Schwarzer zackiger Pfeil mit blauen Geldscheinen im Hintergrund

Finanzdienstleistungen nach der Krise

Seit der Krise steht fest: Banken und Versicherungen benötigen ein neues Image.

Finanzdienstleistungen: Imageverlust durch die Krise

Nicht nur Milliarden von Euro sind den Unternehmen der deutschen Finanzdienstleistungsbranche durch die Krise verloren gegangen, sondern auch ihr positives Image als krisenfeste Arbeitgeber: »Wenn Wirtschaftsjournalisten nur über Entlassungen in einer Branche, nicht aber über die vielen offenen Stellen berichten, dann entsteht in der Öffentlichkeit der unzutreffende Eindruck, dass es sich dabei um eine alternde, schrumpfende Industrie handelt, die keine Zukunftsperspektiven bietet«, sagt Dirk Rudolph, Senior Researcher an der Frankfurt School of Finance & Management. Nach Ansicht des Arbeitsmarktexperten müssen Studenten und Hochschulabsolventen über die langfristige Beschäftigungsentwicklung in der Finanzdienstleistungsindustrie aufgeklärt werden. »Die Branche hat immer noch viele interessante, herausfordernde und abwechslungsreiche Tätigkeiten zu bieten«, sagt Rudolph.

»In der Versicherungsbranche werden nicht nur aktuell, sondern auch zukünftig Experten, Young Professionals sowie Hochschulabsolventen mit fundierten Kenntnissen zum Beispiel in den Bereichen Risikomanagement und Rechnungs legung benötigt.«

Michael Gold, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands der Versicherungsunternehmen in Deutschland

Tatsächlich interessieren sich seit Finanzkrisenbeginn spürbar weniger Auszubildende und Studierende für einen Job in den Finanzdienstleitungen. Die Bildungsstätten und Hochschulen vermelden einen Rückgang der Bewerberzahlen. Zugleich ist die Zahl der Arbeitslosen bei Banken und Versicherungen trotz Entlassungswellen kaum gestiegen: Derzeit stagniert sie bei unverändert niedrigen zwei Prozentpunkten. Der Imageverlust hat dazu geführt, dass nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bereits im ersten Halbjahr 2008 rund 32 Prozent der offenen Stellen in der Branche ›Kredit/Versicherungen‹ aufgrund des Fachkräftemangels nicht besetzt werden konnten. Mit anderen Worten: Die Finanzdienstleistungsunternehmen suchen händeringend Nachwuchs.

Anforderungen und Einstiegsbeispiele

Allerdings sind die Anforderungen deutlich gestiegen: Neue Regeln, zum Beispiel zur Protokollierung von Beratungsgesprächen, verlangen den Finanzdienstleistern mehr fachliches Wissen ab als früher.

Davon lässt sich Martin Weinberger nicht schrecken. Der 23-Jährige hat ein klares Berufsziel: Er will später einmal im Risikomanagement einer Bank arbeiten. Derzeit studiert Weinberger noch Wirtschaftsmathematik an der Universität Ulm. »Ich habe meine Affinität zu Zahlen schon früh in der Schule entdeckt und interessiere mich heute besonders für das Wertpapier- und Börsengeschäft«, sagt Weinberger.

Dass die Finanzkrise die Aufmerksamkeit auf den Sektor der Finanzdienstleitungen gelenkt habe, sieht der Student als Ansporn: »Man wird in Zukunft eben noch exakter und vorausschauender arbeiten müssen und sich vor Augen halten, dass der Finanzsektor in einem globalen Kontext steht.« Auslandserfahrung ist deshalb eine entscheidende Qualifikationen, die man für den Arbeitsmarkt der Zukunft mitbringen muss, meint Martin Weinberger. Er plant deshalb ein Praktikum außerhalb Deutschlands und möchte nach seinem Studium noch einen internationalen Master aufsatteln.

Theresa ReintjesAuch Theresa Reintjes plant eine internationale Karriere im Bankensektor: »Perspektivisch möchte ich auf jeden Fall Führungsverantwortung übernehmen«, sagt die 22-jährige BWL-Studentin der Frankfurt School of Finance & Management, die trotz der schwierigen Zeiten voll hinter ›ihrer‹ Branche steht: »Ich bin glücklich hier. Die Finanzdienstleitungen sind eine enorm wichtige Branche, denn jeder von uns hat mit Geld zu tun.« Früher habe Banken und Versicherungen noch das Image vom schnellen Geld angehangen, durch die Krise verändere sich das, glaubt Reintjes: »Wir merken jetzt schon, dass in den Studiengängen Themen wie Nachhaltigkeit, Regulierung oder Gehaltssysteme stärker Einzug halten. Längerfristig wird das den Finanznachwuchs und damit auch das Gesellschaftsbild dieser Branche verändern«, sagt Theresa Reintjes, die im Zuge ihres berufsbegleitenden Studiums drei Tage pro Woche bei der KfW-Bank in Frankfurt am Main arbeitet.

Bedarf an Akademikern steigend

»Die Arbeitsmarktlage im Bereich der Finanzdienstleistungen ist gut, und ich sehe sie auch weiterhin positiv. Vielleicht wird in Zukunft Qualität etwas mehr als Quantität gelten, doch das ist angesichts mancher Fehlentwicklungen in der Zeit vor der Finanzkrise auch zu wünschen.«

Prof. Dr. Gunter Löffler, Professor of Finance an der Universität Ulm

Akademiker wie Theresa Reintjes und Martin Weinberger werden bei Finanzdienstleistern in Zukunft einen noch besseren Stand haben. Der Grund: Der Bedarf an Hochschulabsolventen in der Branche steigt seit Jahren kontinuierlich an. »Im Finanzdienstleistungsgewerbe findet seit Jahren eine Akademisierung statt«, bestätigt Arbeitsmarktforscher Dirk Rudolph. »Die Attraktivität der Finanzindustrie für besonders hoch qualifizierte Mitarbeiter steigt langfristig.«

So wuchs beispielsweise der Akademikeranteil in Versicherungsunternehmen in den letzten zehn Jahren von 14,7 Prozent auf 17,8 Prozent. Ende 2009 waren nach Angaben des Arbeitgeberverbandes der Versicherungsunternehmen in Deutschland etwa 38.500 Hochschulabsolventen in der deutschen Versicherungswirtschaft tätig, 1999 waren es noch 35.200. Von diesen 38.500 Akademikern waren übrigens 7.200 Juristen, 12.700 Diplom-Kaufleute und Diplom-Volkswirte, 4.300 Mathematiker, 2.600 Diplom-Ingenieure, 1.500 Diplom-Informatiker und 10.200 sonstige Hochschulabsolventen. Zwar steigen die Karriereaussichten für Akademiker in den Finanzdienstleitungen – aber genauso steigen die fachlichen Anforderungen an den Nachwuchs.

Das Branchenmotto ›We’re only in it for the money!‹ hat ausgedient, jetzt ist Fleiß und die strikte Einhaltung von Verhaltensmaßregeln, Gesetzen und Richtlinien angesagt. Grund sind die Folgen der Krise und Regulierungsbestrebungen, die schon seit vielen Jahren im Hintergrund wirken.

Regularien auf EU-Ebene

Beispiel ›Solvencvy II‹: Die grundlegende Reform des Versicherungsaufsichtsrechts wird voraussichtlich 2013 in Kraft treten und verlangt von Versicherungsunternehmen unter anderem, für Transparenz zu sorgen und wirtschaftliche Informationen offen zu legen. Wer im Bereich der Finanzdienstleistungen arbeiten will, muss sich darauf einstellen, noch mehr europaweite Bestimmungen zu kennen, Beratungsprotokolle anzufertigen und zu belegen, dass dem Kunden die Finanzprodukte ausreichend erklärt wurden. Auch die neuen Kapital- und Liquiditätsregeln für Banken, die unter dem Stichwort ›Basel III‹ Schlagzeilen machten, schlagen in diese Richtung. »Wenn man zum Beispiel an Beratungsprotokolle denkt, wird die Anlageberatung dadurch nicht unbedingt leichter«, sagt Prof. Dr. Gunter Löffler, Professor of Finance an der Universität Ulm.

Wie sinnvoll die Regeln im Einzelnen sind, sei meist schwer zu beurteilen, merkt der Finanzwissenschaftler an. Oft erkenne man dies erst daran, ob sie sich in einer Krise bewähren oder nicht.

»Im Allgemeinen gilt, dass man im Alltagsgeschäft stärker auf rechtliche Rahmenbedingungen achten muss – ohne dass man dafür mehr Kenntnisse an der Hochschule erwerben müsste als früher.«

Gleichzeitig steigt der Beratungsbedarf im direkten Kontakt mit Kunden: »Im Firmenkundenvertrieb ist künftig ein noch fundierteres BWL-Wissen notwendig, um zum Beispiel Businesspläne und Erfolgsbilanzen zu diskutieren und Finanzierungskonzepte ausarbeiten und bewerten zu können«, sagt Alfred Burkhardt, Abteilungsleiter Personalmanagement beim Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR). »Im gehobenen Privatkundenbereich ist volkswirtschaftliches und betriebswirtschaftliches Wissen gefragt, zum Beispiel für die Ausarbeitung von Finanzplänen.«

Laut Dirk Rudolph, Researcher an der Frankfurt School of Finance & Management, eröffnen sich dem Nachwuchs in den Finanzdienstleitungen also insgesamt gesehen »für viele Jahre gute Aussichten«. Neben dem aktuellen Trend zu Compliance, also zur Einhaltung von Verhaltensmaßregeln, Gesetzen und Richtlinien durch Unternehmen, würden zwar auch Spezialthemen wie Micro Finance, Green Finance oder Ethno Marketing als neue Arbeitsfelder an Bedeutung gewinnen, wobei Fachkräfte mit entsprechender Zusatzausbildung gute Chancen hätten. Grundsätzlich werde aber auch in Zukunft gelten:

»Wer Spaß daran hat, Inhalte verständlich zu erklären und zu beraten, der wird in den Finanzdienstleitungen immer gute Chancen haben.«


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