Das Wesentliche im Blick behalten bei der Gliederung!
Tino Pinkert

Perfekte Gliederung in sieben Phasen

Die Gliederung einer wissenschaftlichen Arbeit ist die Grundlage für deren Gelingen. Unser Experte erklärt, wie eine richtige Gliederung aussieht.

Glaubt man herkömmlichen Ratgebern, so gliedern sich wissenschaftliche Abschlussarbeiten in eine Einleitung, einen Hauptteil und einen Schluss. Das ist nicht falsch, aber trivial und insofern nicht hilfreich. Im Übrigen, so die Ratgeber, sei jede Arbeit anders und erfordere eine spezifische Struktur. Wäre das richtig, würde man keine Ratgeber brauchen, denn dann müsste man ja letztlich doch alles selber machen.

Das muss nicht sein. Tatsächlich gibt es ein allgemeingültiges Vorgehensmodell zur Anfertigung von Abschlussarbeiten, Hausarbeiten, Diplomarbeiten oder Seminararbeiten. Wissenschaftstheoretisch besteht dies grob aus dem Entdeckungs-, Begründungs- und Verwertungszusammenhang. Dieses vor allem in den Geisteswissenschaften verbreitete Modell lässt sich an die Besonderheiten naturwissenschaftlich, technisch oder wirtschaftlich ausgerichteter Abschlussarbeiten anpassen. Grundlage dafür ist das ›Systems Engineering‹, ein interdisziplinärer Ansatz zur Durchführung komplexer Projekte, der sich bereits seit Jahrzehnten weltweit bewährt. 

Phase 1: Wissenschaftliche Arbeit als Projekt verstehen

Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen ist, dass auch eine wissenschaftliche Abschlussarbeit im Grunde nichts anderes als ein Projekt ist, denn sie wird innerhalb eines begrenzten Bearbeitungszeitraums angefertigt, behandelt ein klar abgegrenztes Thema und zielt auf die Lösung eines Problems. Dafür bietet das ›Systems Engineering‹ eine große Zahl zeitgemäßer Methoden an, die mit dem wissenschaftstheoretischen Vorgehensmodell kompatibel sind, darüber hinaus jedoch den Vorteil haben, vor allem für naturwissenschaftliche, technische und ökonomische Fragestellungen besonders gut geeignet zu sein. Folgt man dem Wissenschaftsphilosophen Karl Popper, so beginnt jede Erkenntnis mit der Wahrnehmung eines Problems. Also bietet es sich an, diesen Anstoß zur Durchführung einer wissenschaftlichen Arbeit einleitend zu erläutern und zu begründen, warum die Lösung des Problems wichtig ist – mehr nicht. So wie der Autor eines Krimis in der Regel nicht schon in der ersten Szene verrät, wer der Mörder ist, sollte der Autor einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit nicht schon in der Einleitung alles verraten. Auch eine gute Abschlussarbeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie zu Beginn Spannung aufbaut und diese bis zum Schluss aufrechterhält. 

Phase 2: Analyse der Situation

In der zweiten Phase eines wissenschaftlichen Projekts wird die Situation analysiert. Es gilt, ein vertieftes Verständnis über die Aufgabenstellung, die Ausgangssituation, den Stand von Wissenschaft und Technik, die Randbedingungen, den Untersuchungsgegenstand und den Gestaltungsspielraum zu gewinnen. Dazu stehen verschiedene Methoden der Primär- und Sekundärforschung sowie unterschiedliche Informationsquellen wie Literatur oder reale Phänomene zur Verfügung. 

Phase 3: Ziele definieren

Erst wenn die Situation hinreichend bekannt ist, lassen sich in der dritten Phase die Ziele des Vorhabens so konkret formulieren, dass sie am Ende der Arbeit als Kriterien herangezogen werden können, um zu beurteilen, ob das Ergebnis den Erwartungen entspricht. Der Zielbegriff verweist auf die vor allem in Naturwissenschaft, Technik und Wirtschaft stark ausgeprägte Zweck- und Anwendungsorientierung von Forschungsvorhaben. Alternativ kann man in dieser Phase auch von der Formulierung einer Forschungsfrage sprechen. 

Phase 4: Methoden und Werkzeuge auswählen

Im Lichte der Situationskenntnis und einer konkreten Zielvorstellung werden in der vierten Phase die Modelle, Methoden und Werkzeuge ausgewählt, mit deren Hilfe das Problem gelöst, die Forschungsfrage beantwortet werden soll. Bei einer betriebswirtschaftlichen oder ingenieurwissenschaftlichen Arbeit, die sich mit logistischen Problemen beschäftigt, könnten beispielsweise auf der Basis von Warteschlangenmodellen Experimente (Methode) mit Hilfe eines Simulationsprogramms (Werkzeug) durchgeführt werden. 

Phase 5: Arbeitsprogramm abarbeiten

Das daraus resultierende Arbeitsprogramm wird in der fünften Phase abgearbeitet. Dies ist ein kreativer Prozess, der im Allgemeinen als ein Wechselspiel zwischen divergierendem (Synthese) und konvergierendem (Analyse) Denken beschrieben wird und in der Auseinandersetzung zwischen Mensch und Umwelt stattfindet. Das entspricht exakt der Vorgehensweise des kritischen Rationalismus: Zunächst werden für ein Problem Lösungsvorschläge in Form von Hypothesen formuliert, um diese anschließend durch empirische Tests zu überprüfen. Hypothesen, die sich dabei bewähren, werden beibehalten, andere falsifiziert und eliminiert, bis das Problem gelöst ist oder bis sich herausstellt, dass das Problem auf dem eingeschlagenen Weg nicht befriedigend gelöst werden kann. 

Phase 6: Bewertung der Lösung

In der sechsten Phase wird die Lösung vor dem Hintergrund der ursprünglichen Zielsetzung bewertet. Wurden nicht alle Zielkriterien erfüllt, kann sich daraus ein weiterer Forschungsbedarf ableiten. Darüber hinaus können sich aus der Bearbeitung der Aufgabe ganz neue Fragen ergeben haben. Auf diese Weise schließt eine wissenschaftliche Abschlussarbeit häufig mit einem Ausblick auf weiterführende Arbeiten. 

Die perfekte Gliederung

Die skizzierten Phasen beschreiben zunächst nur das Vorgehen bei der Bearbeitung einer wissenschaftlichen Aufgabe. Die Gliederung der Dokumentation dieser Arbeit muss nicht zwingend genauso aufgebaut sein – sollte es aber, denn auf diese Weise wird die Lösung im Sinne dieses Wortes nachvollziehbar. Insofern leistet das Vorgehensmodell gleich zweierlei: Es strukturiert den Erkenntnisprozess und gliedert dessen Dokumentation. Zugleich hilft dieses Vorgehensmodell, eine ganze Reihe von Missverständnissen zu beseitigen, die vielen Studierenden Probleme bereiten. Dazu gehört zum Beispiel der sogenannte Theorieteil, der oft der Einleitung folgt und angeblich einer theoretischen Grundlegung dient. Tatsächlich gibt es Abschlussarbeiten, in denen das zweite Kapitel theoretische Fragen behandelt.

Dies sind Master- und Doktorarbeiten, die sich mit der Lösung theoretischer Probleme beschäftigen und damit einen Beitrag zum wissenschaftlichen Fortschritt leisten. Dazu ist es unter anderem notwendig, bekannte Theorien zu analysieren, um deren Defizite aufzuzeigen und daraus den Handlungsbedarf für die eigene Arbeit abzuleiten. Insofern handelt es sich formal um eben jene Situationsanalyse, die oben als zweite Phase einer jeden wissenschaftlichen Arbeit erläutert wurde. In praxisorientierten Abschlussarbeiten, also vor allem in Bachelorarbeiten, bezieht sich die Situationsanalyse im zweiten Kapitel jedoch vorrangig auf die Analyse eines praktischen Problems, während theoretische Überlegungen erst im methodischen Teil, also in der vierten Phase und damit im vierten Kapitel angestellt werden. Das Einfügen eines sogenannten Theorieteils nach der Einführung unterbricht in solchen Fällen den roten Faden, beschränkt sich oft auf eine schlichte Wiedergabe von Versatzstücken aus Lehrbüchern und trägt, wenn überhaupt, nur wenig zur Problemlösung bei.

In einem kleinen Ratgeber zur Gliederung wissenschaftlicher Abschlussarbeiten werden diese und viele weitere Einsichten ausführlich erläutert. Erfahrungen der letzten Jahre haben bereits gezeigt, dass Studierende damit viel unnötige Arbeit sparen und Sicherheit gewinnen.


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