Arbeitswelten: Car-IT

Foto: Daimler
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Car-IT und vernetzte Fahrzeuge bedeuten weniger Unfälle, kurzweiligere Fahrten, effektivere Autonutzung, aber auch viel Know-how

»Wenn du es so eilig hast, überhol mich gefälligst und fahr mir nicht ständig ins Heck. Ich kann ja das Gesicht deines Fahrer sehen! Das muss ja nun wirklich nicht sein!« Welch Vorstellung – Autos, die sich gegenseitig bepöbeln, sich über ihre Fahrer lustig machen und sich zeigen, wo der Herr Verkehrsminister das Tempolimit gemacht hat. Was überzogen klingt, wird – mit Abzug jeglicher Emotionen – doch sehr realistisch. 

Noch sind wir nicht so weit, aber doch auf dem besten Weg dorthin: Autos, die miteinander kommunizieren und darauf achten, ihren Fahrer sicher ans Ziel zu bringen. Wenngleich von Flächendeckung noch keine Rede sein kann, so sind die Autos beziehungsweise die Automobilhersteller und Softwareunternehmen auf einem guten Weg. Die folgenden Seiten zeigen dabei einen Überblick, was bereits möglich ist, wofür die menschliche Aufmerksamkeit noch gebraucht wird und welche Fähigkeiten Absolventen mitbringen sollten, die im Car-IT-Bereich tätig werden möchten. Aber auch, worauf sich die Entwicklung konzentriert: auf den hedonistischen Fahrer, der ein vielfältiges Entertainment-Programm erwartet oder auf den sicherheitsbewussten Fahrer, der weniger seine Mails als die aktuelle Verkehrslage checken will?

»Auf beides«, sagt Dr. Michael Hafner, Leiter Fahrerassistenzsysteme und Aktive Sicherheit bei Mercedes-Benz Cars.

»Ein entspannter Fahrer in einer komfortablen Umgebung mit intuitiv zu bedienenden Instrumenten fährt sicherer. Fahrerassistenzsysteme übernehmen unangenehme Aufgaben, beispielsweise beim Fahren im Stau. Sie sind immer aufmerksam und deutlich reaktionsschneller als der Mensch – somit entlasten sie ihn dadurch zusätzlich. Aus diesen Gründen legen wir unseren Schwerpunkt in der Entwicklung auf beide Aspekte.«

Auch die Umfragen des Management-Consulting-Unternehmen Accenture zeigen, dass die Verbraucher an neuen Sicherheitssystemen und digitalen Entertainmentangeboten interessiert sind«, erklärt Unternehmensberater Gabriel Seiberth von Accenture und fügt hinzu, dass aufgrund der Vernetzung auch die Sicherheit steigen wird. Als Beispiele nennt er hier das automatische Notrufsystem ›eCall‹, das in wenigen Jahren eingeführt wird, oder die Anpassung der Fahrweise an den Verkehr: »Aus Sicht der Nutzer gilt: Den Komfort erlebt man bei jeder Fahrt, die Sicherheitsfunktionen hoffentlich nie«, so Seiberth, der erklärt, dass viele Kunden das Auto verstärkt als mobiles Endgerät sehen. 

 

Car-IT: Massiver Wandel des Automobils

Dass das Automobil im Wandel ist, lässt sich nicht leugnen. Wie groß dieser Wandel tatsächlich ist, verdeutlicht ein Zitat von Johann Jungwirth, seit kurzem Leiter des Fachbereichs ›Digitalsstrategie‹ bei Volkswagen:

»In den nächsten zehn Jahren wird sich das Auto stärker verändern als in den letzten fünf Jahrzehnten.«

Ganz nach der Devise ›Das Auto ist tot – lang lebe das Auto!‹ also ab in die nächste Generation? Gab es nicht schon ganze Songbücher, die voll mit dem Abgesang auf das Auto waren?

»Das Auto wurde seit der Ölkrise in den 1970er Jahren schon hunderte Male totgesagt, doch der weltweite Absatz steigt und steigt. Mittlerweile sind auch die Tech-Konzerne davon überzeugt, dass das Auto ›the next big thing‹ ist«, sagt Seiberth.

Vor der Tür stehe ein echter Paradigmenwechsel. Die individuelle Mobilität wird zukünftig vom Besitz eines Autos abgekoppelt sein, da die Mobilität zur Dienstleistung wird: »Bisher steht ein Fahrzeug etwa 95 Prozent des Tages herum – es fehlten die Technologien, um ein Auto effizienter auszulasten und mit anderen Nutzern zu teilen. Das ändert sich nun: Wir werden in Zukunft eine Reihe von Mobilitätsanbietern haben – seien es Autohersteller, Technologiefirmen oder Transportunternehmen, die Flotten von selbstfahrenden Fahrzeugen zur Verfügung stellen. Wer ein solches Fahrzeug nutzen möchte, zahlt nur für den tatsächlich zurückgelegten Weg.«

Car-IT: Nicht nur das Auto wandelt sich

Eines steht dabei fest: Nicht nur das Auto verändert sich, sondern auch das Mobilitätskonzept um das Fahrzeug herum. Gründe hierfür sind auch die beiden großen Trends Urbanisierung und Digitalisierung. Marcus Keith, Leiter Entwicklung Anzeige Bedienung bei Audi connect erklärt in diesem Zusammenhang, dass das Unternehmen Entwicklungspartnerschaften mit Städten vorantreibe: »Jüngstes Beispiel ist die Stadt Boston. Wir entwickeln schon heute Technologien, die der Stadt mehr Raum und den Menschen mehr Zeit und Lebensqualität schenken. Wesentliche Faktoren sind dabei die drei Megatrends pilotiertes Fahren, Online-Vernetzung des Fahrzeugs und Elektromobilität.«

Besonders wichtig hier: die Kommunikation. Vor allem die der Autos untereinander. Da es in Deutschland mehr als einen Automobilhersteller gibt und es wenig Sinn ergibt, wenn sich nur die Autos der jeweiligen Hersteller gut untereinander verstehen, muss in der übergreifenden Kommunikation angesetzt werden. Schließlich sollte Vernetzung nicht enden wie der Turmbau zu Babel. Dabei verlangt eine erfolgreiche Kommunikation unter den Fahrzeugen auch eine gute Zusammenarbeit der Verantwortlichen untereinander. Dessen ist sich auch Keith bewusst: »Das vernetzte Auto wird in Zukunft das Zentrum eines digitalen Ökosystems sein. Umso mehr Autos aktuelle Verkehrsdaten liefern, desto detailgetreuer kann ein Abbild der Realität geschaffen werden.« Einen weiteren Schritt zur Verbesserung der Schwarmintelligenz hat Audi im August 2015 gemacht. Gemeinsam mit der BMW Group und der Daimler AG möchte das Unternehmen Nokias Kartendienst ›Here‹ übernehmen, vorausgesetzt, die zuständigen Kartellbehörden stimmen hier zu. Mit dem steigenden Volumen der Daten aus dem Fahrzeugumfeld werde das Serviceangebot komfortabler, vernetzter und noch stärker auf die Bedürfnisse des Einzelnen zugeschnitten.

»Mit diesem Schritt haben die Autohersteller die Herausforderung der Digitalisierung und Vernetzung verstanden«, fügt Seiberth von Accenture an. Das sei zum einen die Konkurrenz durch die Technologiefirmen, die mit aller Macht in das Auto drängen und das Geschäft mit vernetzten Services im Blick haben. Der Berater zeichnet dabei ein Szenario, das vor ein paar Jahren undenkbar gewesen wäre: »Im schlimmsten Fall werden die Autohersteller bald ausschließlich die Hardware bereitstellen, während die Internetfirmen mit ihren Diensten das Geld verdienen. Diese Schnittstelle zum Kunden kann deshalb nur dann gut umgesetzt werden, wenn sich die Fahrzeugbauer öffnen und den Kunden eine herstellerübergreifende Plattform für Dienste rund um die vernetzte Mobilität zur Verfügung stellen. Insellösungen haben keinen Bestand, da sie für die Nutzer nicht attraktiv sind.«

Damit ist zumindest eine Antwort auf die vielen drängenden Fragen gefunden. Aber wie sieht es aus mit unserem bestehenden Straßensystem? Ist die Infrastruktur bereit für die Zukunft?

»Informationen zur Fahrbahnoberfläche, Markierungen oder Verkehrszeichen sind ein wichtiger Baustein für den Nutzen vernetzter Fahrzeuge. Bei der Fahrzeugentwicklung wird daher eine vollumfängliche und redundante Sensorik sowie die Fusion der Sensordaten für eine präzise Darstellung des gesamten Fahrzeugumfelds geachtet«, erklärt Keith von Audi.

Allerdings müsse die Infrastruktur für den schnellen Datenverkehr zwischen den Verkehrsteilnehmern untereinander und zwischen den Verkehrsteilnehmern und der Umwelt größtenteils erst noch geschaffen werden. Dies bedeutet, das Hersteller und Behörden sich auf Normen und technische Standards festlegen müssen und ein flächendeckender Ausbau der Funknetze erforderlich ist.

 

Car-IT: Sicherheitsfragen müssen geklärt werden

Das ist nur eine Fragestellung von vielen, die vernetztes Fahren mit sich bringt. Und was sagt das Gesetz dazu, dass Autos untereinander kommunizieren und die Fahrer dabei mehr oder weniger ›die Beine hochlegen‹ können?

Bis dies endgültig geklärt ist, wird kein Autofahrer um die üblichen Safety-First-Grundlagen herumkommen. In Worten von Dr. Michael Hafner von Daimler bedeutet dies: »Der aktuelle Stand besagt, dass der Fahrer immer aufmerksam sein muss und sich nicht mit ablenkenden Nebentätigkeiten beschäftigen darf.« Sollte das Auto in naher Zukunft aber große Teile der Fahraufgabe sicher übernehmen, so spräche an sich auch nichts dagegen, dass der Fahrer beispielsweise E-Mails checkt, im Internet surft oder mit Freunden chattet. Was aber, wenn wir gemütlich im Auto sitzen, darauf warten, anzukommen und ein Hackerangriff das ganze System lahmlegt? Während laut einer Umfrage von Accenture 45 Prozent der 18- bis 35-Jährigen in Deutschland ein autonomes Auto nutzen würden, obwohl sie damit noch keine Erfahrungen gemacht haben, sagt die Hälfte davon auch, dass die Angst vor Hackerangriffen ein wichtiger Grund gegen das autonome Fahren sei, so Seiberth.

Es gibt also noch einiges zu erledigen, bis hochautomatisierte Fahrfunktionen auf den Autobahnen zu finden sind. Gemäß der Studie ›Hochautomatisiertes Fahren auf Autobahnen – Industriepolitische Schlussfolgerungen‹, die die beiden Fraunhofer-Institute IAO und Fokus gemeinsam mit der Unternehmensberatung ›mm1‹ sowie dem Institut für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM) im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie durchgeführt haben – wird dies 2020 der Fall sein. Vier Jahre, in denen zwar das Rad nicht neu erfunden werden muss, aber auf viele Fragestellungen noch Antworten beziehungsweise Möglichkeiten der Umsetzung zu suchen sind. Dennoch kommen die Automobilhersteller und Softwareunternehmen ihrem Ziel stetig näher und können dem Nutzer mittlerweile Dinge anbieten, die vor ein paar Jahren mehr Science Fiction als Realität waren: »Das Produkt, das wir dem Kunden anbieten, ist inzwischen mehr als das reine Fahrzeug. Die Dienste haben auch wesentliche Komponenten außerhalb des Autos. Das Innovative und Herausfordernde hierbei ist, die gesamte Plattform von Auto über IT-Systeme zukunftsfähig und erweiterbar zu gestalten, sodass der Kunde die angebotenen Features einfach und sicher nutzen kann. Auf diese Plattform können dann viele Innovationsfelder wie hochautomatisiertes Fahren oder auch neue, intelligente Mobilitätskonzepte aufgebaut werden«, beschreibt Marcus Keith von Audi.

Seiberth von Accenture geht in diesem Zusammenhang auf vernetzte Dienste ein: Ortsbasierte und auf die individuellen Bedürfnisse des Autonutzers zugeschnittene Services rund um die Mobilität wie Pay-as-you-drive-Modelle in der Kfz-Versicherung, spezielle Angebote von Restaurants, Supermärkten oder Plattformen für Carsharing:

»Hier entsteht ein spannendes neues Spielfeld für die Autohersteller, getrieben durch die Auswertung von Nutzer- und Fahrzeugdaten. Derzeit wird viel experimentiert und nach tragfähigen Geschäftsmodellen gesucht.«

Der Ehrgeiz ist groß, die Investitionen ebenso. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) schätzt die Investitionen der deutschen Hersteller und Zulieferer, die sie für Vernetzung und Automatisierung ausgeben, auf 16 bis 18 Milliarden Euro bis 2019.

Was dann tatsächlich in vier, fünf Jahren auf den Straßen los sein wird, steht teilweise schon fest, teilweise noch in den Sternen. Dennoch klingen manche Zukunftsmobilitätskonzepte durchaus verlockend:

»Das Automobil der Zukunft ist vernetzt, fährt autonom und emissionsfrei. Daraus lassen sich auch interessante Mobilitätskonzepte für die Zukunft ableiten. Brauche ich beispielsweise in einer fremden Stadt ein Auto, muss ich nicht zwingend dorthin, wo das Auto steht, sondern kann es dank seiner Autonomie auch zu mir kommen«, beschreibt Hafner von Daimler und fügt an, dass die Car-IT ein Feld mit sehr vielen Möglichkeiten sei, wenn auch nicht grenzenlos: »Die Grenzen sehe ich im Bereich der Physik. Naturgesetze werden sich beim Autofahren auch in 100 Jahren nicht aufheben lassen.«

Aber wer will auch schon Gesetze brechen, wenn er entspannt, emissionsfrei und unversehrt ankommen kann?

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Evelyn Eberl

Dieser Text stammt aus der Feder von:

Evelyn Eberl

eberl(at)audimax.de
Telefon: 0911-23779 41

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