Studentin Yonca half bei ihrem Praktikum in Ankara Flüchtlingen im Auftrag der Vereinten Nationen. Aus diesen sechs Monaten zog sie Lehren fürs Leben.
Wer beim Namen Türkei lediglich an Kopftücher, Muslime und Wasserpfeife rauchen denkt, liegt zwar nicht falsch - hat aber viel verpasst!
Yonca weiß nach ihrem Aufenthalt in Ankara einige Sachen zu berichten, die in keinem Reiseführer stehen und deine Reise in die Türkei bereichern.

Erfahrungsbericht: Praktikum in Ankara / Türkei

Studentin Yonca Dege half bei ihrem Auslandspraktikum in Ankara Flüchtlingen im Auftrag der Vereinten Nationen. Aus diesen sechs Monaten zog sie Lehren fürs Leben

Eigentlich sollte alles anders kommen. Eigentlich wollte Yonca Dege nach Istanbul, ein Praktikum beim United Nations Development Programme (UNDP) absolvieren. Eigentlich war schon alles klar. Doch kurzfristig reichten einem Leiter des Istanbuler UNDP-Büros Yoncas Türkischkenntnisse nicht mehr aus. Die Eltern der studierten Sozialwissenschaftlerin stammen zwar beide aus dem Land am Bospurus, sie selbst ist aber in Deutschland aufgewachsen und kennt die Türkei nur aus Urlaubsreisen. Also platzte das Praktikum in Istanbul.

Über das Carlo-Schmid-Programm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) hatte sich die Krefelderin allerdings schon erfolgreich für ein Stipendium beworben und damit einen strengen Bewerbungsprozess hinter sich gebracht. »Ganz am Anfang stand knapp sechs Monate vor dem Beginn des Praktikums eine schriftliche Bewerbung inklusive Lebenslauf, Motiavtionsschreiben und Sprachzertifikaten in Deutsch und in Englisch. Nach einem Einzelgespräch mit der Prüfungskommission und einer Gruppendiskussion in Englisch hatte ich meine Zusage in der Tasche«, blickt Yonca zurück. Der DAAD half ihr bei der kurzfristigen Suche nach einer Praktikumsstelle in der Türkei – und wurde beim United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR), dem Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, in der Hauptstadt Ankara fündig. Für Yonca entpuppte sich diese kurzfristige Wendung als glückliche Fügung. »Das Praktikum beim UNDP wäre mit viel Büroarbeit verbunden gewesen, beim UNHCR hatte ich hingegen mit vielen Menschen direkt zu tun und konnte ganz unmittelbar helfen, was ich im Nachhinein als großen Gewinn betrachte.«

In ihrem sechsmonatigen Praktikum war Yonca, die seit Kurzem in London ihren Master in Development Management absolviert, in der sogenannten ›Registration and Protection Unit‹ tätig. Sie war damit eine der Ersten, die in Kontakt mit den Flüchtlingen trat, die zumeist aus dem Irak, Iran, Afghanistan, Pakistan oder afrikanischen Staaten wie der Demokratischen Republik Kongo kamen. Da die Türkei selbst Flüchtlinge aus nichteuropäischen Ländern eigentlich nicht anerkennt und diese daher nicht bleiben dürfen, hat die UN ein Mandat übernommen, um den Flüchtlingen ein faires Anerkennungsverfahren zu sichern. In Ankara selbst gibt es zwar »auch um 23 Uhr noch viel Stau«, wie Yonca erzählt, aber kaum Flüchtlingslager. Sie und ihre Kollegen haben den Flüchtlingen sogenannte Polizeizertifikate ausgestellt, mit denen diese in bestimmten Städten vorstellig werden müssen und in Flüchtlingslagern untergebracht werden können. »In einigen Fällen ist es aber auch so, dass vor allem Iraker schon Freunde oder Verwandte in der Türkei haben und bei denen unterkommen oder dass sie in ihrem Heimatland ihr sämtliches Hab und Gut verkaufen, um sich in der Türkei eine Wohnung leisten zu können«, erklärt Yonca, die auch sehr traurige Geschichten zu erzählen weiß. »Manche Flüchtlinge haben ihre gesamte Familie verloren, wurden gefoltert, andere haben Tausende von Kilometern hinter sich gebracht, auf Booten, in LKWs, wieder andere wussten gar nicht mehr, wo sie sich überhaupt befinden und wähnten sich bereits in Frankreich.« Solche Erfahrungen prägen einen Menschen, und auch Yonca weiß nun, wenn sie sich mit einer unserer westlichen Alltagssorgen herumplagt, wie privilegiert sie im Grunde ist.



Yonca hat ihr Auslandspraktikum nach dem Bachelorstudium absolviert, allgemein ist aber zu empfehlen, schon während des Studiums das Praktikum zu absolvieren, da in nicht allen Ländern die Anerkennung als Praktikant außerhalb eines Studiums möglich ist. In diesem Fall giltst du als normaler Arbeitnehmer, wofür du Einreisevisum, Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung bräuchtest. Deine Planungsphase sollte ungefähr ein Jahr vor dem angestrebten Praktikum beginnen, schließlich musst du viel Planen, Organisieren, Bewerbungen schreiben und für die Finanzierung sorgen. Beim Carlo-Schmid-Programm zum Beispiel werden Teilnehmer monatlich mit einem bestimmten Betrag unterstützt, der unter anderem auch vom Reiseziel abhängt. Außerdem erhalten sie eine Pauschale für Hin- und Rückreise. »Ich kam mit dem Geld gut über die Runden«, weiß Yonca zu berichten. An ihrem Beispiel erkennt man auch gut, dass ein Praktikum nicht nur dazu dient, andere Arbeitsweisen kennenzulernen und überhaupt einmal in einen Beruf einzutauchen, sondern dass vor allem Persönlichkeit und Lebenshorizont erweitert werden.

Praktikastellen sind oft direkt von den Institutionen vor Ort ausgeschrieben. Im Internet gibt es unzählige Stellenbörsen und Datenbanken, die Auslandsämter der Hochschulen können ebenso weiterhelfen, aber die beste Suchmaschine hört auf den schönen Namen ›Eigeninitiative‹. Ganz wichtig: Wie bei jedem Auslandsaufenthalt solltest du die Kosten im Auge behalten, und die können bei einem sechsmonatigen Praktikum (das wiederum nicht selten unbezahlt ist) schnell ansteigen: Visagebühren, mögliche Schutzimpfungen, Wohnungs-, Lebenshaltungs- und natürlich Reisekosten. Klar ist aber auch: Was du aus dem Praktikum mitnimmst, bleibt unbezahlbar.


Foto: Frank Kovalchek/flickrcc

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