Kaffetasse die überläuft

Arbeiten bei Rückversicherern

Wo Tsunamis auf den Schreibtisch schwappen und Tornados durchs Büro wirbeln – Berufseinstieg bei Rückversicherern.

Versicherungen versichern

Im Prinzip ist es ganz simpel. »Rückversicherung bedeutet: Wir versichern Versicherungen.« Aber eigentlich ist es dann doch viel komplizierter. »Was sich einfach anhört, ist in der Praxis ein komplexes Zusammenspiel von Spezialisten «, erklärt Alexandra Imhoff von der Hannover Rück. Da wären zum Beispiel: »Underwriter, die die Rückversicherungsverträge zeichnen, Aktuare, die Prämienraten berechnen und Großschadenereignisse simulieren, oder Juristen, die bei rechtlichen Fragen zu Schäden zu Rate gezogen werden.«

Rückversicherer führen als klassisches ›B2B‹-Geschäft zum größten Teil Firmenbeziehungen und arrangieren keine Verträge mit Privatleuten, was allein die Branche etwas erklärungsbedürftig mache, meint auch Eva-Maria Gohse-Fehlisch von der Munich Re: »Erstversicherer kennt man ja – jeder hat Verträge mit Versicherungsunternehmen, fürs Haus, fürs Auto, für die Gesundheit.«

Fernab der Fahrzeugversicherung für Max Mustermanns Motorroller gibt es nun aber Risiken, die zu groß sind, »um von einem Erstversicherer allein gedeckt zu werden«, sagt Alexandra Imhoff. Nach einem Rückversicherer können auch noch weitere Re-Re- Versicherer folgen. »So verteilen sich Risiken auf viele Schultern und werden wirtschaftlich tragbar «, fügt sie an.

Viele Schultern sind auch innerhalb eines Rückversicherungsunternehmens nötig, um die zahllosen vielfältigen Fälle bearbeiten und bewerten zu können. Neben Geowissenschaftlern, die die Risiken von Naturkatastrophen einschätzen können, Ärzten, Toxikologen und Agrarwissenschaftlern beschäftigt die Munich Re sogar einen Kapitän, der seine Expertise im Marine-Geschäft einbringt. Den größten Teil der Belegschaft stellen aber freilich Wirtschaftswissenschaftler und auch Mathematiker.

Berufseinstieg als Trainee bei der Munich RE

Die Diplomwirtschaftswissenschaftlerin Zuzana Faryadova stieg über das 18-monatige Traineeprogramm der Munich Re ins sogenannte ›Underwriting‹ ein. »Die Underwriter gucken sich die Verträge mit den Kunden an und schätzen ein, ob wir solche Risiken überhaupt versichern wollen«, erklärt sie.

»Wir kalkulieren die Risiken in enger Zusammenarbeit mit anderen Fachabteilungen.«

Wenn ein Risiko sehr hoch erscheint, werfen die Underwriter auch einmal vor Ort einen Blick aufs zu versichernde Geschehen respektive den zu versichernden ›Gegenstand‹. »Das wären zum Beispiel riesige Firmen wie Eisenbahnunternehmen oder auch große Infrastrukturprojekte«, sagt die 27-Jährige. Die meiste Zeit tüftelt sie mit ihren Kollegen allerdings tatsächlich am Schreibtisch an den Verträgen und fiebert jedes Jahr den Phasen der ›Erneuerung‹ entgegen:

»Alle Underwriter freuen sich immer besonders auf die Zeit, in der die Verträge erneuert werden. Da müssen wir sehr viel rechnen und analysieren – das sind immer die spannendsten Wochen!«

Einstieg bei der Allianz RE

Das Rechnen und Analysieren ist auch die Leidenschaft von Marietheres Lechner. Seit zwei Jahren arbeitet sie als Referentin im Controlling der Allianz RE. »Für eine Position wie meine ist es sehr wichtig, eine gewisse Zahlenaffinität zu haben«, meint sie. »Analytische Fähigkeiten sind zudem wichtig, um die Zahlen auch entsprechend interpretieren zu können. Eine schnelle Auffassungsgabe ist hier ebenfalls hilfreich.« Bereits in ihrem BWL-Studium an der FH Neu-Ulm legte sie ihre Schwerpunkte auf Controlling und Jahresabschluss. Diese Vertiefung bereitete sie optimal auf die regelmäßig zu analysierenden Quartalsabschlüsse vor. Am liebsten verarbeitet sie die schier endlosen Zahlenkolonnen in Präsentationen.

Eine Präsentation war es auch, an die sie sich immer gern mit leuchtenden Augen erinnert: »Gleich in meinem ersten Jahr bei der Allianz durfte ich an einer Vorstandspräsentation mitarbeiten. Darin wird einmal pro Jahr die strategische Position des Unternehmens vorgestellt«, schildert die 27-Jährige. »Das war sehr interessant, weil ich gleich mit allen Bereichen der Rückversicherung in Kontakt war und so einen umfangreichen Einblick bekommen habe.«

Die Einstellung der Bewerber zählt

Marietheres Lechner konnte unter anderem mit ihren Studienschwerpunkten bei der Allianz RE punkten. Aber nicht nur die richtige wirtschaftswissenschaftliche Fächerwahl ist entscheidend für einen Einstieg ins Geschäft der Rückversicherer. »Fast wichtiger als die einzelne Spezialisierung ist uns die Einstellung der Kandidaten«, verrät Imhoff von der Hannover Rück. Neben Kreativität, Entscheidungsfähigkeit, Teamgeist und der Fähigkeit zur Selbstreflexion zählt für sie vor allem eins: »Bewerber sollten Spaß daran haben, in einem internationalen Umfeld zu arbeiten. « Denn schließlich agieren Rückversicherer in der Regel internationaler als Erstversicherungen und betreuen Kunden in aller Welt.

Mindestens konversationssichere Englischkenntnisse sind ein Muss, jede weitere Fremdsprache ein großer Bonus. Nicht nur die Kunden haben die verschiedensten Nationalitäten – auch die Mitarbeiter am Hannoveraner Standort sind beileibe nicht alle deutsch.

»Wir haben hier Kollegen aus 38 verschiedenen Nationen«, erzählt Imhoff. »Die Internationalität findet also schon vor Ort statt. Eine Steigerung sind kurz- oder langfristige Entsendungen an eine internationale Niederlassung. Bei Trainees ist eine Auslandsstage fester Bestandteil des Programms.«

Neben der Internationalität ist das Geschäft eines Rückversicherers auch deutlich durch eine große Dynamik geprägt. »Die Arbeit ist immer tagesaktuell. Eine Flutwelle in Australien – in wenigen Stunden ist sie auf dem Schreibtisch eines Kollegen, der erste Analysen und Berechnungen darüber anstellt, wie wir haften und wie hoch die zu erwartenden Zahlungen an den Erstversicherer sind«, sagt Alexandra Imhoff. Außer Tsunamis, Erdbeben und Großbränden macht die Arbeit eines Rückversicherer aber ebenso weit weniger Zerstörerisches aus: »Man muss nicht nur an Wetterphänomene denken. Auch Musikkonzerte, Fußballmannschaften und Ausstellungen werden rückversichert – als Mitarbeiter eines Rückversicherers hört man die Nachrichten bald ganz anders.«

So abwechslungsreich die Branche arbeitet, so konstant halten sich die Einstellungszahlen nachwachsender Wirtschaftswissenschaftler

»Durch die breite Risikostreuung sind wir einzelnen Ereignissen nicht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, sondern bleiben stabil auf Wachstumskurs. Unser Bedarf an qualifiziertem Personal ist dementsprechend weitgehend konstant«, sagt Imhoff. Auch Yvonne Herbst, Consultant Talent Management bei der Munich Re bestätigt diese permanente Tendenz: »Wir haben kontinuierlich Bedarf an sehr gut ausgebildeten Absolventen. Die Anzahl variiert leicht von Jahr zu Jahr je nach Bedarf, aber wir bieten unseren Einsteigern von Beginn an feste Verträge und investieren viel in deren Ausbildung.«

Internationales Umfeld, tagesaktuelles Geschäft, sichere Arbeitsplätze: Ist doch eigentlich gar nicht so kompliziert, oder?


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