Arbeiten in Familienunternehmen

Bleibende Werte, Stabilität und Innovationen – wir haben mit Experten über das Arbeiten in Familienunternehmen gesprochen

Stefan Heidbreder Foto: privat

Herr Heidbreder, wie sieht die aktuelle wirtschaftliche Lage von Unternehmen im Familienbesitz aus?

Im Allgemeinen ist die Lage der Familienunternehmen gut, ich würde sogar sagen: sehr gut. Das zeigt ein Blick auf die Beschäftigungsentwicklung in der Unternehmenslandschaft. In den vergangenen zehn Jahren steigerten die 500 größten Familienunternehmen die Beschäftigung um 19 Prozent, die 27 nicht-familienkontrollierten DAX-Unternehmen hingegen nur um zwei Prozent. Das belegt die Stärke der Familienunternehmen und zeigt, wie sehr sie eine Volkswirtschaft selbst in der Finanzkrise stabilisieren.

Haben Bewerber, die bei einem mittelständischen Familienunternehmen einsteigen, finanzielle Nachteile?

Bewerber sollten die Gehaltsfrage mit Umsicht stellen. Wegen der deutlich zügigeren Beförderungen kann sich ein vermeintlicher Nachteil beim Einstiegsgehalt nach wenigen Jahren sehr oft in einen Vorteil verwandeln. Viele Unternehmen haben darüber hinaus ihren Sitz außerhalb der teuren Ballungsräume. Da bleibt wegen der niedrigeren Lebenshaltungskosten am Ende mehr im Geldbeutel übrig.

90 Prozent aller Unternehmen in Deutschland sind in Familienbesitz. Inwiefern ist hier ein Wandel zu beobachten?

Die Unternehmenslandschaft in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren wenig geändert. Auch wenn die Unternehmensgründungen leicht rückläufig sind, sind Familienunternehmen der dominierende Unternehmenstyp. Das gilt selbst für die sogenannten Großunternehmen: 45 Prozent der Unternehmen mit mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz sind Familienunternehmen. Das ist ein deutsches Faszinosum.

Weist die Unternehmenslandschaft anderer europäischer Länder ähnliche Strukturen auf?

Familienunternehmen dominieren nahezu alle Volkswirtschaften. Was die deutsche Unternehmenslandschaft allerdings so einzigartig macht, sind die vielen sehr großen Familienunternehmen. Mehr als 200 deutsche Familienunternehmen überschreiten die Umsatzschwelle von einer Milliarde Euro. Im europäischen Ausland aber auch weltweit werden wir darum beneidet.

Die Digitalisierung bringt vielseitige Veränderungen mit sich. Welche Chancen ergeben sich durch diesen Wandel für mittelständische Familienunternehmen?

Es können beispielsweise ganz neue Kundenbedürfnisse individuell befriedigt werden. Dafür braucht es digital vernetzte Prozesse und Produkte. Die großen Familienunternehmen haben die Zeichen der Zeit erkannt und massive Investitionen und Veränderungsprozesse in ihren Unternehmen in Gang gesetzt. Und auch ein Blick auf die Berliner Start-up-Szene zeigt, dass hinter vielen jungen, digitalen Start-ups etablierte Familienunternehmen stehen.

Gibt es dennoch Aufholpotenzial in Sachen Digitalisierung?

Timotheus Höttges, Vorstandschef der Deutschen Telekom, prägte den Begriff der ›zwei Halbzeiten‹ der Digitalisierung. Demnach haben die Amerikaner die erste Spielhälfte für sich entschieden. Mit Unternehmen wie Google, Apple, Facebook, Amazon und anderen dominieren sie das Internet der Konsumenten. Die zweite Hälfte in diesem Spiel wurde aber gerade erst angepfiffen: Die deutschen Familienunternehmen haben sehr gute Voraussetzungen, das Spiel um das Internet der Industrie für sich zu entscheiden.

  • Stefan Heidbreder ist Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen.

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