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Branchenreport: Einzelhandel

Der Einzelhandel: Vielfältig, variantenreich und mit zahlreichen Berufsfeldern und Karrieremöglichkeiten.

Einzelhandel - Die Rechnung ist einfach:

Wenn die Wirtschaft boomt, steigern die Unternehmen die Investitionen. Das Auftragsvolumen nimmt zu, neue Mitarbeiter werden eingestellt, um den Workflow bewältigen zu können. Dadurch haben die Bürger mehr Geld im Portemonnaie, das sie in den Konsum stecken können. Die Folge: Der Einzelhandel blüht. In der momentanen Krisensituation dreht sich die Spirale genau in die gegenteilige Richtung.

Steigende Arbeitslosigkeit bedeutet für die Bürger weniger Geld in der Tasche

Das wiederum führt zu einer verminderten Kauflaune und sinkenden Einnahmen des Handels. Im Februar ist der Umsatz des Einzelhandels im Vergleich zum Vorjahresmonat folglich um 5,3 Prozent gesunken. Für das erste Halbjahr 2009 erwarten gemäß einer HDE-Umfrage unter 1.200 Unternehmen 40 Prozent sinkende Umsätze, nur 19 Prozent hoffen noch auf Umsatzsteigerungen. Für das Gesamtjahr rechnet der Verband allenfalls mit stagnierenden Umsatzzahlen, auch ein leichtes Minus sei möglich. Erschwerend kommt die so genannte Abwrackprämie hinzu. Bürger, die ihr altes Auto verschrotten und sich einen neuen Wagen kaufen, erhalten 2.500 Euro vom Staat. »Es kaufen jetzt Leute Autos, die das ohne die Prämie nicht getan hätten. Dadurch fehlt ihnen natürlich Geld, das sie sonst in Lebensmittel, Mode oder Technik gesteckt hätten«, klärt HDEExperte Malcher auf.

Die Lage ist also, wie in den meisten anderen Branchen, ernst, aber beileibe nicht hoffnungslos

Gerade die Lebensmitteldiscounter, die für ihre Tiefpreise bekannt sind, könnten sogar als Gewinner aus der Krise hervorgehen. Beim Netto Marken-Discount, der nach dem Zusammenschluss der Marken Netto und Plus in über 4.000 Filialen rund 50.000 Mitarbeiter vereint, spricht Personalreferentin Alexandra Wittmann »vom Lebensmittel-Einzelhandel als zukunftssicherer Branche, die trotz der aktuellen Krise positive Wachstumsraten verzeichnen kann«. Zu den ‘Big Playern’ der Tiefpreisspezialisten zählen neben Netto vor allen Dingen Aldi und Lidl sowie die Edeka-Gruppe. Die Lebensmitteldiscounter suchen für ihre Traineeprogramme besonders künftige Bereichsleiter für Filialen und – dem Trend zum Onlinehandel folgend – IT-Spezialisten. Neben den gängigen Voraussetzungen wie Team- und Kommunikationsfähigkeit, um die Bedürfnisse der Kunden sprichwörtlich von deren Lippen ablesen zu können, gewinnt das Kriterium Vielsprachigkeit immer mehr an Bedeutung.

Die Internationalisierung des Einzelhandels ist weit fortgeschritten, vor allem die osteuropäischen Märkte spielen eine immer größer werdende Rolle. Aldi hat beispielsweise Filialen in Slowenien und Ungarn, für den Einrichtungskonzern Ikea ist Russland einer der größten Wachstumsmärkte und die Bekleidungshauskette Peek & Cloppenburg hat erst vor Jahresfrist in Wien eine neue Zentrale für Österreich und Osteuropa gegründet. Aus diesem Grund »lernen Einsteiger anfangs das Unternehmen kennen, die erste Auslandsphase kommt in der Regel aber vergleichsweise sehr früh«, weiß Wilfried Malcher. Die Absolventen können dann hautnah miterleben, wie neue Filialen aufgebaut und Vertriebsstrukturen etabliert werden.

Zurück in Deutschland stellt sich die Frage, in welchen Vertriebsformen Absolventen ihre Zukunft sehen sollten. Bei Discountern, Fachmärkten oder doch bei Warenhäusern? Die Discounter jedenfalls sind zu Beginn des Jahres ihrem Ruf gerecht geworden und haben weiter an der Preisschraube gedreht. Im Januar 2009 kostete der Einkauf bei ihnen laut der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) 1,3 Prozent weniger als im Vorjahresmonat. Damit zwingen Aldi, Lidl und Co. die Konkurrenz, beispielsweise aus den Supermärkten und Warenhäusern, zu Preissenkungen.

Ein erbitterter Kampf um jeden Kunden ist entfacht. Ein Kampf, den die Warenhäuser zu verlieren drohen. Der Anteil von Kaufhof, Karstadt und Co. am Gesamtumsatz des Einzelhandels war laut Malcher »mit fünf bis sieben Prozent nie besonders hoch«. Meldungen über Filialschließungen bei Karstadt und Kaufhof sowie die Insolvenz von Hertie schrecken aber dann doch auf. Ein Sterben der großen Händler sieht Malcher allerdings nicht:

»Wichtig ist für die Unternehmen, sich und ihr Angebot zu profilieren. Egal, ob es etwas Spezielles, Preiswertes oder Luxuriöses ist. Die zentrale Herausforderung des Handels besteht darin, sein Versprechen aus der Werbung umzusetzen.«

Eine andere Vertriebsform, die schon mehrfach totgesagt wurde, existiert auch heute noch: der gute, alte Tante-Emma-Laden. »Es gibt noch welche«, bestätigt

Malcher und ergänzt:

»Gerade im Lebensmittelbereich wird das Prinzip der Tante-Emma-Läden wieder neu entdeckt, nur eben in moderner Form. Mit begrenzten Sortimenten entstehen neue Läden in Wohngebieten, um älteren Kunden Wege abzunehmen.«

Insbesondere die Generation Senior findet an den Tante-Emma-Läden Gefallen. Nicht nur die kurzen Wege, sondern auch die Übersichtlichkeit der Angebote helfen älteren Menschen beim Einkauf. So ist die Bandbreite des deutschen Handels so groß wie selten zuvor: Vom traditionellen Tante-Emma-Laden bis zum fortschrittlichen E-Commerce, vom spezialisierten Fachmarkt bis zum ‘Allround’-Warenhaus, vom preiswerten Lebensmitteldiscounter bis zum kostenintensiven Luxusgütergeschäft.

Der Einzelhandel lebt also, vielfältig, variantenreich und mit bedeutend mehr Berufsfeldern und Karrieremöglichkeiten, als viele ehemalige Klassenkameraden denken. Ein Grund sich zu schämen, ist eine Beschäftigung im Handel beileibe nicht. Vielmehr ist es der Beweis, wandlungsfähig, zukunftsorientiert und menschennah zu sein. Ein Beweis, den beispielsweise Anwälte erst noch erbringen müssen.


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