuelle Sprüche und Geschwafel aufdecken

"Wenn mich dieses Bauchgefühl beschleicht, wie kann ich ihnen - auch ohne eigenes Expertenwissen in dem jeweiligen Bereich - den Wind aus den Segeln nehmen?"

Mit der Bitte an das Gegenüber, das Wissen noch genauer zu erklären, bis man es in den Grundzügen grob verstanden hat. Man sollte dann immer noch genauer nachfragen und sich nicht beirren lassen, wenn man etwas wirklich wissen will und es noch nicht verstanden hat. Wenn einem dann auffällt, dass etwas nicht logisch ist oder gar keinen Sinn und Zusammenhang ergibt, sollte man darauf hinweisen. Experten zeichnen sich dadurch aus, dass sie schwierige Zusammenhänge auch in anderen Worten einfacher und verständlich rüberbringen können und auf konstruktive Kritik eingehen können.

Wenn jemand immer wieder dieselbe hohl wirkende Phrase wiederholt und gar nicht auf eine spezifische Fragestellung zum Hintergrund und der Herkunft des vermeintlichen Wissens eingehen kann, kann man genau diese Beobachtung einfach äußern: »Ich habe den Eindruck, Sie können Ihren inhaltlichen Standpunkt nicht begründen und auch nicht kritisch beleuchten. Da stellt sich mir die Frage, ob Sie denn wirklich so genau wissen, wovon Sie da reden. Könnten Sie mir also bitte noch einmal, und diesmal etwas fundierter, erklären worauf Sie Ihre Meinung begründen? Wie können Sie sich so sicher sein?«

Pseudointellektuelle Hochstapler: Gefahren

"Inwieweit können Pseudointellektuelle gefährlich werden?"

Falls ›Pseudointellektuelle‹ in einem Gebiet, über das sie Kompetenz vorgaukeln, zu viel Verantwortung bekommen und dann wichtige Entscheidungen treffen müssen, aber die Konsequenzen ihres Handelns nicht beachten, kann sich dies natürlich als gefährlich herausstellen: So sollte zum Beispiel ein Arzt oder Psychotherapeut auch wirklich das studiert haben und das sein, was er vorgibt, damit Patienten keinen gesundheitlichen Schaden nehmen! Hier gibt es in Deutschland aber sehr hohe Standards und wenn jemand im Arztregister eingetragen ist und eine Approbation vorweisen kann, kann man sich in der Regel sicher sein, dass man keinem Quacksalber zum Opfer fällt.

Wenn jemand zu täuschen versucht, dann schmückt er sich oft mit fremden Lorbeeren, beispielsweise wenn in geschummelten Doktorarbeiten nicht richtig zitiert wird und die Arbeit anderer Menschen als die eigene Arbeit vorgegeben wird. Wenn so eine Praktik nicht geahndet wird, wirkt das auch an nicht-intellektuelle Gesellschaftsschichten als falsches moralisches Beispiel und dies muss natürlich gesellschaftliche Konsequenzen haben. Es kann also auch gesellschaftlich gefährlich werden, wenn man solche Leute nicht entlarvt. Insofern heiße ich solche Internetaktionen zu Plagiatsaffären für gut, die Schwindlern auf die Schliche kommen. Jemand, der sich durch hohle Phrasen selbst entlarvt und sich vor anderen damit lächerlich macht, wird nur sich selber gefährlich und verdient unser Mitleid.

Psychologie zur Erklärung und Besserung pseudintellektueller Personen

"Unabhängig davon, ob man sich selber oder anderen gefährlich wird – welche therapeutischen Möglichkeiten gibt es?"

Man kann erst einmal mittels psychodiagnostischer Verfahren die Persönlichkeitsstrukturen untersuchen, um herauszufinden welche Funktionalität eigentlich die Pseudo-Intellektualität hat – beispielsweise ob jemand hinter dieser Fassade eher unsicher-vermeidend ist, oder eher narzisstisch-überheblich. Narzissten zeichnen sich durch ein – vor anderen Menschen und oft vor sich selbst – verstecktes geringes Selbstwertgefühl aus. Sie müssen sich aber oft kompensierend vor anderen aufwerten oder andere abwerten und können eine, auch pseudo-, intellektuelle Fassade um sich herum aufbauen, damit niemand das geringe Selbstwertgefühl darunter bemerkt.

Natürlich können auch Intellektuelle sehr narzisstisch mit Intellektualität umgehen: Hape Kerkelings ›Hurz‹ aus den 1990er Jahren ist hierfür ein sehr lustiges Beispiel, wodurch die Deutungshoheit über Kunst durch Intellektuelle auf die Schippe genommen wird. An diesen problematischen Persönlichkeitsstrukturen kann man mittels der oben bereits erwähnten Schematherapie heutzutage sehr gut und effektiv arbeiten. Das kognitive und emotionale Verhaltens-Schema, also hier zum Beispiel die vorgetäuschte Intellektualität, kann dann als Kompensationsstrategie für ein geringes Selbstwerterleben erkannt werden und der Betreffende kann dann neue Wege im Umgang mit sich selbst und anderen erlernen.


Jan Jakob Wichter, 37 Jahre alt, hat Psychologie an der Humboldt Universität in Berlin und an der University of Wales in Cardiff/Großbritannien studiert. Danach hat er einen Aufbaustudiengang zum Psychologischen Psychotherapeuten mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie gemacht. Wichter arbeite in eigener Privatpraxis in Berlin mit Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen.


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