»Ich suche den Dialog!« - Interview mit dem Präsidenten der Uni Siegen Foto: audimax

Hochschulporträt: Uni Siegen

Prof. Dr. Holger Burckhart hat die Universität Siegen komplett neu strukturiert. Der Rektor spricht im audimax-Interview über das gesellschaftlich geprägte Leitbild, nötige Reformen und die Beteiligung von Digital Natives.

Herr Prof. Dr. Burckhart, neben Ihrem Amt als Universitätsrektor sind Sie in zahlreichen Gremien tätig, sind im Vorstand der European University Association (EUA), halten den Lehrstuhl für Bildungsphilosophie, betreuen Doktoranden, leiten das Hans Jonas Institut, sind HRKVizepräsident für Lehre und Studium. Wie viele Stunden hat Ihr Tag?

Mein Tag beginnt um fünf Uhr und endet gegen 22/23 Uhr, sieben Tage die Woche. Natürlich schaffe ich mir auch immer wieder Freiräume. Man wird sehr zeiteffizient und lernt, mit den verschiedenen Herausforderungen umzugehen. Das Wichtigste ist: Es macht mir einfach große Freude.

Sie sind seit 2009 Rektor der Universität Siegen, als Philosoph und Pädagoge keine typische Besetzung für eine Top-Position an einer Hochschule. Heute brauchen Hochschulen doch Manager an der Spitze, oder?

In den vergangenen zehn bis 15 Jahren lässt sich ein Wechsel in der Besetzung der Präsidien und Rektorate beobachten, der auf einen neuen, anderen Leitungsstil hindeutet, der sich durch Strategieentwicklung und Gesamtverantwortung auszeichnet. Insofern bin ich da als Philosoph und Pädagoge gut aufgehoben. Verantwortung und Verantwortungsübernahme sind mehr als nur Begriffe, sondern Prinzipien, die ich lebe, pädagogisch erklären und philosophisch begründen kann. Ich nenne das Mitverantwortung.

Welche Reformen haben Sie vorangetrieben oder wollen Sie vorantreiben?

In meiner Amtszeit hat die Universität Siegen eine Strukturtransformation erlebt. Im Zuge dessen wurden ehemals zwölf Fachbereiche in vier interdisziplinären Fakultäten neu gegliedert. Das schafft Übersichtlichkeit und Transparenz und erleichtert die interne und externe Kommunikation. Bei strategisch wichtigen Themen ist es wichtig, alle einzubeziehen. Im Januar hat erstmals eine Hochschulkonferenz stattgefunden, zu der die ganze Universität, regionale Entscheidungsträger und die Stadtbevölkerung eingeladen waren. Thematisiert wurde die Entwicklung der Hochschulen in NRW, aber auch die weitere Entwicklung der Universität Siegen.

Wie geht es die nächsten zehn Jahre weiter?

Gerade, wenn es um die bauliche Entwicklung geht, müssen die Bürger einbezogen werden, denn die Universität ist ein Teil der Gesellschaft. So gehe ich grundsätzlich vor: Ich suche öffentliche Diskussion und den Austausch in den Gremien, um Teilhabe zu ermöglichen.

Ist das Ihr persönlicher Führungsstil?

Ich verstehe mich als Moderator, der den Dialog sucht. Ein partizipatives, transparentes Vorgehen ist wichtig – das macht Lösungen möglich und Entscheidungen nachvollziehbar. Wie läuft der geplante Campusumbau ab? Es gibt offenbar ein deutliches Votum, dass mehr Universität im Herzen der Stadt gewünscht ist. Das wird begrüßt und unterstützt. Dafür werden Flächen gesucht, auch das Verkehrskonzept muss verändert werden. Die Idee ist, die Universität in wesentlichen Teilen – gerade was die Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften angeht – im Herzen der Stadt zu platzieren. Eben im Sinne einer bürgernahen Universität in einer stadtgesellschaftlichen Verantwortung.

Welche Möglichkeiten eröffnen sich dadurch?

Der neue Campus am historischen Unteren Schloss für 3.500 Lernende und 200 Lehrende setzt Entwicklungsimpulse frei, die Siegen stark verändern werden. In der Innenstadt wird mit der Zeit eine studentische Dienstleistungs-, Geschäfts- und Kneipenszene entstehen, das Flair der Stadt wird sich ändern, Siegen wird mit dem Campus rund um das Untere Schloss verstärkt als Universitätsstadt wahrgenommen. Nicht nur bei der eigenen Bevölkerung, sondern auch bei den Studierenden und Lehrenden außerhalb der Region.

Wie sieht Partizipation an der Uni Siegen aus?

Wir wissen, dass partizipativ getragene Strukturprozesse nur konsensfähig sind, wenn sie durch einen konstanten Dialog begleitet werden. So haben wir im Herbst 2014 den Struktur- und Entwicklungsplan der Universität Siegen mit den Gremien der Hochschule und der gesamten Hochschulöffentlichkeit diskutiert. Und das unter größtmöglicher Transparenz und mit der Aufforderung an alle, sich aktiv zu beteiligen. Um der Lebenswirklichkeit der Studierendenschaft als Digital Natives gerecht zu werden und diese aktiv an den Diskursen zu beteiligen, wurden über Web 2.0-Instrumentarien weitere Plattformen initiiert. Hierfür wurden nicht nur der Struktur- und Entwicklungsplan der Universität Siegen und der Landeshochschulentwicklungsplan online öffentlich gemacht. Parallel dazu haben wir auch ein Weblog eingerichtet, der es allen Angehörigen der Universität ermöglicht, in anonymisierter Form über die Kommentarfunktion des Blogs Kritik zu äußern und Anregungen zu geben. Wir möchten die Universität Siegen kontinuierlich besser machen, doch dafür sind wir auf die Hilfe unserer Studierenden, unserer Professoren und Mitarbeiter, aber auch aller Bürger angewiesen.

Das Leitmotiv der Universität Siegen lautet ›Zukunft menschlich gestalten‹ – das deutet auf ein modernes und gesellschaftsorientiertes Selbstverständnis der Universität hin.

Unser Motto umfasst die Zukunft und deren Gestaltung sowie als übergreifendes Kriterium das Menschliche – denn nur der Mensch kann die Verantwortung tragen. Das ist ein regulatives Prinzip, eine Aufgabe. Es ist ein konkreter Gestaltungsauftrag. In Bezug auf die Universität verpflichten wir uns, die Studierenden zu befähigen, an der Gesellschaft in diesem Sinne mitzuwirken. Zum Beispiel indem sie die sogenannten Soft Skills entwickeln, oder indem wir sie so ausbilden, dass sie in ihren Fachgebieten entsprechend arbeiten können.

Welche Rolle spielt Internationalisierung?

Wir entwickeln aktuell ein ganzheitliches Internationalisierungskonzept, das international attraktive Studienprogramme beinhaltet, aber auch strahlkräftige Forschung. Dabei geht es um strategische Partnerschaften, aber auch um Sprachkurse, Info-Broschüren oder Mentoren-Programme. Die Internationalisierung bietet uns die Chance, unseren Studierenden und den Beschäftigten einen echten Mehrwert zu liefern. Im Moment läuft der Antrag der Universität Siegen in Kooperation mit der Universität Bremen zur Akkreditierung als Europäische Universität. Im Fokus stehen Lehre, Forschungsstrukturen und der Austausch von Lehrenden und Studierenden.

Warum nach Siegen?

Wir sind ein recht individualisierter Betrieb, keine Massenuniversität. Wir haben auch keine großen Module, sondern eine Vielzahl von kleinen Einheiten, wodurch wir ein großes Lehrangebot haben: kleine Lerngruppen, projektbasiertes und interdisziplinäres Denken von Anfang an. Das ist der zunehmend gelebte Ansatz.

Infos rund um die Uni Siegen

  • 1972 als Gesamthochschule gegründet und 2003 in den Status einer Universität übergegangen, präsentiert sich die Universität Siegen heute als junge, moderne Hochschule.
  • Von knapp 11.000 Studierenden im Jahr 2009 auf fast 20.000 Studierende im Jahr 2016: Die Attraktivität der Universität Siegen steigt stetig. Die Uni bietet Fächer in vier Fakultäten: Philosophische Fakultät, Fakultät für Bildung/Architektur/Künste, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften/Wirtschaftsinformatik/Wirtschaftsrecht und Naturwissenschaftlich-Technische Fakultät.
  • Bei 100.000 Einwohnern in Siegen ist die Universität regional stark eingebunden und übernimmt gesellschaftliche Verantwortung, etwa im Bereich Integration von Flüchtlingen, Kinderbetreuung oder Bürgernähe.
  • Die Uni Siegen bietet international etablierte Graduierten-Studiengänge, etwa den M.Sc. Chemistry, M.Sc. Physics oder M.Sc. Mechatronics.

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