Fairness auf der Haut

Michael Spitzbarth, Gründer des Eco-Fashion-Labels bleed, spricht mit uns über nachhaltiges Wirtschaften

bleed-Gründer Michael Spitzbarth. Foto: Paula Bartels

Herr Spitzbarth, was hat Sie vor zehn Jahren dazu motiviert, Bleed zu gründen?

Die Missstände, die auf diesem Planeten herrschen – gerade bei der Produktion von Mode, einem der blutigsten Businesses weltweit. Das Schlimme dabei ist, dass wir sie ständig aufs Neue konsumieren. Vorfälle wie der Fabrikeinsturz in Bangladesch im April 2013 und eigene berufliche Erfahrungen in der Branche haben mir deutlich vor Augen geführt, dass mehr als genug Handlungsbedarf besteht.

Sie haben Bleed in einer Zeit gegründet, als speziell die Outdoor- und Sportswear-Branche weit von den Themen Bio und Nachhaltigkeit entfernt war.

Genau. Deswegen war es in den ersten Jahren harte Pionierarbeit, das Geschäftsmodell auf die Reihe zu bringen. Wir haben damals einen sehr innovativen Weg gefunden, funktionale Fasern und Materialien mit Nachhaltigkeit und Style zu kombinieren, um Leute nicht nur über Nachhaltigkeit anzusprechen, sondern auch über den coolen Lifestylefaktor begeistern zu können.

Das klingt nach einer wahren Herausforderung. Wie sind Sie beim Aufbau des Unternehmens vorgegangen?

Das wichtigste Ziel war natürlich, ein nachhaltiges Produkt auf die Beine zu stellen. Das war vor zehn Jahren noch deutlich schwieriger als es jetzt ist. Es war zwar möglich, diverse Bioprodukte aus Standardtextilien herzustellen, aber so wirklich innovativ war es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Produkte wie eine Biojeans, die bei der Herstellung einen möglichst geringen Wasserverbrauch hat oder eine komplett recyclebare Funktionsjacke, waren damals einfach noch nicht vorhanden. Hinzu kam, dass die Branche vor zehn Jahren noch gar nicht offen war für das Thema Nachhaltigkeit. Das hat sich vor allem im Vertrieb gezeigt. Eine gewisse Nachfrage nach nachhaltigen Textilien gibt es im Handel erst seit zwei, drei Jahren. Im Endeffekt musste uns die Lebensmittelbranche den Weg ebnen. Das Bioessen hat zuerst Anklang bei der breiten Masse gefunden, Mode und Kosmetik ziehen jetzt nach.

Wann hat das genau begonnen und worin liegen die Gründe hierfür?

Einen gewissen Zug gab es schon vor fünf Jahren. Durch Themen wie Mikroplastik, Plastikmüll an sich, die Verunreinigung der Ozeane, aber auch Veganismus und die Abkehr von Massentierhaltung, haben in den letzten drei Jahren immer mehr Menschen begonnen, nachhaltige Kleidung zu kaufen.

Der Kauf nachhaltiger Kleidung ist dennoch kein Kinderspiel.

Das stimmt. Eine gewisse Aufklärung des Kunden ist notwendig. Denn natürlich tut sich der Verbraucher schwer, zu entscheiden, bei welchem Produkt es sich wirklich um ein grünes handelt. Ein großes Problem ist hierbei das Thema Greenwashing. Es werden viel zu viele  Produkte als grün oder ökologisch dargestellt – sind es aber eigentlich nicht. Der Kunde kann sich zwar über Zertifikate leiten lassen. Aber es ist schon großes Wissen notwendig, um richtig zu konsumieren.

Wie kann ich als Kunde erkennen, ob es sich wirklich um ein faires Bioprodukt handelt?

Zertifikate wie der ›Global Organic Textile‹ oder der ›Global Recycle Standard‹ geben den Weg ein bisschen vor. Mein Tipp lautet allerdings, eine kurze E-Mail an das Unternehmen zu schreiben und nachzufragen, wie und wo das Produkt hergestellt wird. Je nachdem, wie fundiert die Antwort ist, können sich Kunden ein Bild davon machen, was hinter dem Produkt und der Marke steckt. Transparenz ist im Bereich Nachhaltigkeit das A und O. Daneben können sich Interessierte auf der Webseite und in den Sozialen Medien Informationen über das Unternehmen holen. Wir geben uns vor allem bei der Kommunikation mit den Kunden sehr viel Mühe, damit sie die Transparenz bekommen, die sie verdienen.

Fair zu wirtschaften, tut der Umwelt und den Menschen gut, keine Frage. Inwiefern ist das Modell jedoch für das Unternehmen selbst auch ökonomisch erfolgreich?

Da muss ich weiter ausholen: Es muss natürlich eine gewisse Geldspanne vorhanden sein, damit sich das Unternehmen finanzieren kann. Gerade Konzerne arbeiten mit unglaublich großen Marketingbudgets. Wenn sie dann zusätzlich ständig versuchen, die eigene Marge zu vergrößern, heißt das meist, dass die produzierenden Betriebe zuerst darunter leiden, wenn Preise zu sehr gedrückt werden. Wir bei Bleed bezahlen einen fairen Preis, haben dafür aber entsprechend weniger Marge. Das bedeutet, wir müssen Einschnitte im Marketing vornehmen. Das ist nicht einfach für uns, da wir uns ungleich schwerer tun, unsere Produkte zu  vermarkten. Auf der anderen Seite bekommen wir aufgrund des Gedankens der Nachhaltigkeit und des Innovationsgrads unserer Kollektionen wahnsinnig viele Presseanfragen. Das hilft uns, dieses Loch, das wir im Marketingbudget haben, auszugleichen.

Wie sieht es mit Produktpreisen und Gehältern aus?

Ich will nicht sagen, dass Nachhaltigkeit weh tun muss, aber jeder muss da einen Schritt mitgehen – ob das jetzt unsere Händler oder unsere Kunden sind, die vielleicht einen Ticken mehr bezahlen. Ob das wir sind, die Einschnitte im Marketing vornehmen müssen und wir uns keine großen Gehälter auszahlen können – es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Nur so kann es funktionieren.

Inwiefern sind Kunden bereit, mehr Geld für ihre Kleidung auszugeben?

Die großen Modeunternehmen, gerade im preisgünstigen Bereich, haben im Moment starke Einbußen zu verzeichnen. Ich glaube, dass sich derzeit ein gewisser Bewusstseinswandel breitmacht, weil die Verbraucher den Turbokonsum satt haben. Ich finde es auch relativ krass, als Kunde immer wieder aufs Neue vom Marketing bespielt zu werden – weil zwanzig Kollektionen im Jahr produziert werden. Wer so reizüberflutet ist, freut sich umso mehr über ein qualitativ hochwertiges Kleidungsstück, das lange hält. Es kommt eine gewisse Wertschätzung bei den Kunden auf: Sie wollen wissen, wo das Produkt herkommt, wollen eine anständige Qualität und das Kleidungsstück nicht alle paar Wochen auswechseln müssen, weil es kaputtgeht. Ich glaube, am Ende passiert da schon was in den Köpfen und auch im Konsumverhalten.

Welchen Tipp können Sie jungen Berufseinsteigern geben, die sich bei ihrem Arbeitgeber für mehr Nachhaltigkeit einsetzen wollen?

Das ist davon abhängig, wo sie den Hebel ansetzen wollen und bei welchem Betrieb sie tätig sind. Es kann ein sehr schwieriges Vorhaben sein. Ich war ja vor zehn Jahren auch bei ›normalen‹ Firmen angestellt und wollte dort etwas verändern. Das hat gar nicht funktioniert – dann hab ich’s halt selber gemacht. Hin und wieder muss man, glaube ich, auch mit dem Kopf durch die Wand. Wobei es, wie gesagt, heutzutage wahrscheinlich wesentlich einfacher ist, gewisse Impulse zu setzen. Aber im Grunde: Mit dem Kopf durch die Wand, mit aller Vehemenz.

Wie sollten die Wiwis der Zukunft denken und handeln? Was muss sich hier unbedingt ändern?

Eine große Schwierigkeit liegt darin, dass  – das muss ich jetzt leider so sagen – viel Mist gelehrt worden ist, gerade auch in den wirtschaftlichen Studiengängen. Das macht es schwer, in den Köpfen der Menschen ein Umschalten auf Nachhaltigkeit zu bewirken. Denn es stehen einfach noch zu viele verkrustete Managementstrukturen dagegen. Ich glaube, wenn sich die Wirtschaft tatsächlich nachhaltig entwickeln soll, dann fängt das in den Schulen an und geht in den Hochschulen weiter. So ließe sich ein erster Drive erzeugen, sodass der Nachhaltigkeitsgedanke mehr und mehr in den Firmen und Konzernen ankommen kann.

Da müssten einfach andere Inhalte und Denkstrukturen vermittelt werden.

Absolut. Unser Wirtschaftssystem basiert nur auf Wachstum. Das ist vollkommen antiquiert und kann nicht funktionieren. Es ist schon längst fünf nach zwölf. Alles, was wir jetzt besser machen, ist gut. Aber um noch die Umkehr zu schaffen, ist es wahrscheinlich fast zu spät. Der Nachhaltigkeitsaspekt muss wirklich seinen Platz in der Lehre einnehmen und ein Umdenken stattfinden. Nur dann lässt sich noch etwas bewirken.

Ihre Prognose: Wie nachhaltig und fair werden deutsche Unternehmen in 20 Jahren wirtschaften?

Ich hoffe natürlich, dass da viel passieren wird. Verglichen mit den großen Fortschritten der letzten drei bis fünf Jahre, lassen sich in zwei Jahrzehnten wirklich Berge versetzen. Dafür müssen aber die verkrusteten Strukturen aufgebrochen werden. Ich glaube sogar, dass in 20 Jahren nur noch Unternehmen bestehen können, die eine transparente und nachhaltige Supply Chain vorweisen können. Sie müssen also in der Lage sein, genau darzulegen, wo das Produkt herkommt, wie es gemacht ist und was Kunden davon haben. 

Ihr Tipp für den nächsten Kleidungskauf: Mit welchem nachhaltigen Produkt kann jeder anfangen?

Das T-Shirt ist immer das Einfachste. Und wer erstmal weniger Geld ausgeben will, kauft eben ein Paar Socken aus Biobaumwolle. Die Haut ist das größte Sinnesorgan des Menschen. Sie nimmt über die Poren etliche Giftstoffe auf, die  in normal produzierten Textilien enthalten sind. Deshalb würde ich mir zuerst ein Kleidungsstück kaufen, das direkt auf der Haut liegt. Damit tut sich jeder auch selbst einen großen Gefallen.

 


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