Branko Woischwill

Interview mit Branko Woischwill: »Wissen, was man möchte«

Branko Woischwill ist Autor des ›Trainee-Knigge‹ und weiß, wie jeder das passende Traineeprogramm findet

Herr Woischwill, Sie raten dazu, sich während der Bewerbungsphase mit einer eigenen Homepage oder einem Blog zu präsentieren. Wie viel Präsenz ist gut und wann wird es zu viel?

Vorrangig sollte überlegt werden, welches Ziel damit verfolgt wird. Interessiert sich der Trainee für ein Unternehmen, das keinen Bezug zum Internet hat, so sind die Selbstmarketing-Chancen eines Blogs reduziert. Generell sehe ich in Business-Communities wie Xing oder LinkedIn großes Potenzial, denn hier lassen sich Stellenanzeigen durchforsten, Lebensläufe hochladen, Netzwerke bilden und Kollegen in spe recherchieren.

Abgesehen von der Internetrecherche: Woran lässt sich feststellen, ob ein Traineeprogramm tatsächlich qualitativ hochwertig ist?

Neben der jeweiligen Unternehmenshomepage sollte sich jeder Traineeprogramm-Interessierte die Ausschreibung oder die Stellenanzeige ganz genau ansehen. Ein gutes Zeichen ist es, wenn die einzelnen Stationen aufgeschlüsselt werden. Sieht das Programm einen Auslandsaufenthalt vor, bekommt der Trainee einen Mentor an die Seite und wie sehen die Weiterbildungsmaßnahmen aus? Die Antworten auf diese Fragen sollten ersichtlich sein. Eine gute Grundlage bildet auch die Konzentration auf die drei Oberpunkte Kompetenz, Networking und Ressourcen.

Was ist damit konkret gemeint?

Der Punkt zu Kompetenz bezieht sich auf die Fähigkeiten des Trainee: Welche Fähigkeiten bringt er bereits von der Uni mit? Networking steht für die Integration des Trainees in das Unternehmen – dabei soll er nicht nur Kollegen und Kunden kennenlernen, sondern auch die verschiedenen Abläufe. Der Punkt ›Ressourcen‹ stellt die Vergütung sicher, aber auch die Perspektiven nach Ende des Programms.

Inwieweit sind kleinere und mittelständische Unternehmen bei Lücken im Lebenslauf weniger streng als Global Player?

Konzerne haben sehr standardisierte, strukturierte Auswahlverfahren, bei denen bestimmte Talente teilweise weniger gut wahrgenommen werden. Die Bewerbungsverfahren bei kleineren Unternehmen sind dagegen oftmals individueller. Lücken im Lebenslauf können immer passieren – allerdings sollte jeder Bewerber in der Lage sein, die vollbrachten Leistungen, seinen Status Quo und die angestrebten Ziele zu kommunizieren.

Welche Möglichkeiten hat der Trainee, wenn er trotz intensiver Recherche feststellt, dass die Realität anders aussieht?

Auf jeden Fall sollten jeweils die kurz-, mittel- und langfristigen Ziele im Mittelpunkt stehen. Auf dieser Basis lässt sich schnell feststellen, ob das Traineeprogramm den individuellen Zielvorgaben entsprechen kann. Befindet sich der Trainee bereits im Programm, ist es am sinnvollsten, wenn er sich den passenden Ansprechpartner sucht und die Probleme konkret benennt. Eine Kündigung sollte gut überlegt sein – Mentoren oder Karriereberater können in diesem Fall eine wertvolle Unterstützung sein.

Stichwort ›Kaminabend‹ oder ›abendliche Lauftreffs‹: Wie wichtig und sinnvoll ist es, auch den Feierabend mit Kollegen verbringen?

Vielen wird die Formulierung ›Die besten Geschäfte werden auf dem Golfplatz gemacht‹ bekannt sein. Dahinter verbirgt sich ein Fünkchen Wahrheit. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die bestätigen, dass ein gemeinsames Bier nach der Arbeit förderlich für die Karriere sein kann. Trotz etwaiger Karrierechancen sollte zwischen Arbeit und Privatleben abgegrenzt werden. Karrieren können sich zwar auch ohne Networking am Feierabend entwickeln, wobei man damit jedoch gewisse Chancen vergibt. Hier sollte man stets in Abhängigkeit der eigenen beruflichen sowie privaten Ziele eine Antwort finden.

Sie raten nach einer Absage zu einer Beratung bei einem Karriereberater. Inwieweit gehören Absagen nicht auch zu Bewerbungen und wann ist eine Beratung wirklich sinnvoll?

Jeder Bewerber sollte sich und seine Erfolge stets kritisch hinterfragen. Die Traineeprogramm- und Jobsuche sollte nicht wahllos sein und die Bewerbungsunterlagen übersichtlich. Kein Personalverantwortlicher hat die Zeit, einen sechsseitigen Lebenslauf zu lesen. Zwei gut strukturierte und übersichtliche Seiten reichen häufig aus. Außerdem sollten Bewerber von Floskeln Abstand nehmen. Erfahrungsgemäß nimmt sich ein Personalverantwortlicher ein, zwei Minuten, um einen ersten Eindruck vom Kandidaten zu bekommen – wenn in dieser Zeit die Kernaussage der Bewerbungsunterlagen nicht ersichtlich wird, hat der Kandidat schlechte Karten. Auch das Foto spielt eine wichtige Rolle: Es soll die Persönlichkeit widerspiegeln und zum Berufsprofil passen.

Wie sollten sich Einsteiger nach ihrem ersten Arbeitstag verhalten, um weder übermotiviert noch desinteressiert zu wirken?

Wer neu ist, sollte zeigen, dass er motiviert ist und gerne im Unternehmen arbeitet. Fragen sind zwar gut, aber können – werden sie alle fünf Minuten gestellt – auf die Nerven gehen. Daher gilt: gut zuhören, Fragen sammeln, Prioritäten festlegen und bei wichtigen Punkten nachfragen. Es gehört auch zum Integrationsprozess, die Kollegen und das Unternehmen Schritt für Schritt kennenzulernen und einzuschätzen. Fehler können passieren, aber es sollten nicht allzu viele innerhalb kurzer Zeit sein.

In Deutschland sind Überstunden oft selbstverständlich. Wie kann vor allem ›der Neue‹ dem Chef zeigen, dass er bereit für Mehrarbeit ist, dies aber nicht zur Gewohnheit machen möchte?

Dies ist ein schrittweiser Prozess, der bereits bei einem vorangehenden Praktikum oder in der Bewerbungsphase beginnen sollte. Recherchen in Businessnetzwerken oder auf Bewertungsplattformen können bereits auf unternehmenstypische Gepflogenheiten hinweisen. Auch das Vorstellungsgespräch ist eine gute Möglichkeit, nach dem Umgang mit Überstunden zu fragen. Am aufschlussreichsten sind letztlich die ersten Arbeitstage, in denen sich im Austausch mit Kollegen ein Gesamtbild erfassen lässt.

Trotz Recherche, Ratgeber, Fachliteratur und Gesprächen mit Gleichgesinnten: Woran liegt es, wenn ein Bewerber nur Absagen kassiert?

Dies ist schwierig zu beantworten, da Bewerber nach einer Absage auch seitens der Unternehmen kaum mit einem ehrlichen Feedback rechnen können. Beispielsweise gibt es Unternehmen, die sehr viel Wert auf regionale Zugehörigkeit der Bewerber legen – dies aber nicht öffentlich machen oder es gar nicht dürfen. In solchen Fällen kann es seitens des Unternehmens bereits helfen, darauf hinzuweisen, dass eine Verbundenheit zu der angestrebten Stadt vorhanden ist. Dies ist aber nur ein Aspekt von vielen. Professionelle Karriereberater und -literatur stellen hier eine gute Möglichkeit der Orientierung dar.

Wie lautet Ihr Tipp an Absolventen und Studierende, die sich für ein Traineeprogramm interessieren?

Zuerst sollten sie sich auf ihre Stärken, Kompetenzen, Erfolge und berufliche Ziele konzentrieren, um darauf aufbauend die passenden Programme und Arbeitgeber zu finden. Dabei sollten sie sorgfältig recherchieren, sich mit ehemaligen oder aktuellen Trainees austauschen und das Unternehmen während des Bewerbungsprozesses bereits intensiv testen. Für die Probezeit gilt: gut zuhören, nachfragen und daran denken, dass die Probezeit auch ein Integrationsprozess ist.


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