Studium und Kind: Familienplanung von Studenten

Im Studium für Nachwuchs sorgen und hinterher die vieldiskutierte Kinder-Frage schon geklärt haben: Wie es sich anfühlt, mit Kind zu studieren. Und wie schwer oder leicht der Berufseinstieg dann geht

Jeans, Turnschuhe, Umhängetasche – im Grunde genommen unterschied mich nichts von all den anderen, die durchs Foyer der PhilFak in ihre Seminare strömten. Wäre da nicht der Bauch gewesen: eine pralle Kugel von der Größe einer ausgewachsenen Wassermelone, die alle Blicke auf sich zog.

Viele guckten erschrocken, manche mitleidig. Aber es gab auch die anderen: die verzückten, sehnsüchtigen, neidvollen, die Ich-will-auch-Blicke. Seitdem bin ich felsenfest überzeugt: In jeder Uni laufen haufenweise Pärchen herum, die gerne ein Kind hätten.

Am liebsten sofort. Aber das geht ja nicht: Man muss ja erst mal zu Ende studieren. Einen Job finden. Sich etwas aufbauen. Und dann, irgendwann, wenn die Umstände stimmen …

Das alles klingt sehr vernünftig. Und birgt doch eine Gefahr: Dass es vor lauter Aufschieben irgendwann gar nicht mehr zu Kindern kommt. Denn wann sind die Umstände schon perfekt?

Mein Freund und ich waren 22 und gerade zusammen im Auslandssemester in Kanada, als wir uns diese Frage stellten. Wir wollten ein Kind, so viel war klar. Aber nicht direkt nach dem Examen – da wollten wir schließlich ins Berufsleben einsteigen. Und zwar gleich, und nicht mit einem Jahr Verzögerung. Dann also lieber in den ersten Jahren im Beruf? Nee, da wollten wir lieber durchstarten. Also noch später? Wir hatten eine bessere Idee: Jetzt gleich! Die meisten Scheine hatten wir in der Tasche. Was jetzt anstand, war das Abschlussjahr: eine Magisterarbeit, eine Diplomarbeit, dazu die mündlichen und schriftlichen Prüfungen. Viel Stress, klar. Aber eben auch: Viel Flexibilität. Kaum noch Veranstaltungen mit Anwesenheitspflicht, viel, was man von zu Hause machen kann.

Ums Geld und die Finanzen machten wir uns keine Sorgen. Als Stipendiaten einer Studienstiftung hatten wir beide um die 600 Euro im Monat zur Verfügung, etwas mehr als den Bafög-Satz. Dazu, so wussten wir, würden gut 300 Euro monatlich an Elterngeld kommen, dazu noch das Kindergeld. Ziemlich viel Kohle für einen Winzling, der zunächst kaum mehr braucht als Milch und Windeln.

Studium mit Kind: Baby und Prüfungen

Heute, wo ich unsere Geschichte aufschreibe, klingt diese Einstellung selbst in meinen eigenen Ohren naiv. Kann man einfach beschließen, Zeit für ein Examen und für ein Kind zu haben? Wir haben es damals jedenfalls einfach getan.

Und unser Plan ging auf. Im Januar wurde unsere Tochter geboren, und mein Freund erläuterte ihr die Feinheiten der organometallischen Chemie, während er sie im Fliegergriff durch die Wohnung trug. Dann legte er seine mündlichen Diplomprüfungen ab und machte sich an seine Diplomarbeit. Ich las beim Stillen Fachbücher über die Filmkultur der Weimarer Republik. Und schrieb an meiner Magisterarbeit vorwiegend dann, wenn unsere Kleine im Tragetuch schlummerte. So begann ein stressig-schönes Jahr, in dem wir so diszipliniert für die Uni arbeiteten wie noch nie zuvor – weil wir die schönste Motivation der Welt hatten, auch zügig mit unserem Tagespensum durchzukommen.

Natürlich hatten wir auch Glück: Unsere Tochter war ein fröhliches, unkompliziertes Baby, das viel schlief, wenig schrie und mit ihrem Charme sogar die strenge Dame vom Prüfungsamt bezirzte. Unsere Professoren waren verständnisvoll, unsere weit entfernt wohnenden Eltern unterstützten uns wann immer sie konnten, und unsere Freunde sorgten dafür, dass es von nun an auf jeder WG-Party ein rauchfreies Zimmer gab, in dem wir unser Baby schlafen legen konnten.

Im Winter war es dann geschafft: Wir hatten unsere Abschlüsse in der Tasche und unser kleines Mädchen war nun groß genug, um zur Tagesmutter zu gehen. Mein Freund bekam eine Promotionsstelle an der Uni, ich machte mich als Journalistin selbstständig und begann, regelmäßig für die Zeitschrift ›Eltern‹ zu schreiben – ein Traumjob.

Studium und Kinderwunsch: Eine Studie

Im Moment beschäftigen wir uns in der Redaktion im Rahmen unserer Aktion ›Zum Glück: Familie!‹ intensiv mit der Frage, warum in Deutschland immer weniger Kinder geboren werden – und wie man das ändern kann. Wir haben dazu sogar extra eine eigene Studie in Auftrag gegeben. Das für mich persönlich spannendste Ergebnis: Weit über die Hälfte aller Unter-Dreißigjährigen, darunter viele Studentinnen und Studenten, hätte gerne ein Kind.

Aber die meisten haben das Gefühl, noch warten zu müssen: auf's Ende der Ausbildung, auf einen festen Job, auf mehr Geld. Kurz: auf eine Sicherheit, die für viele von uns in Zeiten von Langzeitpraktika und befristeten Verträgen in weiter Ferne liegt. Viele Paare legen deshalb ihren Kinderwunsch jahrelang auf Eis. Das wiederum finden wir ausgesprochen schade. Weil wir davon überzeugt sind, dass Kinder das Leben schöner machen. Für alle, die sich welche wünschen. Und für uns als Gesellschaft sowieso.

Deshalb erzähle ich hier meine Geschichte. Nicht, um Druck zu machen, den Lebenslauf noch mit einem ideal getimten Kind zu optimieren. Nicht, um zu behaupten, das Studium sei der perfekte Zeitpunkt zum Elternwerden. Sondern einfach nur, um Paaren, die mit dem Gedanken spielen, zuzurufen: Traut Euch! Es geht! Ihr werdet erschrockene Blicke ernten, einige mitleidige und viele neidische. Vor allem aber werdet ihr erleben, wie viel Spaß es macht, eine Familie zu sein.

Studium mit drei Kindern, Diana und Axel, Mediziner

Behaupte nicht nur ich, sondern beweisen auch diese stolzen Eltern: Das Medizinerpaar Diana und Axel Ladner, beide 40, haben drei Kinder: Marius, 13, kam kurz nach dem Physikum zur Welt, Max, neun, nach dem ersten Staatsexamen. Während der Facharztausbildung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie machte Antonia, drei, die Familie komplett.

»Mit Baby waren wir an der Uni die absoluten Exoten. Meist trafen wir uns im Treppenhaus und hoben den Kleinen vom einen ins nächste Tragetuch. Schwierig wurde es, wenn wir gleichzeitig wohin mussten und keinen Babysitter hatten. Unvergessen die Orthopädie- Klausur, die wir beide verhauen hatten. Zum Nachschreibetermin kam Marius mit und kletterte fröhlich herum, während wir kreuzten. Ein völlig entspanntes Familienleben hatten wir nie. Dazu war der Druck zu groß. Trotzdem würden wir uns wieder so entscheiden: Denn mit Kindern bis zum Ende der Ausbildung zu warten, hätte für uns bedeutet, zwölf lange Jahre auf die Familie zu verzichten, die wir uns wünschten.«

Christina: Zwei Kinder während des Studiums

Christina Bruchhagen, 28, bekam während ihres Psychologiestudiums zwei Kinder: Joelle, sechs, und Jannik, vier. Heute arbeitet sie im schulpsychologischen Dienst.

»Joelle kam im Juni zur Welt, kurz vor den Semesterferien. Und im Wintersemester studierte ich schon wieder ganz normal weiter. Mein Mann, der im Schichtdienst arbeitet, und meine Schwiegermutter kümmerten sich um die Kinder, wenn ich nicht da war.

Meine Lernzeit war überwiegend abends, wenn die Kinder schliefen. Einen Job zu finden war dann ganz einfach: Ich hatte während des Studiums bei meiner heutigen Arbeitsstelle bereits ein Praktikum gemacht, meine Chefin kannte mich also schon und meinte, ihr könne doch nichts Besseres passieren als eine engagierte 26-Jährige, die Belastbarkeit bewiesen hat und mit der Familienplanung schon durch ist.«

Kind während des Studiums, Isabel (29)

Isabel Blaeschke-Taschner, 29, bekam während ihres Biologiestudiums ihr erstes Kind: Lilith, heute zwei Jahre alt. Isabel hat gerade ihre Bachelorarbeit abgegeben.

»Lilith war ein Wunschkind.

Ein Semester aussetzen und dann zügig fertig werden – das war mein Plan. Doch dann musste ich ab der 29. Woche liegen, also musste ich doch länger aussetzen.

Die letzten Scheine zu machen war dann stressiger als gedacht: Manche Profs waren sehr freundlich und ließen mich die Kleine sogar auf Exkursionen mitnehmen, andere bestanden streng auf pünktliche Anwesenheit, Kind hin oder her.

Der größte Kraftakt war die Bachelorarbeit: Tagsüber kümmerte ich mich um Lilith, nachts schrieb ich. Zeit zum Durchatmen gab es kaum. Weil ich so einen Stress nicht noch mal will, habe ich mich gegen den Master entschieden. Lieber möchte ich mich bei einer Umweltorganisation für den Artenschutz engagieren.«

Und der Berufseinstieg mit Kind?

Uni-Absolventen mit Kind fallen Personalern auf. Aber nicht negativ, betont Dr. Sarah Ulmschneider vom Personalmarketing der BASF: »Bei der Bewerberauswahl ist für uns stets das Gesamtbild des Kandidaten entscheidend, unabhängig vom Familienstand. Wir achten auf fachliche Qualifikationen, Persönlichkeit und soziale Kompetenzen und ermöglichen gerade jungen Eltern auch einen Berufseinstieg in Teilzeit – in Abhängigkeit der jeweiligen Aufgabe und der betrieblichen Anforderungen.

Als familienfreundliches Unternehmen mit einer hohen sozialen Verantwortung für die Mitarbeiter legen wir besonderen Wert auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Zu unseren familienfreundlichen Angeboten gehören Teilzeit, Gleitzeit und flexible Arbeitzeitmodelle ebenso wie Homeoffice, die BASF Kindertagesstätten LuKids, Unterstützung bei der Vermittlung von Tagesmüttern ebenso wie Ferienprogramme für Mitarbeiterkinder.«

Ein Text von Nora Imlau

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