Mann vor Wand mit aufgemalten Glühbirnen
Abbrechen oder weitermachen? olly / Fotolia

Studium abbrechen oder Weitermachen: Entscheidungshilfe für potentielle Studienabbrecher

Zweifel am Studium? Wie du aus einem schlechten Gefühl einen strukturierten Entscheidungsprozess machst.

Dein Studium ist anders als du es dir vorgestellt hast? Kann passieren, denn ein Studium ist Neuland und damit ein Weg durch unbekanntes Gelände. Nur durch die eigenen Erfahrungen der ersten Wochen und Monate lernst du deinen Studiengang wirklich kennen. Du stellst fest, welche Teilgebiete dich interessieren und durch welche du dich quälst. Kein Studium macht immer nur Spaß. Aber wenn du das Gefühl hast, der Frust überwiegt die Erfolgserlebnisse, wird es Zeit, in Ruhe über fünf Fragen nachzudenken.

1. Krise oder Durchhänger?

Einen Durchhänger hat jeder mal. Aber nicht jede versiebte Klausur ist schon ein Grund aufzugeben. Wann aber wird aus einem Durchhänger, der von selbst vorüber geht, eine ernste Studienkrise? Ein kritisches Stadium ist dann erreicht, wenn vor Prüfungen deine Aufmerksamkeit nicht vom Lernen, sondern überwiegend von Grübeleien über den Sinn deines Studiums beansprucht wird. Irgendwann wird das Gefühl hinzukommen, der erfolgreiche Abschluss rückt nicht näher, sondern in immer weitere Ferne. Das sind deutliche Anzeichen, dass die Lage ernst ist und du eine nüchterne Bilanz deiner Studienleistungen ziehen solltest. Überprüfe deinen Rückstand in Relation zu deiner Semesterzahl und bespreche ihn mit der Fachberatung.

2. Wie viel Stress ist gut für dich?

Stress ist normal. Ein völlig stressfreies Studium wäre nicht ok. Es würde nämlich bedeuten, dass das Studium zu leicht ist und deshalb keine Herausforderungen und folglich keine Erfolgserlebnisse bietet. Du würdest unter deinen Möglichkeiten bleiben. Aber wie viel Stress solltest du dir zumuten? Der Schwellenwert, bei dem positiver Stress in krankmachende Überforderung umschlägt, ist bei jedem Menschen verschieden. Manche sind belastbar, andere sind empfindlich und geraten schneller in Panik. Deine persönliche Stressschwelle hast du definitiv überschritten, wenn eines oder mehrere der folgenden Symptome auftreten:

  • Konzentrationsstörungen
  • hartnäckige Kopfschmerzen
  • anhaltende depressive Stimmung
  • anhaltende Schlafstörungen
  • ›leeres‹ Grübeln – deine Gedanken kreisen zwanghaft immer um das gleiche Problem
  • Angstzustände, insbesondere Prüfungsangst
  • Suchtverhalten
  • massive Gewichtszunahme oder -abnahme
  • plötzlich auftretende oder verstärkte Allergien

Der negative Stress kann am Studium liegen, muss er aber nicht. Bevor du also vorschnell dem Studium die Schuld gibst, solltest du deine gesamte persönliche Situation überdenken und ausschließen, dass der Stress andere Ursachen als das Studium hat.

3. Drückst du dich vor der Entscheidung?

Schiebst du die Entscheidung über dein weiteres Studium schon längere Zeit, möglicherweise seit mehreren Semestern, vor dir her? Ein Projekt nur deshalb weiter zu verfolgen, weil du es einmal angefangen hast, ist kein Zeichen von Stärke, sondern von Passivität und fehlender Initiative. Die veränderte Situation zu ignorieren ist einfach bequemer. Das Eingeständnis, das falsche Studium gewählt zu haben, fällt schwer gegenüber sich selbst und gegenüber Eltern und Freunden. Du solltest aber einkalkulieren, dass die Korrektur der eingeschlagenen Richtung immer schwerer fällt, je länger du abwartest. Je mehr Zeit und Energie du in dein Studium investierst, desto hartnäckiger wirst du an dem eigentlich schon verlorenen Projekt festhalten. Hier hilft nur eins: Setze dir ein Limit. Lege fest, welche Klausur oder welche Prüfung über die Fortsetzung des Studiums entscheiden soll. Schreibe das Limit – den Wendepunkt – auf einen Zettel und hänge es an deinen Spiegel. Kommuniziere das Limit mit Personen deines Vertrauens, dann gibt es kein Zurück mehr. Und wenn es denn sein muss: Ziehe die nötigen Konsequenzen.

4. Woran liegt es?

In dem Nachdenken über einen Studienabbruch steckt für dich bei genauem Hinsehen auch die Chance, einen besseren Weg zu finden. Aber nur mit etwas Ursachenforschung kriegst du heraus, was besser oder schlechter in deinem Fall bedeutet. Was stört dich in erster Linie an deinem Studium?

Zu schwer:  Du lernst viel, aber Lernaufwand und Studienleistungen stehen in keinem guten Verhältnis. Die Zahl deiner Credit-Points oder Scheine ist in deutlichem Rückstand gegenüber deiner Semesterzahl. Bei der Frage, welcher Rückstand noch ›normal‹ ist, hilft dir die Fachberatung.

Langweilig:  Der Lernstoff interessiert dich einfach nicht. Nur mit viel Selbstkontrolle kannst du dich überhaupt zum Lernen zwingen. Im Gegensatz zu Interesse erschöpft sich Selbstkontrolle jedoch irgendwann und dann geht nichts mehr.

Ziellos:  Du fragst dich, was du später einmal mit dem, was du lernst, anfangen sollst. Ohne ein solches Ziel – eine extrinsische Motivation – wird dein Studium irgendwann bedeutungslos für dich. Entweder du entwickelst eine berufliche Perspektive für dein Studium oder es verliert seinen Sinn.

5. Was kannst du tun?

Wenn deine Diagnose so weit klar ist, hast du in einer solchen Situation grundsätzlich drei Möglichkeiten:

Weitermachen im bisherigen Studiengang:  Dieser Weg macht nur Sinn, wenn du bereit bist, an den Ursachen der Probleme etwas zu ändern. Wenn deine Lernorganisation oder dein Selbstmanagement schlecht sind, erkundige dich nach Seminaren zu diesem Thema. Diese bietet jede Hochschule an: Die Zentrale Studienberatung oder die psychosoziale Beratung können dir hier weiterhelfen. Wenn es an der fehlenden Perspektive liegt, wende dich an den Career-Service deines Fachbereichs.

Fachwechsel:  Nur zu empfehlen, wenn die Krise wirklich an deiner Studienwahl liegt und du ein interessanteres, motivierenderes Studium gefunden hast. Wenn es aber an Defiziten in der Lernorganisation oder fehlenden Zukunftsvorstellungen liegt, würdest du diese Probleme in das neue Studium mitschleppen. Bei Fachwechsel berät die Zentrale Studienberatung deiner Hochschule.

Ausstieg aus der Hochschule:  Diese Option ist das kleinere Übel im Vergleich zu einem verkorksten Lebenslauf. Lass dich nicht durch die – scheinbar – verlorene Investition an Zeit und Arbeit davon abhalten, diese Option zu wählen. Statt diesen ›sunk costs‹ nachzutrauern, fragst du dich besser: »Was erreiche ich zukünftig mit einem bestimmten Arbeitsaufwand einerseits in einem fragwürdig gewordenen Studienprojekt mit ungewissem Ausgang oder andererseits in der Berufswelt?« Die Beratung der Agentur für Arbeit informiert Studienaussteiger und kann in vielen Fällen attraktive verkürzte Ausbildungswege anbieten.

Die Entscheidung ist, so oder so, nicht leicht. Aber das Problem wird durch Angst vor dem Eingeständnis gegenüber anderen Menschen, durch falsches Statusdenken oder durch schlichte Passivität nicht kleiner, sondern größer. Ein Fachwechsel oder ein Ausstieg aus der Hochschule ist kein Schandfleck im Lebenslauf, sondern ein Zeichen, dass du dein Leben im Griff hast.

Denk drüber nach

Studium hinschmeißen oder weiter machen – keine leichte Entscheidung, und vor allem keine, in die du nicht wenigstens ein paar Stunden Zeit investieren solltest. Um der Grübelei etwas Struktur zu verschaffen, wirf doch einen Blick in Peter Piolots Buch »Don`t Panic! Studienabbruch als Chance.« Auf 216 Seiten wartet eine Mischung aus Tipps und Lösungsansätzen, die den ganzen Prozess vom ersten Gedanken ans Abbrechen bis zum Durchführen und dem unbekannten Danach durchdekliniert. Für 17,99 im UVK Verlag.


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