Der Ghostwriter: Freund oder Feind?

Unsplash // pixabay.com unter CC0 Domain

Karriere-Boost, sagen die Einen. Gefährliches Spiel, sagen die Anderen. Wir haben uns die Vorteile und Risiken von Ghostwriting im Studium angesehen.

„Psst … brauchst du eine akademische Arbeit?“

Ghostwriter, das sind nicht nur Menschen, die Promis mit linguistischen Defiziten beim Verfassen der „Auto“-Biografie helfen. Auch am Campus trifft man immer öfter auf KommilitonInnen, die sich bei ihrer Seminararbeit oder Abschlussarbeit von einem Ghostwriter unter die Arme greifen lassen. Aber ist es nicht unmoralisch, eine fremdgeschriebene Arbeit als die eigene auszugeben? Und wie steht es um das Risiko, erwischt zu werden? Wir haben uns die Ghostwriting-Szene angesehen und mit Insidern gesprochen.

Das Problem mit der Beweisführung

Zuerst einmal: Wer die Arbeit eines Ghostwriters einreicht, verstößt gegen Universitätsrichtlinien. Zumindest dann, wenn er oder sie eine ehrenwörtliche Erklärung unterschrieben hat, wie das bei Abschlussarbeiten üblich ist. Doch eine Arbeit anhand ihres Niveaus oder Schreibstils als das Werk eines Ghostwriters zu entlarven, stellt eine große Schwierigkeit für Dozenten und Begutachter dar, nicht zuletzt aufgrund der zunehmenden Anonymisierung in den Studiengängen. Denn anders als bei einem „klassischen“ Plagiat, bei dem aus einer anderen Arbeit abgeschrieben wurde, lässt sich Ghostwriting nicht einfach mittels Softwareprüfung nachweisen. Verhärtet sich der Verdacht – zum Beispiel, weil PrüfungskandidatInnen beim Abfragen der Inhalte der Abschlussarbeit schwächeln – steht die Kommission von der Herausforderung, den Betrug nachzuweisen.

„Ghostwriting im wissenschaftlichen Kontext ist sehr schwer zu entdecken“, so Prof. Michael Seadle, Vorsitzender der Kommission für wissenschaftliches Fehlverhalten, in einem Interview mit Die Welt. Schwer zu entdecken, ja. Aber unmöglich? Nein. Wenn die Begutachter überzeugt sind, dass die vorliegende Arbeit von einem Ghostwriter verfasst wurde, dies aber nicht beweisen können, bleibt immer noch die Möglichkeit einer negativen Beurteilung. Für AbsolventInnen, die geschummelt haben, ist das übrigens gar nicht das dramatischste Szenario. Denn der Schwindel könnte (wie in der Causa rund um Karl-Theodor zu Guttenberg) ja auch Jahre später auffliegen und zur Aberkennung des akademischen Titels führen.

Agenturen sind „rechtlich aus dem Schneider“

Alles nur Theorie, sagt Dr. Thomas Nemet, Geschäftsführer der Ghostwriting-Agentur ACAD WRITE. „Wir haben in den letzten 12 Jahren mehr als zehntausend wissenschaftliche Arbeiten im Auftrag unserer Kunden verfasst. Mir ist kein einziger Fall bekannt, in dem jemand bei der Einreichung einer Arbeit von einem unserer Ghostwriter erwischt worden wäre“, so der CEO.

Zu einer negativen Beurteilung würde es ebenfalls äußerst selten kommen. Und in diesen Fällen läge es meist nicht an der Arbeit selbst, sondern beispielsweise daran, dass der Klient das Seminar geschwänzt hätte, führt Nemet weiter aus. Um seinen Kunden Sicherheit und Anonymität zu gewährleisten, haben sich Nemet und sein Team ein ausgeklügeltes System einfallen lassen: Am Anfang jedes Projekts steht ein Telefongespräch zwischen Kunde und Autor. Dabei lernt man sich kennen, verschafft sich einen Eindruck von der Kompetenz des anderen und bespricht die genauen Anforderungen des Auftrags. Damit die Identitäten der Involvierten geheim bleiben, werden in solchen Telefonkonferenzen üblicherweise nur Vornamen genannt. Die Agentur garantiert zwar, dass es sich beim Ghostwriter um einen Experten der jeweiligen Fachrichtung handelt, überprüfen kann das der Kunde aber freilich nicht.

Während des Projektablaufs hat der Klient die Möglichkeit, über eine verschlüsselte Internetplattform mit dem Ghostwriter in Kontakt zu treten. Zwischenlieferungen dienen dazu, das Feedback des Betreuers einzuholen. Am Ende des Projekts steht eine Plagiatsprüfung, die nachweisen soll, dass es sich bei der Arbeit tatsächlich um ein Unikat handelt. Auch ein wissenschaftliches Lektorat ist bei Nemet „inklusive“. So soll nicht nur Sicherheit, sondern auch eine gute Note garantiert werden. Und hinter der seien nun mal viele seiner Kunden her, so der Agentur-Chef.

Und wenn doch mal etwas schiefläuft? „ACAD WRITE verkauft seinen Kunden maßgeschneiderte wissenschaftliche Studien. Was die Kunden damit anstellen, fällt nicht in unsere Verantwortung. Damit sind wir rechtlich aus dem Schneider“, so Nemet.

Selber denken, andere schreiben lassen?

Das alles bietet selbstverständlich keine Antwort darauf, ob es moralisch verwerflich ist, sich mit fremden Federn zu schmücken. Wer seine Masterarbeit vom ersten Themenvorschlag bis zur lektorierten Endversion von einem Ghostwriter abfassen lässt, wird damit leben müssen, ein Betrüger zu sein.

Doch auch dafür findet Thomas Nemet eine Relativierung. „In vielen Fällen werden unsere Ghostwriter zu den Mentoren der Kunden. Sie bieten die Aufmerksamkeit und Hilfestellung, die eigentlich von den Professoren kommen sollte. Durch die Möglichkeit, direkt mit dem Autor zu kommunizieren, ist der Kunde eingeladen, sich aktiv am Entstehen der Arbeit zu beteiligen“, erklärt Nemet.

Das führt zu einer weiteren Frage, die rechtlich noch zu klären ist: Wo hört Mentoring auf und wo fängt akademischer Betrug an? Ist es ok, die Rechercheergebnisse, Daten und Resultate für eine Studie zu liefern und sich lediglich bei der sprachlichen Formulierung von einem Ghostwriter helfen zu lassen? Was, wenn man sich von einem Ghostwriter beim Aufbau der Arbeit beraten lässt, das Schreiben aber selbst übernimmt? Das moralische Spektrum der Thematik ist nuancenreich.

Auch die persönliche Situation der Studierenden spielt eine Rolle. Droht einem Studierenden, aufgrund gesundheitlicher oder familiärer Probleme einen Abgabetermin zu versäumen, kann ein auslaufender Studienplan schnell zum Debakel werden. In solchen Fällen ist es oft die ökonomischste Lösung, externe Unterstützung zu suchen. Zeugt es nicht von Führungsqualitäten, zu wissen, was man delegieren kann?

In der Realität wird jeder für sich entscheiden müssen, wie viel und welche Hilfe er während des Studiums in Anspruch nehmen kann, ohne sich dumm vorzukommen – und dumm zu bleiben. Egal, ob man den Erfolg von Ghostwriting-Agenturen wie ACAD WRITE als Symptom moralischen Verfalls oder eines schwächelnden Bildungssystems deutet, eines ist sicher: Ganz ohne das eigene Gehirn einzusetzen, wird sich ein Studium auch in Zukunft nicht bewältigen lassen, trotz des Angebots „hilfsbereiter“ Ghostwriter.

Ein Beitrag des externen Autors Ronald Schilling

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