Macht Geld glücklich? Studien & Beispiele

Studenten jammern stets über zu wenig Geld, aber dass Geld alleine nicht glücklich macht, zeigt ein italienisches Fischerdorf

Wir alle warten sehnsüchtig darauf, dass es endlich zu uns kommt, obwohl es meist nicht lange bei uns bleibt. Wir brauchen es, geben es aber gerne auch wieder aus. Wir denken oft daran, obwohl wir gar nicht so viel davon haben: das liebe Geld. Es bestimmt zu einem großen Teil unser Leben, denn je mehr wir haben, desto glücklicher sind wir – glauben zumindest viele. Wissenschaftler haben bereits vor einiger Zeit herausgefunden, dass dies so nicht ganz stimmt. Es gibt verschiedene ›Wenns‹ und ›Abers‹, wenn man den Zusammenhang zwischen Geld und Glücklichsein untersucht.

Mehr Aufschluss darüber gibt die Langzeitstudie des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Seit 1984 erhebt es jedes Jahr bei rund 11.000 Haushalten in Deutschland Einkommen, Beruf, Gesundheitszustand und die Zufriedenheit mit dem Leben.

Eine Erkenntnis aus dem Datenschatz: Menschen, die viel Geld haben, zeigen ein signifikant höheres Glücksniveau. Dass Geld glücklich macht, bedeute das dennoch nicht so einfach. Es gebe zwar durchaus eine positive Korrelation zwischen steigendem Einkommen und größerem Glück, aber dieser Effekt sei vergleichsweise gering.

 

Gewöhnungseffekt

Kurzfristig scheint finanzieller Reichtum tatsächlich Glück hervorzurufen, auf lange Sicht hält dieses Gefühl jedoch nicht an. Denn: der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Viel zu schnell gewöhnen wir uns an das Mehr an Geld und den damit verbundenen Lebensstandard. Schnell ist dann das Glücksgefühl verflogen. 1998 haben 99 Menschen aus dem italienischen Fischerdorf Peschici zusammen umgerechnet 32 Millionen Euro im Lotto gewonnen – das machte für jeden 300.000 Euro. Auf kollektive Euphorie folgte bei vielen Gewinnern schnell die Ernüchterung, denn die Alltagssorgen und das Leben blieben im Grunde die gleichen.

Fernando De Nittis, Inhaber des Lottoladens, sei der reichste Mann Peschicis, die Leute sagen, er sei Multimillionär, weil er auf etwa zwanzig seiner Lottoscheine sitzen geblieben war. Aber sein Leben hat sich nicht verändert seit dem großen Gewinn – es besteht immer noch aus Arbeit.

Sein Schwager, mit dem er an einem Computer die Zahlenkombination für die Tipprunde errechnete, ist an einem Herzinfarkt gestorben. De Nittis muss sich darum kümmern, dass das Geschäft weiterläuft. Ein anderer Gewinner von damals sagte, er habe sich nach dem Gewinn ganz leer gefühlt. Hans Joachim Schmitz, der Lottogewinnern fast 30 Jahre lang die frohe Botschaft überbrachte, hat mal gesagt:

»Die Hoffnung auf das große Glück, all die Träumereien, was man mit einem großen Gewinn alles machen würde – das macht manchmal glücklicher als der Gewinn selbst.«

Neideffekt

In Peschici kam mit dem Geld auch der Neid. Noch am Abend der ›Siegerfeier‹ gab es erste Schutzgelderpressungen in dem kleinen Dorf. Einem gönnten die ›Verlierer‹, also die, die an besagtem Tag kein Lotto gespielt hatten, den finanziellen Gewinn gar nicht: Dem Hotelbesitzer, der eh schon einen Ferrari fuhr. Neid spielt eine große Rolle in Zusammenhang mit Geld.

Studenten der Harvard University etwa konnten in einer Befragung wählen, welches Einkommen sie lieber hätten: 50.000 Dollar, wenn alle um sie herum 25.000 verdienen, oder 100.000, wenn die Nachbarn 250.000 bekommen. Die meisten entschieden sich tatsächlich für den kleineren Betrag, so lange der größer war als der der anderen. Eine Gehaltserhöhung macht also nur dann glücklich, wenn man dadurch mehr verdient als die Kollegen. Bekommen auch diese mehr Gehalt, relativiert sich die Freude. Lediglich wer mehr hat als seine Mitbürger neigt dazu, zufriedener zu sein.

Wie wichtig der Vergleich mit Mitmenschen beim Thema Geld ist, konnte der Ökonom Jürgen Schupp mit Daten aus dem SOEP messen. In der Befragungsrunde aus dem Jahr 2008 mussten die Studienteilnehmer auch angeben, wie viel sie im Vergleich zu Arbeitskollegen, Freunden und Nachbarn verdienen. Führt eine Beförderung dazu, dass jemand mehr verdient als seine Arbeitskollegen, bedeutet mehr Geld tatsächlich mehr Glück, zeigen die Daten der Forscher. Besonders Männer orientieren sich stark an ihrem sozialen Umfeld.

Verwendungszweck

Ob Geld glücklich macht, hängt selbstverständlich auch davon ab, wofür wir es ausgeben. Psychologen beschäftigten sich im Frühjahr dieses Jahres auf der Tagung ›Happy Money 2.0‹ in Kalifornien mit der Frage nach dem Geld und dem Glück. Die Antwort: Es kommt nicht so sehr darauf an, wie viel ein Mensch besitzt, sondern was er damit macht. Erlebnisse wie Reisen, Restaurantbesuche oder Familienausflüge bescheren ein länger anhaltendes Gefühl von Glück als materielle Güter. Michele Sicuro aus dem italienische ›Lottodorf‹ wollte sein gewonnenes Geld sinnvoll investieren und kaufte sich für 150.000 Euro eine vollautomatische Autowaschanlage. Denn die Dorfbewohner würden bald große neue Autos fahren, schließlich hatten sie ja jetzt Geld. Die Autos kamen auch, aber die Leute hatten Angst die Anlage würde den Lack zerkratzen. Nach zwei Jahren verschrottete Michele Sicuro seine Waschanlage. Er denkt, er hätte sein Geld lieber verpulvern sollen so wie Piero – aber dazu später.

Auf die Frage, ob man mit Geld Glück kaufen kann, wird wohl kaum jemand mit einem klaren Ja antworten. Wichtiger sind doch Gesundheit, Liebe, Freunde sowie die Zeit, diese Beziehungen zu pflegen. Kann Zeit uns also glücklich machen? Zeit für schöne Erlebnisse, Zeit für soziale Kontakte, für den Partner, für sich selbst. Ebenjene können wir jedoch mit Geld nicht kaufen. Stattdessen verbringen wir mehr Zeit auf der Arbeit, um noch mehr Geld zu verdienen – das uns eigentlich glücklich machen soll.

Nicht wenige Studien haben ergeben, dass finanzieller und psychologischer Wohlstand zwar tatsächlich parallel zueinander wachsen können, allerdings nur bis zu einer bestimmten Schwelle. Diese Grenze lag vor ein paar Jahren bei etwa 2.500 Euro Monatseinkommen. Sind die Mindestbedürfnisse einmal befriedigt, geben einem die kleinen Freuden des Lebens das größtmögliche Glück: Die Nähe zu anderen Menschen, das Wir-Gefühl, Vertrauen und die Freiheit, das eigene Leben unabhängig von Zwängen gestalten zu können.

Auf der Suche nach dem Glück

Selbstbestimmung ist das Statussymbol der Generation Y. Anreize wie Gehalt, Boni und Aktienpakete locken weniger als die Aussicht auf eine Arbeit, die Freude macht, einen Sinn stiftet und eine gute Work-Life-Balance bietet. Geld ist besagter Generation selbstverständlich nicht völlig unwichtig, man braucht schließlich einen bestimmten Betrag, um seine Existenz sichern zu können. Auf eine angemessene Entlohnung wird Wert gelegt, aber das Geld allein ist nicht das Wichtigste. Es macht vielleicht langfristig ein bisschen zufriedener, denn es bietet Sicherheit, auf die die Generation Y nicht verzichten möchte. Ebenso wenig auf Elternzeit, Sabbaticals, flexible Arbeitszeiten und Homeoffice. Denn der Ansatz: ›Arbeiten, um Geld zu verdienen‹, das uns im Anschluss glücklich macht, funktioniert nicht mehr. Sie leben nicht nach dem Prinzip: ›Mein Haus, mein Auto, mein Boot.‹ Viel wichtigere, immaterielle Werte prägen ihr Leben.

Vielleicht waren es die vielen negativen Beispiele aus dem Leben, die den Blickwinkel geändert haben. Der Nachbar, der sein Leben lang geschuftet hat, um sich in der Rente etwas leisten zu können und dann mit 60 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben ist. Oder der Onkel, der vor lauter Arbeit die Einschulung, den Geburtstag und die Abifeier der Tochter verpasst hat. Die Generation Y möchte das nicht hinnehmen. Dafür ist das Geld einfach nicht wichtig genug. Karriere und Familie sollen vereinbar sein. In einer Umfrage unter Kleinkind-Vätern gaben 51 Prozent der Befragten an, sie könnten sich vorstellen, Gehaltseinbußen hinzunehmen, um mehr Zeit für ihre Kinder zu haben.

Das Glück liegt nicht im Geldkoffer

Und nun noch zu Piero aus dem Fischerdorf: Er hat sein gewonnenes Geld für Drogen und ein Leben in Saus und Braus im Ausland ausgegeben. Jetzt ist er wieder zurück in Peschici – das Geld und die Lebensfreude sind weg. Er sagt, er hätte jemanden zum Reden gebraucht, jemand anderen als die netten Herren von der Bank. Das italienische ›Lottodorf‹ ist wohl eines der besten Beispiele dafür, dass Geld allein nicht glücklich macht. Vielmehr braucht es soziale Kontakte, ein erfülltes Leben sowie Zeit und die Freiheit, sein Leben nach den eigenen Vorstellungen zu leben. Deshalb wird es Zeit, die Dollarzeichen in den Augen wegzublinzeln und sich auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu konzentrieren.


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