Prof. von Lojewski, Präsidentin der Fachhochschule Münster. Foto: audimax

Hochschulporträt: FH Münster

Die FH Münster ist in Sachen Qualitätsmanagement Vorreiter und geht bei der Nachwuchsqualifizierung zukunftsweisende Wege. Warum sie sich für Bologna und Alumni-Bindung ausspricht, erklärt Präsidentin Prof. Ute von Lojewski im audimax-Interview

Frau Prof. von Lojewski, Sie sind seit acht Jahren Präsidentin der FH Münster. Wie hat sich die Hochschule unter Ihrer Leitung entwickelt? Von meinem Vorgänger, Prof. Klaus Niederdrenk, hatte ich ja bereits eine relativ gut aufgestellte Fachhochschule übernommen, so dass unser erstes Ziel als neues Präsidium zunächst darin bestand, diesen Kurs zu halten. Seinerzeit war ich bereits fünf Jahre Prorektorin für Studium und Lehre und damit gestaltete sich der Übergang eher fließend. Auf diese Weise konnte ich natürlich schon etwas vorbereiten: Über den Bereich ‚Studium und Lehre‘ ist mir das Thema Qualitätsmanagement zugewachsen, zumal in meine Prorektorenzeit auch die Umstellung auf Bachelor und Master fiel. Deswegen war ich als zuständige Prorektorin in allen Fachbereichen und kannte mich dementsprechend in der Hochschule schon recht gut aus. Von daher war es dann ganz schön, in die andere Position zu wechseln. Wir haben das Qualitätsmanagement dann so weit ausgebaut, dass wir auch nach außen hin – zumindest in der Fachcommunity der Hochschulen – als die Hochschule für Qualitätsmanagement wahrgenommen werden.

Was machen Sie anders? Wir haben eine – für eine Hochschule – recht ausgeprägte Gesprächskultur. Das ist sehr zeitaufwändig, weil man ständig mit allen Leuten in Kontakt sein und reden muss. Es ist immer einfacher, allein zu entscheiden, aber wir reden erst mal viel und kommunizieren. Wichtig ist, dass die Leute in unseren Gesprächskreisen merken, dass wir auch wirklich auf sie hören. Darin liegt wohl der Unterschied: Wir gehen nicht mit einer vorgefassten Meinung in Gespräche. Wenn wir uns zum Beispiel mit unseren Qualitätsmanagementbeauftragten aus den Fachbereichen treffen, dann hören wir hin und überlegen, was machbar ist und was nicht. So gibt es auch individuelle Lösungen, da wir nicht ein QM für die ganze Hochschule haben, sondern pro Fachbereich. Bei den Ingenieuren läuft das zum Teil ganz anders als bei den Designern – das ist einfach Fachkultur. Und was das Allerwichtigste ist bei unseren Kolleginnen und Kollegen: Sie sind alle unheimlich fleißig. Sie setzen ganz viel Zeit ein, sie engagieren sich. Ich denke, das macht den Unterschied, dass unsere Leute mit richtig viel Herzblut dabei sind.

Wie schwierig ist es, geeignetes Lehrpersonal zu bekommen? Ein Problem mit den Stellenbesetzungen haben wir tatsächlich in einigen Fächern, nicht flächendeckend. Im Sozialwesen und der BWL ist das kein Thema, aber bei den Ingenieuren oder Informatikern wird es schon eng. Deswegen machen wir unsere eigenen Nachwuchswissenschaftlerprogramme, ähnlich dem ‚tenure track‘ in den Unis; das heißt, wir qualifizieren Leute nach, haben sie schon bei uns, während parallel die entsprechende Praxis nachgeholt wird. Darüber hinaus haben wir auch eine Image-Kampagne mit ungewöhnlichen Stellenanzeigen gestartet, um Interesse für den Professorenberuf zu wecken. Daraufhin haben wir viele Initiativbewerbungen bekommen. Solche Sachen machen wir, um auf den Beruf des FH-Professors aufmerksam zu machen, weil ich glaube, dass es auch in den Unternehmen ganz viele Ingenieure und Informatiker gibt, denen dieses Berufsfeld gar nicht klar ist. Wir haben ja – anders als jeder andere Beruf – für die FH-Professur keine systematischen Karrierewege. Man muss promoviert sein und fünf Jahre Berufserfahrung haben, davon drei Jahre außerhalb der Hochschule, möglichst in leitender Position. Diese Leute denken überhaupt nicht mehr an Fachhochschulen, sie sind ja auch meist über Universitäten sozialisiert. Das heißt, sie haben vielleicht noch nie eine Fachhochschule von innen gesehen. Das ist für mich jetzt ein Riesenthema, das ich in den nächsten Jahren vorantreiben möchte, indem wir dieses Feld systematisch angehen, um klare Karrierewege zu entwickeln.

Womit wir beim Thema Alumni-Bindung wären. Was tun Sie, um Ihren wissenschaftlichen Nachwuchs zu halten? Die Alumni-Arbeit ist primär Sache der Fachbereiche, da die Studenten ihre Heimat im Fachbereich und nicht an der gesamten Hochschule sehen. Aber eben da liegt der Ansatzpunkt für unser Karrieremodell: Wir versuchen zu ändern, dass alle Professoren über die Universitäten sozialisiert sind. Das ist einer der Gründe, warum Promotionen an Fachhochschulen wichtig sind. Wenn wir unsere eigenen Leute in unserem eigenen System ausbilden, dann kommen sie auch wieder zurück. Deshalb ist eine Abbildung des gesamten Karrierewegs – also Bachelor, Master, Promotion – und eine weitere Gestaltung über Nachwuchsprofessuren entscheidend. Deswegen machen wir sehr viel im Bereich Qualifizierungsstellen für Promovenden, wobei wir kein eigenes Promotionsrecht haben.

Studierende können an der FH Münster nicht promovieren, aber Sie betreuen Doktoranden? Ja, im Moment zählen wir ca. 120 laufende kooperative Promotionen. Wir haben Kooperationsverträge mit unterschiedlichsten Universitäten, wobei das meist über Kontakte mit Kollegen läuft. Die Fachcommunity kennt sich, vielleicht war man schon gemeinsam Assistent an einem Lehrstuhl – der eine ist an der Uni gelandet, der andere an der Fachhochschule. Die arbeiten weiter zusammen und betreuen gemeinsam Promotionen. In weiten Bereichen funktioniert das sehr gut, zum Beispiel in Fächern wie Chemie oder Physik, wo es interessante Schnittstellen zwischen Theorie und Praxis gibt – Theoretische und Angewandte Chemie, Physikalische Technik und Theoretische Physik –, in denen sehr gerne Promotionen stattfinden. Ein Vorteil des Bachelor-/Master-Systems ist, dass unsere Absolventen an der Uni promovieren können. Ein nächster Schritt ist, dass auch der Kollege der FH als Zweitgutachter im Gutachterteam sitzt – nur so funktioniert eine kooperative Promotion. Das hat bislang noch keine Systematik, denn es erfordert eine Änderung sämtlicher Promotionsordnungen sämtlicher Universitäten bzw. Fachbereiche Deutschlands.

Ist dieses Modell Münster-spezifisch? Nein, das gibt es an allen Fachhochschulen, wenngleich wir da vielleicht ein bisschen weiter sind, was die Zahl der Promotionen betrifft. Die ist bei uns etwas höher, da wir schon sehr früh mit einem eigenen Promotionskolleg gestartet sind, das alle Doktoranden durchlaufen müssen und für das sie Credits bekommen in Sachen Sozialkompetenz, allgemeines wissenschaftliches Arbeiten, ethische Aspekte in der Wissenschaft usw. – vermittelt werden also fachliche und überfachliche Qualifikationen.

Sie haben viel erreicht. Was konnten Sie nicht umsetzen? Wir hatten uns schon sehr früh das Thema Weiterbildung auf die Fahnen geschrieben, dessen Umsetzung in der ersten Amtszeit aus verschiedenen Gründen noch nicht möglich war: Umsetzung der konsekutiven Bachelor und Master, doppelter Abiturientenjahrgang, steigende Studierendenzahlen, demografische Entwicklung usw. Dennoch bleibt das Thema der weiterbildenden Masterstudiengänge ein Riesenfeld. Jetzt ist auch ein Wandel erkennbar. Die Fachbereiche beginnen, sich um dieses Thema zu kümmern, weil sie merken, dass genug Bachelorabsolventen da sind, die genau das nachfragen. Jetzt kommt der Druck sozusagen von den eigenen Leuten. Da waren wir einfach zu früh dran, denke ich.

Da trifft es sich gut, dass Sie Ihre eigenen Studiengänge akkreditieren können. Ja, genau. Das war ein Ergebnis des Qualitätsmanagements, beginnend mit unserer Arbeit während meines Prorektorats. Wir haben ein Qualitätsmanagement aufgebaut, das logisch zur Systemakkreditierung geführt hat. Wir waren 2011 die erste Fachhochschule, die erste Universität war Mainz. Inzwischen sind es vierzig Hochschulen insgesamt, die systemakkreditiert sind. Es war immer unser Bestreben, zwar Pioniere zu sein in diesem Bereich, aber auch dafür zu sorgen, dass möglichst viele mitmachen.

Wie wirkt sich das auf das Studiengangsprogramm aus? Nicht unmittelbar. Wir haben um die siebzig Studiengänge, für eine Fachhochschule ziemlich viel, sodass es für die Studenten ein gutes Angebot, eine gute Auswahl an Möglichkeiten gibt.

Die meisten der Studierenden gehen mit dem Bachelor ab. Ist es Ihr Ziel, sie auch für den Master zu behalten? Nicht unbedingt. Ich glaube an das Bachelor-/Mastersystem, dass es sinnvoll ist, Leute mit einem Bachelor in die Arbeitswelt zu entlassen, weil es viele Berufsfelder gibt, die akademisiert werden. Heute kommen Akademiker in Positionen, die früher von Nicht-Akademikern bekleidet wurden, aber die müssen nicht alle einen Masterabschluss haben. Da ist der Bachelor genau das Richtige. Das ist, glaube ich, auch noch einmal ein Riesenunterschied zu den Universitäten, denn da schlagen überwiegend junge Abiturienten auf und die gehen meist durch das gesamte Bachelor- und Mastersystem.

An den Fachhochschulen war die Umsetzung der Reform natürlich leichter, weil bei uns der Bachelor im Prinzip das alte FH-Diplom ohne das Praxissemester ist. Ich bin ja deshalb eine große Anhängerin der Bachelor-/Mastersystems, weil das für die Fachhochschulen der Befreiungsschlag war. Plötzlich durften wir Master machen, plötzlich sind die Abschlüsse absolut gleichwertig. Das hat den Fachhochschulen einen unglaublichen Entwicklungsschub gegeben. Überhaupt hat diese ganze Entwicklung, die stärkere Ausdifferenzierung des Hochschulsystems, mit dem Bachelor-/Master zu tun, den kooperativen Promotionen usw.

Welches Alleinstellungsmerkmal hat die FH Münster? Wir stehen stark für das Thema Qualitätsmanagement, Systemakkreditierung und Forschung, weil wir damit sehr früh eingestiegen sind, schon unter Klaus Niederdrenk. Der hatte das Thema Forschung und Transfer schon ganz nach vorne gebracht. Wir stehen als Fachhochschule Münster eher für Querschnittsthemen, weniger für ein inhaltliches Thema. Das auch, aber kleinteiliger auf die Fachbereiche verteilt.

Es gibt etwa ein paar Fächer, die man nur bei uns machen kann, zum Beispiel die Lehramtsausbildung für das Berufskolleg in einem richtig partizipativen Modell. Das heißt, von Beginn an studieren die Studenten ein Fach bei uns und eins an der Uni, sowohl im Bachelor als auch im Master: Bei uns ein berufsbildendes Fach, etwa Elektrotechnik, an der Uni zum Beispiel Deutsch bzw. Germanistik. Dieses Modell ist immer noch einmalig. Ich denke, es gibt in jedem Fachbereich etwas Besonderes. Bei den Architekten zum Beispiel ist es so, dass die Kollegen seit Jahren ihre fünf grünen Punkte im CHE/ZEIT- Ranking „einfahren“. Oder die internationalen Programme, bei denen es Doppelabschlüsse gibt. In der BWL gibt es das schon sehr lange, mit mehreren europäischen Universitäten in vielen europäischen Sprachen, aber auch ein Deutschland-Lateinamerika-Programm. Das gibt es sonst nirgends: Man kann einen Abschluss in Deutschland und in einem lateinamerikanischen Land machen – double degree. Und unsere Designer haben einen Schwerpunkt im Produktdesign. Die physikalische Technik macht viel Medizintechnik – das gibt es auch nirgendwo anders. Generell gibt es in jeder Fachdisziplin schon etwas Eigenes.

Wie sieht es mit Kooperationen und Vernetzung zur Wirtschaft aus? Transfer ist ja FH-spezifisch. Wir haben schon seit circa zehn Jahren eine eigene Transferagentur, die aus fünfzehn Leuten besteht und unsere Transferarbeit abwickelt. Mit dem Kreis Steinfurt etwa haben wir schon seit etlichen Jahren eine gemeinsame Initiative, TRAIN (Transfer in Steinfurt), die sich um den Wissens- und Technologietransfer der Professuren mit den Unternehmen im Kreis Steinfurt kümmert. Solche Modelle gibt es schon sehr lange. Das ist sehr typisch für Fachhochschulen. Auch da waren wir nur wieder ein bisschen schneller als die anderen!

Das wäre zugleich die Hilfestellung für die Studierenden von der FH in die Arbeitswelt... Ja genau. Diese Vernetzung, die Art, wie an Fachhochschulen gearbeitet wird und dass die Abschlussarbeiten in der Praxis geschrieben werden. Spätestens ab dem zweiten Semester machen die Studierenden mit ihren ProfessorInnen Projekte in Unternehmen, bei denen sie oft bleiben. Auch die Firmen haben das sehr gerne. Wir haben eine richtige Recruiting-Strategie, indem wir versuchen, die Studierenden mit der Wirtschaft/Industrie schon früh zusammenzubringen, auch bei unseren Stipendienprogrammen. So machen wir Stipendientage, an denen sich Stifter und Stipendiaten kennenlernen, damit man schon früh eine fruchtbare Beziehung etablieren kann. Da wird eine Fachhochschule schon einmal zum halben Jobvermittler!

»Für die FH-Professur gibt es keinen systematischen Karriereweg. Dieses Feld anzugehen ist für mich ein Riesenthema.« Prof. Ute von Lojewski, Präsidentin der FH Münster

Infos rund um die FH Münster

  • Die FH Münster war 2011 die erste Fachhochschule, die system- akkreditiert wurde. Dadurch erhielt die FH eine Zulassung zur eigenständigen Qualitätssicherung ihrer Studiengänge.
  • Der Fachbereich Wirtschaft wird seit Jahren in Rankings als exzellent eingestuft. Dort werden internationale Programme mit Doppelabschlüssen angeboten, unter anderem auch ein Deutschland-Lateinamerika-Programm. Auch die Architekten, die Physikalische Technik und andere Studiengänge werden regelmäßig gut eingestuft.
  • Mit dem Kreis Steinfurt existiert eine gemeinsame Initiative, die TRAIN (Transfer in Steinfurt), die sich um den Wissens- und Technologietransfer mit den Unternehmen im Kreis Steinfurt kümmert.

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