Hochschulporträt: Universität Duisburg-Essen

Die Universität Duisburg-Essen zeichnet sich durch Internationalität, Forschungsstärke und Diversity aus. Wie schafft das eine Universität, die es in dieser Form erst seit zwölf Jahren gibt?

Professor Ulrich Radtke im Büro vor Kunstwerk.
Professor Ulrich Radtke, Präsident der Universität Duisburg-Essen Foto: audimax

Duisburg und Essen – zwei Städte im Herzen des Ruhrgebiets, dort, wo man nie so ganz genau weiß, wo die eine Stadt aufhört und die nächste beginnt, wo die Menschen weltoffen und bodenständig und hartes Arbeiten gewohnt sind – eine Region, die sich immer wieder neu erfindet, neu erfinden muss, die voller Leben und Intensität ist, pulsierend, lebensnah und international. Inmitten dieses Konglomerats aus verschiedenen Nationalitäten, Charakteren und unglaublich vielen Geschichten rund um Wirtschaft, Fall und Aufstieg sowie Innovationsgeist bündeln diese beiden Städte, die in jeder anderen Region Deutschlands den Status einer eigenständigen Metropole hätten, eine aus vielerlei Gründen besondere Bildungsstätte – die Universität Duisburg-Essen, kurz UDE.

Pulsierend, lebensnah und international, das sind auch drei Attribute, mit denen sich der Rektor der UDE für ›seine‹ Universität anfreunden kann. Professor Ulrich Radtke ist kein Kind des Ruhrgebiets, aber er ist eben auch der lebende Beweis dafür, dass in dieser Region nahezu jeder ein Stück Heimat entdecken kann. Das trifft – und das ist eines der besonderen Merkmale der UDE – auch auf die zahlreichen internationalen Studenten zu, die in Duisburg und Essen studieren. 18 Prozent der insgesamt über 41.000 immatrikulierten UDE-Studierenden kommen aus dem Ausland, 130 Nationalitäten beherbergt die Uni. »Die UDE ist ein Ort der Toleranz und des friedlichen Miteinanders. Wir sind aufgeschlossen gegenüber Fremden, aber auch gegenüber Bildungsaufsteigern.« Bildungsaufsteiger, Bildungsgerechtigkeit – auf diese Schlagworte kommt Professor Radtke im Interview immer wieder zu sprechen. Es sind zentrale Themen der Bildungsrepublik Deutschland im Jahr 2015 und in der Zukunft, die oft viel zu wenig Beachtung finden. Nicht so an der UDE. »Wir bieten mehrere Programme an, um einen gerechteren Zugang zu Bildung zu ermöglichen«, berichtet der Rektor und zählt die Initiativen auf: »Im Projekt ›ProSALAMANDER‹ können sich Migranten mit ausländischem Hochschulabschluss in etwa zwölf bis 18 Monaten in bestimmten Fächern weiterbilden, ihre Sprachkenntnisse verbessern und schließlich einen deutschen Hochschulabschluss (Bachelor oder Master) erwerben, ohne wieder komplett bei null anfangen zu müssen. Dieses Gemeinschaftsprojekt mit der Universität Regensburg und der Stiftung Mercator verfolgt einen Drei-Säulen-Ansatz, der neben der fachlichen Nachqualifizierung auch die sprachliche Studierfähigkeit sowie die Arbeitsfähigkeit in akademischen Berufen in den Blick nimmt.«

Ein weiteres Projekt zur Bildungsgerechtigkeit nennt sich ›Chance hoch 2‹. »Wir begleiten und unterstützen gezielt Jugendliche aus Nichtakademikerfamilien mit und ohne Migrationshintergrund ab der Klassenstufe 9 beziehungsweise 10 bis zum Bachelorabschluss und fördern sie sowohl materiell als auch ideell. Dabei geht es noch nicht einmal in erster Linie darum, ob diese Jugendlichen dann tatsächlich studieren, sie sollen aber wenigstens die Möglichkeit zur Entscheidung haben, ob sie studieren wollen oder nicht. Viele Jugendliche aus Nichtakademikerfamilien bekommen leider gar nicht die Chance, vor dieser Wahl zu stehen«, erklärt Professor Radtke.

Diese und einige andere Projekte wie ›Freestyle-Physics‹ oder ›MINTroduce‹, die sich vor allem um den MINT-Nachwuchs kümmern, zeigen erste Früchte an der vergleichsweise noch jungen Universität, die 2003 aus einer Fusion hervorgegangen ist. »Es gibt meines Wissens nach keine Universität in Deutschland mit so vielen Bildungsaufsteigern wie bei uns, hier vollbringen unsere Mitarbeiter und Studierenden eine sehr große Integrationsleistung. So haben unsere Studierenden schon über 13.000 Schüler im Förderunterricht auf dem Weg zum Abitur unterstützt. Außerdem zeigt sich die Integrationsleistung der UDE auch bei der aktuellen Flüchtlingsdebatte: »Flüchtlinge erhalten bei uns einen kostenlosen Gasthörerstatus und können sich darüber hinaus über die Studien- und Arbeitsmöglichkeiten bei uns informieren«, gibt Professor Radtke einen weiteren Überblick.

Trotz dieser Leistungen ist es vor allem das Alltagsgeschäft, das den Rektor umtreibt. Die Hochschullandschaft steht vor einschneidenden Herausforderungen, die Ulrich Radtke an einem Zahlenspiel verdeutlicht: »Das Betreuungsverhältnis Professoren zu Studierende wird in Deutschland immer schlechter. Momentan liegt es ungefähr bei 1:65, in meiner Studienzeit lag es noch bei 1:36. Qualitativ hochwertige Lehre bei einer immer größer werdenden Studierendenzahl und einer insgesamt sehr heterogenen Studierendenschaft zu sichern, ist eine der zentralen Herausforderungen, denen wir uns stellen. Da müssen wir uns als Gesellschaft auch ganz wesentliche Fragen stellen. Eine dieser Fragen lautet: ›Welche Qualität soll die Ausbildung an einer Universität haben?‹ Jede Branche, jede Lobbygruppe und jeder Minister kämpft um ihr/sein Budget, und da müssen wir vermehrt dafür werben, die Bildung und damit die Zukunftsfähigkeit unseres Landes stärker in den Fokus zu rücken«, lautet das Plädoyer des Rektors, dem er eine eindringliche Bitte an die Studierendenschaft in Duisburg/Essen und darüber hinaus anschließt: »Wir als Rektoren mahnen diese Situation an. Aber wenn sich 270 Rektoren und Präsidenten zu Wort melden, wird das leider keine große Wirkung haben. Auch die Studierenden müssen klarmachen, dass sie mehr Qualität in ihrer Ausbildung wollen – und auch benötigen, um den Bedarf und die Anforderungen der Wirtschaft zu decken.«

Um diese Anforderungen zu decken, hat sich die UDE in vielen Bereichen aufgestellt, teilweise auch als Vorreiter. So hat die Universität Duisburg-Essen als erste Universität ein Prorektorat Diversity Management gegründet. Sechs Graduiertenkollegs gehören genauso zum Angebot wie Mentoringprogramme. Zudem führt sie mit der TU Dortmund und der Ruhr-Uni Bochum eine ›Global Young Faculty‹, in der je 50 sehr gute Nachwuchswissenschaftler interdisziplinär zusammenarbeiten. »Die Themen, an denen die Nachwuchswissenschaftler forschen, legen sie selbst fest. Sie allein entscheiden, welche Impulse sie in die Gesellschaft setzen möchten. Dafür erhalten sie zum Beispiel auch Geld, um Experten einzuladen oder Tagungen zu organisieren«, erklärt Professor Radtke das Programm, das von der Stiftung Mercator mitgefördert wird und das in vollem Einklang mit dem Motto der UDE steht: ›Offen im Denken.‹

Im Denken offen zu sein, heißt auch, sich Ziele für die Zukunft zu setzen: »Uns fehlen noch ein paar Sonderforschungsbereiche, wir möchten bei der nächsten Runde der Exzellenzinitiative erfolgreich sein und unsere Zusammenarbeit in der Universitätsallianz Ruhr weiter intensivieren«, formuliert Rektor Ulrich Radtke die Zukunftspläne an der UDE, um den Status als offene, internationale und forschungsstarke Universität weiter ausbauen zu können.

Infos rund um die Uni Duisbug-Essen

  • Die Universität Duisburg-Essen (UDE) wurde am 1. Januar 2003 durch eine Fusion der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg und der Universität-Gesamthochschule Essen gegründet.
  • Sie gehört mit rund 41.000 Studenten aus 130 Nationen zu den – nach Studentenzahlen – zehn größten deutschen Universitäten.
  • Die UDE bietet ein breites akademisches Spektrum mit gleich elf Fakultäten: Geisteswissenschaften, Gesellschaftswissenschaften, Bildungswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, der Mercator School of Management (Betriebswirtschaftslehre), Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Ingenieurwissenschaften und Medizin.
  • Bekannte Absolventen  sind unter anderem Hannelore Kraft (Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalen), Karl-Thomas Neumann (Vorstandsvorsitzender Adam Opel AG), Dieter Nuhr (Kabarettist) und Frank Mastiaux (Vorstandsvorsitzender EnBW AG).
  • Die Universität bietet mehr als 100 Bachelor- und Masterstudiengänge an.
  • Zudem ist die UDE Mitglied der Universitätsallianz Ruhr. Mit diesem strategischen Zusammenschluss aus Ruhr-Universität Bochum, TU Dortmund und der UDE ist die Universität mit Verbindungsbüros auch in New York, Moskau und Lateinamerika vertreten. Ferner gibt es Büros in Malaysia und Indonesien.

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