Kleinkind auf der Leiter im Wohnzimmer

Berufseinstieg im Einzelhandel

Gut festhalten, Höhenluft! Steile Karriere in einer Milliardenbranche: Absolventen entdecken den Einzelhandel.

Wer sich in den richtigen Kreisen bewegt, wird sie hören: Sagenhafte, hastig ins Ohr geflüsterte Geschichten von Berufen, in denen das Füßehochlegen zum guten Ton gehört. In denen Angestellte sich vor lauter Müßiggang wund liegen und von Zeit zu Zeit von eigens angeheuerten Helferinnen gedreht werden... Zugegeben: Ein wenig dick aufgetragen ist das schon, im besten Fall eine urbane Legende und in allen anderen Fällen einfach Quatsch – dennoch: Es gibt sie, anspruchslose, vielleicht bequeme, dafür aber schrecklich monotone Berufe, langweilig wie eine schlechte Rede oder das Schlangestehen fürs neue iPhone. Und es gibt Jobs im Einzelhandel.

Der Einzelhandel ist in Deutschland ein wirtschaftliches Schwergewicht:

Etwas mehr als 428 Milliarden Euro, schätzt der Handelsverband Deutschland (HDE), betrug der Umsatz des Einzelhandels im vergangenen Jahr, der damit die drittgrößte deutsche Wirtschaftsbranche darstellt. Täglich strömen mehr als 50 Millionen Kunden auf die mehr als 120 Millionen Quadratmeter, auf die die bundesweite Verkaufsfläche bereits angeschwollen ist. Sie erledigen ihre Einkäufe in Supermärkten oder Modegeschäften, Buchläden oder Drogerien, die ihrerseits insgesamt drei Millionen Menschen beschäftigen. Von der Aushilfe bis zu Fachberatern, von Azubis bis hin zu Trainees und Managern.

Einer von ihnen ist Daniel Lehmann, Kaufmann mit Leib und Seele und Bezirksleiter beim Textildiscounter KiK.

»Die Vielfalt der Aufgaben und vor allem der stetige Wandel und niemals einkehrende Eintönigkeit« sind es, die Daniel Lehmann für die bemerkenswertesten Aspekte seiner Tätigkeit hält. Keine Frage, dafür halten diese Apekte ihn auch gehörig auf Trab. Der 27-Jährige besuchte ein Wirtschaftsgymnasium, durchlief in einem Textilunternehmen eine Ausbildung zum Industriekaufmann und absolvierte anschließend ein Studium der Business Administration mit dem Schwerpunkt Vertriebsmanagement an der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) in Paderborn. 2010 landete Lehmann bei KiK. Und damit endgültig in einer Branche, die ihn schon während seiner Ausbildung faszinierte. 

Aufgrund des hohen Bekanntheitsgrades bewarb sich Lehmann 2010 bei KiK als Vertriebstrainee – und lernte in neun Monaten das Einmaleins des Einzelhandels. »Der Schwierigkeitsgrad hierbei wurde stetig erhöht«, erzählt Lehmann. Und das zügig. Zwei Monate Einarbeitungszeit in verschiedenen Filialen standen am Anfang seines Traineeprogramms. Tage, die Lehmann entweder in der Verwaltung zubrachte oder draußen im Verkaufsraum, auf der ›Fläche‹.

»Ich lernte unterschiedliche Teamleitungen kennen und somit auch unterschiedliche Arbeitsweisen und Führungsstile«, erinnert sich Lehmann.

Anschließend übergaben ihm seine Vorgesetzten die erste Filialleitung. Mit der Dauer des Programms wuchsen die Filialen und mit ihnen das Aufgabenspektrum. Heute besteht Lehmanns größte Herausforderung darin, das Tagesgeschäft zu koordinieren, das Filialergebnis zu verbessern und parallel dazu »mittel- und langfristige Personalstrukturen zu schaffen« – neben einer schon obligatorischen Entscheidungsfreude, die beileibe nicht nur Lehmann für seine Tätigkeit bei KiK als absolut notwendig erachtet.

»Es ist wichtig, dass man konsequent sein Ziel verfolgt«, sagt er. Als Bezirksleiter muss Lehmann motivieren, fördern, aber eben auch eine »zielorientierte Führung von Mitarbeitern« entwickeln.

Aufgaben, die Saeed Nourshahi ebenfalls erfüllen muss – auch wenn der 29-Jährige eher Obst als Hosen verkauft: Nourshahi ist Verkaufsleiter im Rhein-Main-Gebiet bei Netto Marken-Discount. Als solcher ist er »für den wirtschaftlichen Erfolg und die Umsatzsteigerung von neun Netto-Filialen sowie für die Weiterentwicklung von insgesamt über 120 Mitarbeitern verantwortlich«. Auch für Nourshahi spielt deren Motivation eine zentrale Rolle. Und wie Lehmann machte der Absolvent der Universität Trier die Erfahrung, wie schnell ein Aufstieg im Einzelhandel erfolgen kann, wenn man nur genug Willen zeigt. Sogar als Quereinsteiger.

Denn obgleich sich ihr Tätigkeitsprofil ähneln mag: In puncto Ausbildung könnten Nourshahi und Lehmann kaum unterschiedlicher sein. Nicht als Kaufmann von Berufung, sondern als Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt internationale Beziehungen weist ihn sein Magisterzeugnis aus. Nourshahi, der von sich sagt, dass er bereits als Jugendlicher sehr an internationaler Politik interessiert gewesen sei, schrieb sogar schon an seiner Doktorarbeit. Doch für ein Traineeprogramm bei Netto hängte er seine Promotion an den Nagel.

»Während meiner Doktorarbeit habe ich einen Job gesucht, der mir Abwechslung bietet und neue Impulse zum akademischen Alltag gibt«, erzählt Nourshahi die Vorgeschichte.

Bei Netto wurde er fündig und aus dem ursprünglichen Aushilfsjob wurde eine verantwortungsvolle Tätigkeit, die freilich nur Zwischenstation sein soll auf dem Weg nach oben. »Dafür bekannt« sei sein Arbeitgeber, »seine eigenen Mitarbeiter zu fördern«, sagt Nourshahi.

»Ich nutze diese Chance und habe meine nächsten Karriereschritte fest im Blick: Als nächstes plane ich, als Gebietsverkaufsleiter die Verantwortung für über 60 Filialen zu übernehmen.«

Über so viel Wille und Engagement würde sich auch ein anderer Lebensmitteldiscounter freuen: »Wir erwarten viel von unseren Mitarbeitern«, geben die Personalrecruiter von Lidl unumwunden zu. »Spaß am Umgang mit Menschen« müssten potenzielle Nachwuchsmanager neben einem abgeschlossenen Studium mitbringen, heißt es in der Unternehmenszentrale in Neckarsulm. Das bedeutet auch, als Trainee zunächst alle Aufgaben eines Verkäufers direkt in der Praxis kennenzulernen. Denn nur, wer »selber schon einmal in der Filiale gearbeitet hat«, so das Credo des Discounters, »kann später seine Mitarbeiter gut führen und den Arbeitsalltag in den Filialen organsieren«. Kaum anders übrigens äußert sich die Konkurrenz: »Klassische Bürotäter sind hier fehl am Platz«, urteilt Nettos Saeed Nourshahi über die Vertriebskarriere im Einzelhandel. 

Daneben wünscht sich Lidl von seinem Nachwuchs ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit, schnelle Entscheidungen zu treffen. Im Gegenzug bietet die längst auch international vertretene Handelskette ihren Führungskräften »genügend Raum für Entfaltung, und sie bekommen verantwortungsvolle Aufgaben, gute Aufstiegsmöglichkeiten sowie ein überdurchschnittliches Gehalt«. Nach einem Einstieg beim Discounter eröffnen sich Absolventen zudem zahlreiche Karrierewege, auch im Ausland. Weil Lidl Führungskräfte vornehmlich aus den Reihen der Verkaufsleiter besetzt, bieten sich auch in Deutschland »beste Aufstiegschancen«. Herumgesprochen hat sich das Potenzial der Discounter bislang nur bedingt. »Die Discount-Branche bietet Akademikern mehr Karriereperspektiven als die meisten wissen«, glaubt Saeed Nourshahi. Doch muss es bei diesem Nicht-Wissen ja nicht bleiben.

Unter Absolventen bereits besser als potenzieller Arbeitgeber ins Gespräch gebracht hat sich dagegen Peek & Cloppenburg (P&C). Ob das allein dem Anspruch des Modeunternehmens geschuldet ist, sei dahingestellt. Jedenfalls positioniert sich P&C schon über seine Verkaufshäuser, die selbstbewusst als ›Weltstadthäuser‹ bezeichnet werden, als überaus ambitionierte Handelskette. Mehr als andere Einzelhändler betont P&C, dass die Arbeit im Vertrieb trendorientiert und am Puls der Zeit sei. Dementsprechend verlangt P&C, wie Christina Kremer, Leiterin Employer Branding/Personalmarketing erklärt, von Bewerbern »Spaß an Mode und Lifestyle, ein gutes Gespür für traditionelle Werte«, gleichzeitig aber eben auch »visionäre Ideen«.

»Wir suchen Mitarbeiter, die Spaß daran haben, Entscheidungen zu treffen

unterstreicht Kremer.

zitat christina kremer einzelhandel

Wer nicht nur diesen Spaß, sondern auch eine einschlägige universitäre Vorbildung mitbringt, könnte bei P&C über das Fashion Management Programm einsteigen. In acht Monaten, sagt Kremer, werden Absolventen »für eine Führungsaufgabe im Unternehmen fit gemacht, immer unterstützt durch Seminare, Workshops und Vorträge«. Im Mittelpunkt des Verkaufs lägen dann Aufgaben wie Umsatzsteuerung und abermals Personalführung. Auch die Verantwortung für die Warenpräsentation werde zu einem großen Teil in die Hände des unbedingt stilsicheren Absolventen gelegt. Der darf sich dann auch über glänzende Karriereaussichten freuen: Es gebe die Chance, sich sehr schnell und aktiv zu entwickeln, verspricht Kremer. »Karrierelaufbahnpläne und Zukunftsperspektiven werden dabei gemeinsam mit den Nachwuchskräften erarbeitet und je nach Vorerfahrung und Talent definiert.« Das wird vor allem auch deshalb möglich, weil P&C im Wachstum begriffen ist. Wie die übrige Textilwirtschaft übrigens auch, wenngleich die Geschäftspolitik nicht so expansiv ausfällt wie beim Discounter KiK.

Apropos Wachstum: Selbst in Krisenzeiten, hieß es lange, wird bei den Ausgaben für Haustiere nicht gespart. Den Gürtel enger schnallten die Deutschen im Zweifel stets lieber bei anderen Ausgabenposten, erst 2011 sank der Umsatz des deutschen Heimtiermarkts leicht. An Fressnapf lag es nicht, denn das seit seiner Gründung im Jahr 1990 schnell expandierende Unternehmen setzte auch in den letzten beiden Jahren seinen Wachstumskurs fort. Davon profitierte Jenny Chan, die 2012 eine Stelle als Vertriebstrainee bei Fressnapf angetreten hat. »Sehr gut« aufgenommen fühlte sich Chan bei ihrem neuen Arbeitgeber, für den sie seitdem drei Märkte in Kassel betreut. Vor allem mit Blick auf die vertrieblichen Aufgaben, aber auch als ›Zentralansprechpartnerin‹ für diese Filialen. Chan hat die Möglichkeit, Produktentwicklungen zu verfolgen und lernt, »welche Kriterien für eine Markteröffnung zu beachten sind«. Und schließlich fällt in ihren Aufgabenbereich auch, den Mitarbeitern im Tagesgeschäft zur Hand zu gehen. Nicht grundlos ist es daher »die tagtägliche Zusammenarbeit mit Menschen, sowohl Mitarbeitern als auch Kunden, direkt an der Verkaufsfläche«, die für die Absolventin der Universität Maastricht das eigentlich Bemerkenswerte und Reizvolle an ihrem Job im Einzelhandel ausmacht. Und der Kundenkontakt ist es vielleicht, der die besonderen Anforderungen an all jene stellt, die als Vertriebler einmal die Verkaufsflächen der Republik bändigen wollen. Nicht nur in ihrer betriebswirtschaftlichen, auch in ihrer sozialen Kompetenz sind sie gefordert: Mit Empathie und Lebensfreude.


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