Abstraktes Bild

Quereinsteiger in der Finanzdienstleistung

Das Banken- und Versicherungswesen ist nicht so einseitig wie gedacht, auch branchenfremde Absolventen können Karriere machen

  • »Wieso sollte ich mich überhaupt bei einer Bank bewerben, ich bin doch kein Wiwi?«
  • »Bei einer Versicherung nehmen die doch eh nur BWLer, oder?«

Die Branche der Finanzdienstleistung erscheint vielen, die nicht der Welt der Wirtschaftswissenschaften entstammen, bei der Jobsuche häufig wie ein Buch mit sieben Siegeln – nur schwer zugänglich und eigentlich ja für jemand anderen bestimmt. Aber stimmt das wirklich, dass wiwi-fremde Studenten sich gar nicht erst die Mühe machen sollten, sich in diesem Sektor zu bewerben?

Hoch im Kurs: IT-Absolventen

Ganz so schwarzweiß ist es nicht. Klar, die Tatsache, dass Wirtschaftsstudenten in diesem Metier sehr gefragt sind, ist kaum klein zu reden – allein schon wegen ihrer fachlichen Qualifikation. Sie machen beispielsweise bei der Allianz Deutschland AG etwa knapp ein Drittel der akademischen Angestellten aus.

Die 69 Prozent ›Nicht-Wiwis‹ aber zeigen: Auch andere Studiengänge haben ganz gute Karten im Finanzdienstleistungssektor. IT-Absolventen stehen bei den Recruitern für Bankwesen und Versicherungsgesellschaften weit oben auf der Liste der begehrten Studienabgänger.

»Was bei uns eine ganz wichtige Fachrichtung ist – wie wahrscheinlich auch in den meisten Unternehmen – ist die IT. Wir haben da verschiedene Bereiche, die in den nächsten Jahren auch noch deutlich an Bedeutung gewinnen werden«, so Ramona Lord-Nissl, Referentin für Personalmarketing & Programme bei der Allianz Deutschland AG.

Die Bereiche, auf die Lord-Nissl anspielt, sind vor allem Software-Entwicklung und IT-Security: Das Versicherungsgeschäft wird zunehmend digitaler, wer kennt ihn nicht, den Usus, sich erst mal online zu informieren, abgestimmt auf die eigenen Bedürfnisse – der hybride Kunde braucht onlinefähige Produkte und diese müssen von e-Commerce- und Digitalisierungsspezialisten aktuell aus der Taufe gehoben werden. Ein weites Feld, das bisher noch in den Startlöchern steht – für gewillte ITler eine schöne Wiese zum Austoben.

Ein Mathematik-Studium qualifiziert für die Finanzdienstleistung

Dass, wer Herr über Nullen und Einsen ist, aktuell branchenübergreifend bestens für den Arbeitsmarkt aufgestellt ist, ist kein Geheimnis. Aber auch anderen Zahlendompteuren sind in der Finanzdienstleistung viele Türen geöffnet: Mathematikern, besonders mit Schwerpunkt Statistische Methoden, bieten sich berufliche Perspektiven beispielsweise im Aktuariat, wo sie versicherungsmathematische Berechnungen durchführen, im Risikomanagement, Rechnungswesen oder in der Revision.

Auch der Vertrieb hält Aufgaben für Matheabsolventen bereit, etwa als Data Scientist – eine Aufgabe, für die sich ein Physiker ebenso eignen würde: »Ein Data Scientist wendet Data-Mining-Verfahren zur Analyse des Kundenverhaltens entlang der gesamten Customer Journey auf Basis strukturierter und unstrukturierter Daten an, Stichwort Big Data, und bereitet die Erkenntnisse zielgruppengerecht auf«, so die Spezialistin für Employer Branding der AXA, Giuseppina Scuzzarello. Das erklärt auch ein Stück weit, weshalb man Mathematiker die ›Ingenieure der Versicherungsbranche‹ nennt: Sie kalkulieren die Risiken und Ertragspotenziale der Produkte. Im Bankwesen finden sie sich unter anderem auch in den Bereichen Business Intelligence sowie im Produktmanagement wieder.

Jura ist nicht das Ende der Fahnenstange

Eine dritte Absolventengruppe, welche beispielsweise die Allianz bewusst neben den Wirtschaftswissenschaftlern im Recruiting anspricht, sind abgesehen von ITlern und Mathematikern die Juristen – denn Bedarf an rechtlicher Kompetenz besteht in der Versicherungsbranche in großem Maß.

Tritt zum Beispiel der Fall ein, dass ein Sachbearbeiter einen Schaden nicht mehr bewerten kann, weil er außergewöhnlich hoch ist, landet dieser genauso auf dem Tisch des Rechtsexperten wie die Versicherung einer Großveranstaltung, welche besondere juristische Risiken birgt, so Ramona Lord-Nissl. IT, Mathe, Jura – war’s das? Iwo, das Spektrum reicht noch um einiges weiter, auch wenn diese drei sicherlich die größten Zielgruppen neben den Wiwis darstellen. Zumal auch generell fast immer zwei Optionen existieren: die Fachlaufbahn und die Führungslaufbahn. Während für eine Fachlaufbahn der Studiengang exakt auf die ausgeschriebene Position passen sollte, so sind Führungslaufbahnen häufig auch für fachfremde Absolventen offen – wie im Fall von Katja Nadler, die ihren Abschluss in Musik und Gesang machte und dann den Weg als Quereinsteiger in ein Vertriebs-Traineeprogramm der Allianz einschlug und dort mittlerweile eine Führungsposition inne hat. Branchenexoten finden auch zur AXA:

»Auch die Absolventen von sogenannten ›Orchideenfächern‹ kommen für einige Vakanzen in Frage. Diese sind beispielsweise in der Konzernentwicklung, der Unternehmenskommunikation oder dem Personalbereich tätig«, erläutert Scuzzarello.

Ebenso ein Fachgebiet für alle Kommunikationswissenschaftler und Journalisten, genauso wie Pädagogen und Psychologen.

Corinna Blohm, Expert Human Resources der Consorsbank, erzählt:

»Eine unserer Mitarbeiterinnen in der internen Kommunikation hat Soziologie und Psychologie studiert, sie ist zuständig für den internen Newsletter, jegliche Art der internen Unternehmenskommunikation und für Veranstaltungen.«

All jene aufzuzählen, die in der Finanzdienstleistung als Fachspezialisten eingesetzt werden, würde den Rahmen wahrscheinlich sprengen. Ärzte, Tierärzte oder Brandschutz-Ingenieure bringen auf ihrem Spezialgebiet Expertise ins Versicherungsgeschäft, genauso wie Kunsthistoriker, die auch für die Arbeit im Stiftungsbereich eingesetzt werden – nicht umsonst nennt sich beispielsweise die Allianz das Haus der 100 Berufe.

Ehrliches Interesse und Engagement biegt Lebensläufe grade

Wer sich ernsthaft für eine Karriere in diesem Bereich interessiert, der sollte sich nicht vom ›falschen‹ akademischen Abschluss abschrecken lassen. Wichtig ist, früh zu versuchen, in diesem Bereich aktiv zu werden und Erfahrung zu sammeln – so kann beispielsweise auch ein Maschinenbaustudent über Umwege Karriere in der Bank machen.


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