Präsident der Hochschule Niederrhein, Prof. Dr. Hans-Hennig von Grünberg. Foto: audimax

Hochschulporträt: Hochschule Niederrhein

An der Hochschule Niederrhein wird in regionaler Orientierung und mit Blick auf den Beruf ausgebildet. Präsident Prof. Dr. Hans-Hennig von Grünberg über das ›Krefelder Modell‹ und neue Studienformate.

Herr Prof. von Grünberg, Sie sind Physiker, haben in Aachen und Berlin studiert, verfügen über internationale Erfahrung in Österreich und Großbritannien – wie sind Sie nach Krefeld gekommen?

Als Wissenschaftler an der Universität Graz kam ich als Prodekan Forschung an der Naturwissenschaftlichen Fakultät mit Managementaufgaben in Kontakt – und das machte mir außerordentlichen Spaß. So habe ich diesen sicher nicht ganz gewöhnlichen Schritt von einer altehrwürdigen Universität in Österreich zu einer Hochschule für angewandte Wissenschaften in Nordrhein-Westfalen vollzogen. Ich bin heute sehr froh darüber, diesen Schritt getan zu haben.

Was haben Sie angepackt?

Im Wesentlichen haben wir uns noch konsequenter als bisher auf den Gedanken ausgerichtet, dass eine Hochschule für angewandte Wissenschaften Wissen in die Region bringt, sei es in Form von Forschung und Transfer oder in Form von gut ausgebildeten Fachkräften, die wir dem regionalen Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen.

Was heißt das konkret?

Gleich zu Beginn meiner Amtszeit 2010 haben wir einen neuen Fachbereich gegründet, den Fachbereich Gesundheitswesen. Das war ein naheliegender Schritt, da die Gesundheitsbranche am Niederrhein boomt und die Unternehmen Fachkräfte brauchen. Die Hochschule Niederrhein hat sich schon immer an den Erfordernissen der regionalen Wirtschaft ausgerichtet und tut das bis heute. Wir bieten jetzt die Studiengänge Informatik im Gesundheitswesen, angewandte Therapiewissenschaften und Health Care Management an – alles Berufsbilder, die stark nachgefragt sind. Und noch etwas: Eine Branche kann nur wachsen, wenn sie innovativ bleibt. Wir haben das Kompetenzzentrum eHealth, das für die Gesundheitsbranche an wichtigen Zukunftsthemen forscht. Häufig auch in Kooperation mit der regionalen Wirtschaft. In diesem Bereich sehen wir übrigens großes Wachstumspotential.

Können Sie das kurz ausführen?

Wir planen einen Pflegestudiengang, der derzeit in Kooperation mit den Pflegeschulen der Region entwickelt wird. Beim Thema Akademisierung der nicht-ärztlichen Heilberufe wollen wir weiter vorne mitspielen. Den nächsten Schritt in diese Richtung ebnet uns das Pflegeausbildungsgesetz, nach dem circa ein Drittel aller Pflegeschüler studiert haben sollen. Wir glauben daher, dass ein Studiengang Pflege großes Potenzial hat. 2018 soll es losgehen.

Welche Studiengänge haben Sie noch eingeführt?

Diverse Masterstudiengänge, zum Beispiel im Bereich EBusiness oder Energiemanagement, außerdem die neuen Bachelorstudiengänge Ernährungswissenschaften und Lebensmittelwissenschaften, um nur ein paar zu nennen. Wichtig ist uns, dass unser anwendungsnahes und transferorientiertes Angebot, das sich durch alle Studiengänge zieht, als komplementär zum klassischen Universitätsformat wahrgenommen wird. Unsere Botschaft ist – und das stammt nicht von mir, sondern ist vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung jetzt wieder belegt worden: Wer schneller in den Beruf einsteigen will und mehr Geld verdienen möchte, der ist auf einer Hochschule für angewandte Wissenschaften besser aufgehoben als an einer Universität.

Was haben Sie reformiert?

Wir haben das duale Studium aufgewertet. Studieren nach dem Krefelder Modell bezeichnet die Idee, dass man ein klassisches Bachelor- Studium macht und daneben eine volle berufliche Ausbildung und beides innerhalb von acht Semestern schafft. Das ist das klassische, ausbildungsintegrierte Studium. Inzwischen studieren von insgesamt 14.500 fast 1.000 Studierende auf diese Weise dual.

Wie funktioniert das triale Studium?

Das ist die Anwendung des dualen Studiums auf Handwerksberufe. Man absolviert neben einem BWL-Studium am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften seinen Gesellenbrief und im Anschluss den Meister – und steht nach zehn Semestern mit drei Abschlüssen da. Wir haben das Studium zusammen mit der Handwerkskammer Düsseldorf und anderen Partnern entwickelt und sind stolz darauf, das als erste staatliche Hochschule jetzt seit einem Jahr anbieten zu können.

Und das Traineestudium?

Bei diesem Format wird die Dualität zweier Abschlüsse zugunsten einer mit einem Studium gekoppelten Traineephase in einem Unternehmen aufgegeben. Durch einen Vertrag sind die Studierenden an ein Unternehmen gebunden, verzahnen Praxis und Theorie noch intensiver. Der Professor an der Hochschule und der Betreuer im Unternehmen stehen in Kontakt. Das ist ein Studium, bei dem man sich schon früh an ein Unternehmen bindet.

Ihren dualen Studienmodellen gemeinsam ist ja: Sie verlängern die Studienzeit.

Das stimmt. Aber sie verdoppeln auch oder verdreifachen gar die Zahl der Abschlüsse. Wir kommen damit immer mehr zu einer wirklich individuellen Studienzeit. Wir glauben, dass die Zeiten, in denen es einen klar getrennten Abschnitt Ausbildung und einen Abschnitt Beruf im Leben gibt, vorbei sind. Die Bereiche greifen immer mehr ineinander über und ergänzen sich. Das Studium im Jahr 2020 sieht völlig anders aus als in Zeiten, zu denen wir studiert haben. Davon bin ich überzeugt.

Das klingt sehr innovativ.

Wir wollen mehr mit den Formaten spielen – also Traineestudium, duales Studium in verschiedenen Varianten anbieten, zum Beispiel auch im Masterbereich. Und wir wollen weg vom Dogma der Regelstudienzeit und stattdessen individuelle Studienverläufe fördern. Das haben wir auch in den Hochschulentwicklungsplan geschrieben. Und ich könnte mir vorstellen, dass das bei den Studierenden gut ankommt.

Sie bilden hoch qualifizierte Nachwuchskräfte aus ...

Und wir möchten, dass diese in der Region bleiben. Die Hochschule Niederrhein ist wirklich aus der Region gewachsen. Sie hat sich im Laufe ihrer Geschichte bis zum heutigen Tag immer daran orientiert, was der Niederrhein braucht. Sie hat geholfen, die Menschen in der Region auszubilden, sie hat den Unternehmen Arbeitskräfte beschafft und Innovationen ermöglicht. Wir sind seit über 160 Jahren Partner der Region – und wollen dies bleiben.

Infos rund um die Hochschule Niederrhein

  • Gegründet 1971, reicht die Geschichte der Hochschule Niederrhein zurück bis ins 19. Jahrhundert, als eine Web- und eine Textilingenieursschule den heutigen Fachbereich Textil- und Bekleidungstechnik begründeten, den größten in Europa.
  • Neben den traditionell starken naturwissenschaftlichen Fachbereichen Textil- und Bekleidungstechnik sowie Chemie sind auch die Lebens-, Ingenieurs- und Wirtschaftswissenschaften sowie (Textil-)Design an den Standorten Krefeld und Mönchengladbach vertreten.
  • Als Pilotvorhaben wurde das duale Studium in Krefeld bereits 1981 von der Landesregierung als eines der ersten überhaupt in Deutschland eingerichtet.
  • Die HS Niederrhein ist Mitbegründerin der Hochschulallianz für den Mittelstand und in der Region bestens vernetzt – auch in der Wirtschaft.
  • Das NRW Graduierteninstitut regelt zentral alle Kooperationsvorhaben im Bereich der Promotionen. Eine besonders enge Kooperation besteht im Fachbereich Chemie mit der Universität Duisburg-Essen.
  • Freizeitgestaltung: Auf den Spuren von Samt und Seide in Krefeld wandeln, Erlebnisbrücke Nordkanal in Mönchengladbach
  • Beliebtester Prof laut MeinProf: Prof. Dr. Hans-Jürgen Buxbaum, Wirtschaftsingenieurwesen
  • Wohin mit Mutti: Deutsches Textilmuseum in Krefeld, Altstadrundweg durch Mönchengladbach
  • WG-Kosten: 6,85 €/m² in Krefeld, 6,46 €/m² in Mönchengladbach (Quelle: Mietspiegel)
  • Männer-/Frauenanteil: 7.378 Frauen und 7.133 Männer
  • Die größte Studentengruppe: Wirtschaftswissenschaften mit 3.282 Studierenden

 


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