Mann hängt an pink-rot gestreifter Wand

Der Lebensmittelhandel ist im stetigen Wandel

Der stete Wandel des Lebensmittelhandels ist eine Besonderheit der Branche. Ein spannendes Aufgabenfeld für Wiwis

Sie wollen es ganz genau wissen: Achtet er eher auf Qualität oder ist er ein Schnäppchenshopper? Ist er ein Markenjunkie oder kauft er auch mal die No-Name-Kekse von der Discounterhausmarke? Fährt er zum Einkaufen in die Innenstadt, radelt er ins Wohngebiet um die Ecke oder schiebt gar den virtuellen Einkaufswagen an die Onlinekassen? Lebt er allein oder in einer Wohngemeinschaft und welches Getränk schlürft er eigentlich zum Pausensnack?

›Sie‹, das sind die Verantwortlichen im Lebensmitteleinzelhandel, ›er‹ steht für den deutschen Konsumenten: du, ich, deine Kommilitonen, deine Nachbarn, deine Eltern, dein Professor und deine Oma. Handel ist Wandel, heißt es so schön, und der Handel wandelt sich munter mit den Wünschen und Vorlieben von uns, den Verbrauchern – ein Grund, weshalb Marktforscher Jahr für Jahr akribisch Daten über uns und unser Kaufverhalten sammeln, um daraus Statistiken als Richtstern für den Lebensmitteleinzelhandel zu basteln. Hätte vor gut zehn Jahren wohl noch kaum ein Käufer erwartet, dass ein Lebensmittelladen unter der Woche auch bis 24 Uhr noch geöffnet hat, so ist das heute – mal abgesehen von Bayern und dem Saarland (Ladenschluss: 20 Uhr), Rheinland-Pfalz und Sachsen (Ladenschluss: 22 Uhr) – zumindest im urbanen Raum nahezu selbstverständlich. Dabei handelt es sich nur um eine der zahlreichen Anpassungen an den veränderten Lebenswandel der Konsumenten. Regale voller Veggie- und Bioprodukte, Singlepackungen als Verkaufsschlager und Parkettimitat statt Eierschalenkachelboden im Hochglanzsupermarkt – all jene Trends des Lebensmitteleinzelhandels sind keine willkürlich ausgeführten Maßnahmen, sondern ausgefeilte Strategien der Produktmanager, Category Manager und Marketingexperten, die die Fäden hinter der Supermarktfassade ziehen. Positionen, für die Absolventen der Wirtschaftswissenschaften besonders gut geeignet sind und die ihnen jede Menge Vielfalt zu bieten haben.

Das geschulte Auge

Wenn Alexander Pape beim Lebensmitteleinkauf zwischen den Regalen entlangschlendert, ist sein Blick längst auf weit mehr als auf feilgebotene Produkte und Sonderangebotsverweise gerichtet. Der 26-Jährige ist derzeit für das Arbeitgebermarketing bei der Rewe Group zuständig. Als Quereinsteiger entdeckte er während seines dualen Tourismusmanagement Studiums seine Leidenschaft für den Handel. Mittlerweile hat sein Wissen um die Prozesse im Hintergrund, wie beispielsweise Preise entstehen und welche Abläufe im Supermarkt vor sich gehen, seine Perspektive auf den Kauf von Nahrungsmitteln stark verändert: »Auch wenn ich persönlich nicht direkt an strategischen oder operativen Themen, die im Markt stattfinden, arbeite, gehe ich trotzdem mit einem ganz anderen Bild durch einen Laden. Ich weiß, dass hinter der Platzierung der Produkte eine Taktik steckt und nehme zum Beispiel die Prozesse an der Kasse, welche der Kunde vielleicht auch sieht, noch einmal ganz anders wahr.« Die Umsetzung von am Schreibtisch ausgearbeiteten Konzepten in der Realität zu beobachten, ist für Pape nach wie vor spannend und macht für ihn auch ein Stück weit den Reiz an der Arbeit im Einzelhandel aus. »Es ist die Mentalität des Machens, die ich an der Branche so schätze. Bei aller Planung und strategischer Ausrichtung müssen in diesem tempogeladenen Wettbewerb Trends unglaublich schnell umgesetzt werden. Handlungen und Entscheidungen haben häufig eine direkte, sichtbare Auswirkung auf das operative Geschäft: Wenn ich beispielsweise etwas in der Logistikkette verändere, brauche ich nur ins Lager zu gehen und kann die Entwicklung direkt beobachten. Oder wenn ich zum Beispiel im Marketing die Kekse der Eigenmarke mitgestaltet habe, kann ich vor Ort sofort beobachten, wie sie beim Kunden ankommen.«

Facettenreiche Jobs für Macher

Prinzipiell bietet der Lebensmitteleinzelhandel eine große Palette an beruflichen Möglichkeiten für Absolventen aus den Wirtschaftswissenschaften. Alle klassischen ›BWL-Berufe‹ wie Controlling, Product Management oder Marketing sind in der Branche vertreten, einen besonderen Stellenwert nehmen dabei wohl sicherlich Logistik und Vertrieb ein, so Pape von der Rewe Group. Wer nicht der geborene Vertriebler ist, findet ja vielleicht an den Knobelaufgaben des Category Managements gefallen, der Verantwortung für die Sortimentgestaltung. Hier müssen Sortiment und Kunden in Einklang gebracht werden, wobei auch stets ein Auge auf aufkeimende Trends gerichtet bleiben muss. Habe ich genügend Erfrischungsgetränke im Vollsortiment oder am Ende gar zu viele? Springt die Masse noch auf Götterspeise an oder sollte man diese besser durch Frozen Yoghurt Produkte ersetzen? Ein kniffliges und stets aktuelles Fachgebiet – eines von vielen im Lebensmitteleinzelhandel.

Wege in die Branche

Hat man sich entschieden, in welchem Bereich man tätig sein möchte, bleibt nur noch die Frage zu klären, welche Art von Berufseinstieg man bevorzugt. Neben dem direkten Einstieg stellt ein Traineeprogramm eine äußerst beliebte Methode dar, um im Anschluss an die akademische Qualifizierung auf Tuchfühlung mit der Handelspraxis zu gehen. Manch einem Absolventen aus den Wirtschaftswissenschaften mag es vielleicht nicht ganz so glamourös erscheinen, in den ersten Monaten des Einstiegs Obstkisten zu sortieren oder Konserven zu stapeln – doch dieser Einsatz, direkt am Ort des Geschehens, der Bestandteil in nahezu jedem Traineeprogramm im Lebensmitteleinzelhandel ist, garantiert, dass es an Nähe zum Produkt nicht fehlt. Denn mangelt es an dieser, läuft es meist nicht rund: Wer Lebensmittel vertreiben möchte, sollte auch einen Bezug zu ihnen aufweisen können, bestätigen Branchenvertreter. Diesen Bezug zum abgesetzten Gut hat Edeka sich (sprich-)wörtlich auf die Fahnen geschrieben, ›Wir lieben Lebensmittel‹ weht es am Fahnenmast vor vielen Filialen. Der Slogan ist auch Henrik Bade wohlbekannt: Er durchläuft derzeit ein 18-monatiges Traineeprogramm bei dem Lebensmittelhändler, der im Jahr 2014 deutschlandweit einen Nettoumsatz von 47,2 Milliarden Euro erwirtschaften konnte und zu den beliebtesten Supermärkten in Deutschland zählt. Im Rahmen des Traineeprogramms hat er die Möglichkeit, an den Stationen in verschiedenen Geschäftsbereichen der Edeka Zentrale, im Großhandel und in einem Edeka Markt viele Bausteine des Handels aus nächster Nähe kennenzulernen. Auf jeder Station hat der Trainee unterschiedliche Aufgaben im täglichen Geschäft, auch wenn sein eigentlicher Schwerpunkt das Supply Chain Management ist: »Im Vordergrund steht die Verbesserung von komplexen Lieferstrukturen – vom Lieferanten über unsere hochmodernen Logistikzentren bis in die Regale der rund 7.300 Edeka Märkte. Dafür habe ich die Logistikstrukturen unserer Lieferanten im Detail mit analysiert. Ich konzentrierte mich dabei vor allem auf die spezifische Auslastung der LKWs, um Potenziale zur Optimierung der Kosten zu identifizieren«, so Bade. In Gesprächen mit den Lieferanten konnte der Edeka Trainee jene konkreten Potenziale schließlich aufdecken und eine Optimierung vereinbaren. Ein erster großer Erfolg für den Absolventen: Gemeinsam mit den Lieferanten konnte so die Anzahl der LKW-Transporte signifikant reduziert werden.

Im Lebensmitteleinzelhandel auf der Karriereleiter nach oben

Vielleicht ist es keine Branche, die die Augen der Kommilitonen im Gespräch aufleuchten lässt, dennoch: Die guten Gehaltsbedingungen sowie die schnellen Aufstiegsoptionen für den akademischen Nachwuchs sprechen für sich. Wer davon träumt, schon bald nach dem Karrierestart Personalverantwortung zu übernehmen, dem stehen hier vielfältige Optionen offen. Besonders im Vertrieb funktioniere das relativ rasch nach dem Studium, so Pape von der Rewe Group. Die Positionen in der Bezirksleitung seien beispielsweise so geschaffen, dass Absolventen direkt nach einer kurzen Einarbeitungsphase Personalverantwortung übertragen bekommen. Natürlich sei auch nicht jedermann für eine Führungsposition geeignet oder strebe sie gar nicht vordergründig an. Wer fähig ist und Willen zeige, erhalte Entwicklungsspielraum, »aber neben der klassischen Karriere nach oben ist es auch unser Bestreben, uns breit aufzustellen. Sozusagen brauchen wir nicht nur Häuptlinge, sondern auch Indianer. Und deswegen bieten wir zusätzlich auch Fachkarrieren- und Projektkarrieremodelle an, welche entsprechend auf das Fachwissen hinarbeiten.« Egal ob Fach- oder Führungskarriere, der Lebensmitteleinzelhandel steckt voller interessanter Möglichkeiten für Wiwis. Torsten Fuchs, Direktor der privaten Bundesfachschule des Lebensmittelhandels, der food akademie Neuwied GmbH, schwärmt geradezu vom Karrieresprungbrett Lebensmitteleinzelhandel: »Mich persönlich beeindrucken die Karrierewege im Lebensmitteleinzelhandel. Mit Anfang bis Mitte 20 haben die Nachwuchskräfte meist bereits eine Umsatzverantwortung von teilweise mehreren Millionen Euro und führen ein Team von 20 und mehr Mitarbeitern.« Das passiert in vielen anderen Branchen bei weitem nicht so schnell. 

Blumen für den Bachelor

Ein weiterer Unterschied: Während in diversen anderen Fachgebieten ein unbedingtes Plädoyer für den Masterabschluss vorherrscht, heißt der Lebensmitteleinzelhandel auch Bachelorabsolventen mit offenen Armen willkommen. Professor Dietmar Polzin, der Studiengangsleiter BWL Handel Warenwirtschaft und Logistik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Mosbach, ist gerade von einem dualen Bachelorprogramm als ausreichende Qualifikation für eine Karriere im Lebensmitteleinzelhandel überzeugt – ein Mastergegner ist er deshalb jedoch nicht: »Ein Masterstudiengang lohnt sich bei einer Weiterqualifizierung für eine Spezialistenposition oder bei Branchenwechsel.« Jährlich schreiben sich etwa 65 Studierende für den Bachelorstudiengang ein, rund zwei Drittel der Studenten strebt dabei eine Anstellung in der Lebensmittelhandelsbranche an und hat ein entsprechendes Ausbildungsunternehmen als dualen Partner. Das Studium ist dabei inhaltlich in drei verschiedene Themenbereiche aufgegliedert: Die Füße der Studenten werden zuerst einmal auf eine breite BWL Basis gestellt, um schließlich im zweiten Teil mittels handelsspezifischer Inhalte wie Handelsmanagement und -marketing das Laufen im Business zu erlernen. Als drittes Standbein für die zukünftigen Handelsexperten werden Logistikthemen vertieft, wie beispielsweise im Studienprofil Handelslogistik. Der Trumpf des dualen Modells: Neben dem theoretischen Input sammeln die Studierenden bereits während des Studiums praktische Erfahrung im Unternehmen, wo sie die Hälfte ihrer Studienzeit zubringen. »Der klare Vorteil liegt im Wechsel von Theorie und Praxis. Die Studierenden haben von Anfang an direkten Kontakt in die Branche und erhalten ein monatliches Gehalt«, so Professor Polzin über das duale Konzept. Die Übernahmequote nach dem Studium kann sich entsprechend sehen lassen: Über 80 Prozent der Absolventen werden im Anschluss an ihr Studium durch den dualen Partner übernommen, darunter zahlreiche Marktführer der Branche. Natürlich muss ein Studiengang nicht unbedingt mit ›Handel‹ gelabelt sein, um für die Lebensmitteleinzelhandelskarriere zu qualifizieren – BWLer, Wirtschaftsingenieure, aber auch Quereinsteiger wie Pape aus dem Tourismusmanagement haben hier Chancen.

Kunden begeistern, Trends implementieren

»Wer in dieser dynamischen Branche Karriere machen möchte, braucht Flexibilität, Leidenschaft sowie den Willen und den Mut, Dinge zu bewegen«, so Gernot Kasel, ein Sprecher der Edeka Zentrale. Stillstand gibt es nicht, ein nächster Trend ist stets im Anmarsch. So sei beispielsweise die zunehmende Digitalisierung ein Thema, mit dem sich die Branche in den nächsten Jahren intensiv beschäftigen werde – und zwar nicht nur im Marketing, sondern auch in vielen anderen Geschäftsbereichen. Auch tiefgreifende Themen wie der gesellschaftliche Wertewandel in Bezug auf Lebensmittel können sich mitunter spürbar auf den Handel mit Lebensmitteln auswirken – in Frankreich führte dies beispielsweise kürzlich zu einer Gesetzesnovelle: Supermärkten wurde vom Staat verboten, überschüssige und unverdorbene Lebensmittel einfach wegzuwerfen – diese müssen von nun an gespendet, als Tiernahrung genutzt oder als Kompost für die Landwirtschaft verwendet werden. Ein Gesetz, welches eine immer stärker verbreitete Geisteshaltung der Verbraucher widerspiegelt. 95 Prozent der deutschen Bürger unterstützen beispielsweise – Angaben des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz zufolge – das Ziel, die Menge an weggeworfenen Lebensmittel zu reduzieren. Etwas mehr als vier Kilo vernichtete Lebensmittel pro Kopf und Jahr fallen der EHI-Retail-Studie aus dem Jahr 2011 in Deutschland auf den Lebensmitteleinzelhandel zurück, insgesamt jährlich etwa 0,31 Millionen Tonnen. Natürlich ist auch der Verbraucher kein Unschuldslamm bei der Verschwendung von Nahrungsmitteln, ganz im Gegenteil: knapp sieben Millionen Tonnen der vernichteten Lebensmittel gehen nach Angaben der Cofresco-Erhebung ›Save Food Studie‹ aus dem Jahr 2011 auf sein Konto. Nicht immer ist es einfach, alle Trends und Wünsche der Verbraucher ausgewogen zu bedienen. Ein weiterer Punkt, mit dem Verbraucher die Handelskaufleute vor Herausforderungen stellen: Unansehnliche Birnen werden kaum gekauft, Milchwaren kurz vor dem Verfallsdatum scheel angesehen – die Frische der Ware steht Angaben des Statistikportals Statista zufolge bei deutschen Verbrauchern auf Platz Eins der Kriterien für den Einkauf. Ein Balanceakt zwischen dem ständigen Bereithalten frischer Waren und gleichzeitig möglichst geringen Verlust, mit dem die Anbieter umgehen müssen. Edeka sagte beispielsweise der Überbestellung von Waren den Kampf an, in dem massiv in moderne Warenwirtschaftssysteme investiert wurde, um die eigene Warendisposition zu optimieren. Genauso wie bei der Rewe Group werden Waren kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums günstiger angeboten und darüber hinaus auch die Tafel-Initiativen durch Lebensmittelspenden unterstützt. Insgesamt ist die Verlustquote des deutschen Lebensmitteleinzelhandels äußerst gering: Angaben des EHI Retail Institutes zufolge beträgt der Anteil unverkäuflicher, ergo beschädigter, verdorbener oder abgelaufener Ware etwas mehr als ein Prozent des Nettowarenwerts aller Produkte.

Optimale Chancen für Wiwi-Absolventen

Der Handel mit Lebensmitteln hält zahlreiche derartige kleine und große Herausforderungen für Absolventen aus den Wirtschaftswissenschaften bereit. Das etwas hemdsärmelige Image vom Einstieg als Obstkisten schleppender Trainee steht einem spannenden Aufgabenfeld für Absolventen gegenüber, die Lust auf eine Karriere mit Macher-Mentalität und schnellen Aufstiegsmöglichkeiten haben. Für Torsten Fuchs von der food akademie sind es vor allem »die Menschen, als Mitarbeiter oder als Kunden, die den Lebensmitteleinzelhandel so vielschichtig machen. Wer bereits unmittelbar nach einem Studium oder einer berufsbegleitenden Aus- und Fortbildung wirkliche Führungsverantwortung übernehmen möchte, der ist hier genau richtig.«


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