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Berufseinstieg bei Krankenversicherungen

Krankenversicherungen stehen in hartem Wettbewerb zueinander. Dank neuer EU-Richtlinien suchen sie aber auch vermehrt Akademiker.

›Gesundheit bewegt uns‹ – ›Wir erledigen das!‹ – ›Ich vertrau der DKV‹ ...

Die bekannten Werbeslogans der deutschen Krankenversicherungen versprechen Dynamik, Kompetenz und Verlässlichkeit

Doch der wirtschaftswissenschaftliche Nachwuchs von den Hochschulen nimmt den Unternehmen der Branche ihre Sprüche nicht ab: Es bewerben sich einfach nicht genug Wiwis bei den Krankenversicherern. Innerhalb der nächsten vier Jahre erwartet jede vierte Krankenversicherung in Deutschland laut einer Umfrage des Staufenbiel Instituts große Belastungen durch einen Engpass an Versicherungsfachkräften. Besonders gefragt: Hochschulabsolventen mit wirtschaftswissenschaftlichem Hintergrund.

Zwar ist die deutsche Versicherungsbranche mit rund 216.000 Beschäftigten eine verhältnismäßig kleine Branche, doch gerade für Wirtschaftswissenschaftler ist sie derzeit ein attraktives Jobfeld:

Knapp ein Fünftel der Mitarbeiter bei den Versicherungsunternehmen in Deutschland verfügen über einen Hochschulabschluss – Tendenz steigend. Die am stärksten nachgefragten akademischen Einsteiger sind Wirtschaftswissenschaftler, Juristen und Mathematiker, hier besonders die Versicherungsmathematiker. Laut Staufenbiel-Umfrage herrscht ein Mangel an Fachkräften mit branchenspezifischen Kenntnissen – vor allem an Spezialisten in den Bereichen Lebens-, Sach- und eben Krankenversicherungen.

zitat christine brandis krankenversicherungen»Dem wirtschaftswissenschaftlichen Nachwuchs kommt bei der Rekrutierung von Mitarbeitern besondere Bedeutung zu, da Betriebswirte gute Voraussetzungen für den Einsatz in Versicherungsunternehmen mitbringen«, bestätigt Dr. Gerd Benner, Leiter Unternehmenskommunikation der Debeka-Gruppe, einer der größten privaten Krankenversicherungen in Deutschland. Seine Kollegin bei der gesetzlichen Techniker Krankenkasse Christine Brandis, Personalberaterin und Expertin zum Thema Recruiting, erklärt auch, warum das so ist: »In den allermeisten Bereichen unterscheiden sich die Krankenkassen nicht von anderen Wirtschaftsunternehmen – unter den Kassen herrscht Wettbewerb«, sagt Brandis. Deshalb seien bei den Krankenkassen auch alle wichtigen betriebswirtschaftlichen Kernbereiche vorhanden. Dazu gehören Unternehmensentwicklung, Finanzen und Controlling, IT, Marketing und Kundenbindung, Rechtsabteilung, Personalwesen, Unternehmenskommunikation, Vertrieb sowie das Versorgungsmanagement als Kernbereich der Krankenversicherungen. »In diesen Bereichen arbeiten viele Spezialisten, die in der Regel eine Hochschulausbildung absolviert haben«, erläutert Techniker-Recruiterin Christine Brandis.

Wer sich als Wirtschaftswissenschaftler für den Berufseinstieg in die Branche der Krankenkassen interessiert, sollte sich zunächst einmal das sogenannte duale System in Deutschland bewusst machen: Es gibt die gesetzliche Krankenversicherung und die private. Beide Systeme funktionieren ganz verschieden und folgen unterschiedlichen Prinzipien. Das fängt bereits bei der Finanzierung an: Während gesetzlich Versicherte in der Regel einen prozentualen Teil ihres Bruttoeinkommens als Krankenversicherungsbeitrag zahlen, berechnen sich die Beiträge der privaten Krankenversicherungen nach ganz anderen Kriterien wie zum Beispiel Alter und Gesundheitszustand der Versicherten. In der gesetzlichen Krankenversicherung sind zwar circa 90 Prozent der Deutschen versichert. Doch daneben besitzen viele Menschen Zusatzversicherungen, so dass in Deutschland über 32 Millionen private Krankenversicherungsverträge bestehen. Der Umsatz der Privaten lag 2012 bei 36 Milliarden Euro – Tendenz steigend. Die private Krankenversicherung gilt damit als eine Wachstumsbranche, was auch mit der steigenden Lebenserwartung und damit steigenden Krankheitskosten zu erklären ist.

Zu den in Unternehmen besonders gefragten Studienhintergründen gehören Wirtschaftswissenschaftler, die über besondere mathematische Fähigkeiten verfügen und zum Beispiel als Aktuar in den mathematischen Bereichen der einzelnen Versicherungssparten, im Controlling oder dem Asset Management eingesetzt werden. Aktuare spielen eine wichtige Rolle im Kerngeschäft von Versicherungen, da sie mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung Versicherungsrisiken einschätzen und bewerten. Dabei erstellen sie mathematische Modelle, die in komplexen wirtschaftlichen Zusammenhängen mögliche zukünftige Entwicklungen berücksichtigen und nach der Wahrscheinlichkeit des Auftretens bewerten. Im Asset-Management von Versicherungskonzernen sind diese Fähigkeiten ebenfalls gefragt: Hier helfen Spezialisten, Erträge und Risiken der Anlagestrategie des Unternehmens zu optimieren sowie Investitionsentscheidungen zu treffen. Überhaupt spielt die Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen eine wichtige Rolle – zum Beispiel bei der Entwicklung neuer Produkte im Bereich der Krankenversicherung: Hier arbeiten Mathematiker, Wirtschaftswissenschaftler und Mediziner zusammen, um von der produktbezogenen Marktanalyse und Wettbewerbsbeobachtung über die Kalkulation von Tarifen bis hin zur Vertriebseinführung die Angebotspalette der Versicherungsunternehmen zu füllen.

Wirtschaftswissenschaftler, die sich längerfristig für die Krankenversicherungen als Arbeitgeber interessieren, sollten sich nicht von der paradoxen Situation verunsichern lassen, in der die Branche derzeit steckt: Denn einerseits gelten die Krankenversicherungen als Wachstumsmarkt – andererseits stecken sie mitten in einem harten Konsolidierungsprozess: Derzeit gibt es in Deutschland beispielsweise noch rund 130 gesetzliche Krankenkassen – Anfang der 1990er Jahre waren es noch über 1.000 Anbieter.

»Zuletzt hat der Druck in der Branche ein wenig nachgelassen, weil das System derzeit insgesamt finanziell gut dasteht. Aber schon heute ist absehbar, dass die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung wieder schneller steigen werden«, prognostiziert Christine Brandis von der Techniker Krankenkasse. »Und dann könnte sich der Konzentrationsprozess wieder beschleunigen.«

Zugleich arbeiten schon heute in Deutschland mehr Menschen im Gesundheitssektor als in der Automobilindustrie

»Die Krankenversicherung ist ein Teil dieses Sektors und damit wirken sich diese Entwicklungen natürlich auch auf unsere Branche aus«, sagt Christine Brandis.

Um den wirtschaftswissenschaftlichen Nachwuchs zu interessieren, bieten die Unternehmen vielfältige Einsteigerprogramme an: »Mit unserem 18-monatigen Traineeprogramm für Hochschulabsolventen besitzen wir ein Instrument, Jungakademiker an die Arbeit im Vertrieb heranzuführen und auf spätere Führungsaufgaben vorzubereiten«, erklärt Debeka-Sprecher Gerd Benner. »Auch hier sind Betriebswirte erste Wahl.« Die Beschäftigtenzahl der Debeka Versicherungsgruppe ist seit dem Jahr 2000 um fast  5.000 auf 17.000 gestiegen. Die Akademikerquote liegt deutlich über zehn Prozent. »Die Rahmenbedingungen für den Einstieg im Vertrieb, wo wir ausschließlich mit Festangestellten arbeiten, sind für Hochschulabsolventen sehr gut, weil die Zielgruppe Hochschule bei der Debeka seit jeher intensiv bearbeitet wird«, sagt Benner. Auch in der Hauptverwaltung der Debeka sei der Bedarf an Betriebswirten in den letzten Jahren stark gestiegen. »Und er wird weiter steigen«, schätzt Benner.

Die Techniker Krankenkasse bietet für den Berufseinstieg im Rhythmus von zwei Jahren circa 15 bis 20 Hochschulabsolventen ein 18-monatiges Traineeprogramm an

»Wichtig ist uns, dass die Bewerber das theoretische Rüstzeug und idealerweise erste praktische Erfahrungen für eine Tätigkeit in einem unserer Fachgebiete mitbringen«, erläutert TK-Recruiterin Christine Brandis.

Den Trainees werden dann im Laufe des Programms Maßnahmen zur fachlichen, überfachlichen und persönlichen Qualifizierung angeboten. »Gelegentlich können Hochschulabsolventen auch über einen Direkteinstieg in eine Fachlaufbahn einsteigen.« Bewerber sollten neben fachlichen Voraussetzungen ein großes Interesse am Gesundheitswesen mitbringen, betont Christine Brandis. »Bei Interesse an der Krankenversicherung empfehle ich, vorab ein Praktikum zu absolvieren – das kann natürlich direkt bei einer Krankenkasse sein, aber auch im Krankenhaus, bei Unternehmen oder sonstigen Institutionen, die einen Bezug zum Gesundheitssystem haben.« Ein Blick hinter die Kulissen lohne sich in jedem Fall.


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